Verlag Karin Kestner

Verlag Karin Kestner

Verlag für Gebärdensprache und Themen der Gehörlosigkeit

 

Blitzlichter in der Dunkelheit

Leseprobe, Seite 76

Es klingelte. Ich konnte die Klingel nicht hören, mein Schulfreund ging an die Tür und öffnete. Ich dachte, es wäre Besuch für meine Vermieterin. Doch er kam an die Tür und sagte: „Sabine, komm mal mit, draußen steht jemand, der dich sprechen will!“ Ich sah ihn fragend an und entgegnete: „Wer sollte mich denn sprechen wollen?“ und stand auf. Auf dem Weg zur weit geöffneten Eingangstür fiel mein Blick zuerst auf die stahlblauen Augen eines Mannes, die mich mit einer Intensität festhielten, dass es mir unmöglich war, diesem Blick auszuweichen. Röte überzog meine Wangen. Ich errötete vor einem mir völlig unbekannten Menschen. In Zeitlupe wurde mir bewusst, dass es noch ein anderes Augenpaar gab, welches diesem Schauspiel folgte. Langsam ließ ich meinem Blick weiter wandern, über die Militäruniform, dann wieder zu seinem Gesicht, den markanten Zügen, Grübchen im Kinn, wohlgeformte Lippen, sehr maskulin. Er war über 1,70 Meter groß, hatte eine athletische Figur und das, was an Haarfarbe unter der Uniformmütze zu sehen war, schien dunkelblond zu sein. Meinem fragenden Blick begegnete er mit einem strahlenden Lächeln und der Feststellung: „Sie sind doch die Sabine?“ Krampfhaft versuchte ich mich zu erinnern. Er half mir dabei, indem er mir erzählte, dass ich seinen letzten Brief nicht mehr beantwortet hätte und er endlich Zeit gefunden habe, um sich ein persönliches Bild von mir zu machen. Ich war sprachlos, wandte mich um und überlegte, was ich nun tun könne. Mein Schulfreund schnappte sich seine Jacke und ging mit der Bemerkung, dass wir uns ja bald wieder sehen würden. In was für eine Lage war ich da geraten?

 

 
 
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