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Winny - Gehörlos nach Meningitis

Was würdest du tun, wenn du, ohne das Risiko eine CI-OP eingehen zu müssen, wieder hören könntest?

Das ist eine spannende Frage. Sicher haben sich viele noch nicht damit auseinandergesetzt. Für mich als biologisch Ertaubte (Meningitis mit 7 Jahren) und kulturell Gehörlose ist die Frage nicht neu, ich habe sie mir über viele Jahre hinweg immer wieder gestellt und für mich folgende Antwort gefunden:

Natürlich ist es am Anfang für jedes ertaubte Kind ein Schritt in eine völlig neue Kommunikations- und Erfahrungswelt, von einem Tag auf den anderen nichts mehr zu hören. Erprobte und bewährte Kommunikationsformen mit der Familie und mit Freunden fallen weg. Ziemlich krass - so habe ich es auch erlebt. Aber: Ich habe wenige Monate nach meiner Ertaubung erstmals gehörlose Kinder kennen gelernt, die im gleichen Schulbus fuhren wie ich - wir lebten im Sauerland und mussten nach Bochum bzw. Dortmund zur Schwerhörigen- bzw. Gehörlosenschule, fuhren aus ökonomischen Gründen im gleichen Bus - und durch die ich erstmals in Kontakt mit der Gebärdensprache kam. Für mich war diese Begegnung eine Art Schlüsselerlebnis - diese Kinder hörten ebenso wenig wie ich, waren aber im Gegensatz zu mir im Besitz einer funktionierenden Kommunikationsform und augenscheinlich sehr glücklich und zufrieden damit. Verstanden habe ich am Anfang natürlich gar nichts, die Zeichen aber einfach imitiert, mich auslachen lassen und irgendwann und - wie gelernt, mich in der Gebärdensprache zu verständigen. Das Lippenlesen kam erst später dazu, irgendwie habe ich viel schneller Gebärden als Lippenlesen gelernt, obwohl das Lippenlesen meiner eigentlichen Muttersprache, der Lautsprache, doch viel näher ist. Welch ein Glück, dass das CI damals, in den 70er Jahren, noch kein Thema war - meine Eltern sagten mir, als ich mit ihnen über dieses Thema sprach, sie seien sehr froh, dass sie diese Entscheidung nie hätten treffen müssen, denn sie wären so oder so damit überfordert gewesen und hätten Angst gehabt, eine falsche Entscheidung zu treffen. Stattdessen nahmen sie mich einfach weiterhin so, wie ich war, und ließen mich meinen neuen Weg suchen - der mich zur DGS und zur Gehörlosengemeinschaft geführt hat.

Heute bin ich seit über 25 Jahren taub. Ich erinnere mich teilweise noch sehr gut daran, was es heißt, zu hören. Ich weiß, wie es klang, wenn früh am Morgen die Vögel zwitscherten. Ich höre im Geiste immer noch die Stimme meiner Großmutter und die Gesänge meines Großvaters. Ich habe wenig vergessen und ich bewahre diese Erinnerungen in meinem Herzen. Sie waren ein Geschenk - ich habe es nicht verloren, ich habe vielmehr ein neues bekommen: das Geschenk der Stille. Was wäre aus mir geworden, wäre ich hörend geblieben? Hätte ich das Bewusstsein entwickelt, nach dem ich heute lebe, arbeite, fühle, denke, mich für andere Menschen einsetze? Oder wäre ich doch nur eine von vielen geworden, die sich nur um sich selbst kümmern? Hätte ich die Sensibilität entwickeln können, ganz genau auf das zu "hören", was Menschen sagen, ob mit dem Mund oder mit den Händen? Was wäre mir alles verschlossen geblieben, hätte ich weiterhin gehört? Ich hätte so viele wunderbare Menschen niemals kennen gelernt, hätte so vieles nicht gelernt, hätte mich vielleicht selbst nicht zu der entwickeln können, die ich heute sein darf.

Nein, ich möchte nicht wieder hören. Nicht mit einem CI, auch nicht wundersam wieder "normal". Ich weiß, Hören ist etwas Schönes, es macht vieles einfacher. Nichthören dagegen ist für mich ein Geschenk, das ich trotz aller Barrieren, trotz aller Anfeindungen und Kämpfe nie wieder hergeben möchte. Ich wäre nicht mehr dieselbe, die ich heute bin - und ich würde mich schmerzlich vermissen.

Nachtrag: Karin, du darfst sehr gerne diese Zeilen in deine Berichte setzen. Wenn ich auch nur ein ganz klein wenig dazu beitragen kann, hörenden Eltern mit einem gehörlosen oder ertaubten Kind die Angst vor der Zukunft, die Angst vor der "Behinderung", die keine sein muss, zu nehmen, dann tue ich es sehr gern. Natürlich kann und darf man nie verallgemeinern, aber es ist immer gut, wenn man weiß, dass es viele verschiedene Wege gibt, nicht nur jene, die am nächstliegenden zu sein scheinen oder die man von diesen oder jenen "Fachleuten" empfohlen bekommt. Es gibt Schwarz, es gibt Weiß - und es gibt eine ganze Regenbogenpalette mit vielen bunten Farben...

Winny

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