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Regelschule für gehörlose Kinder wird zum Standard

Dieses Jahr werden 15 gehörlose Kinder in der Regelschule eingeschult

Karin Kestner 18.06.2015

Seit 8 Jahren besuchen gehörlose Kinder mit Gebärdensprachdolmetscherinnen die Regelschule. Schon über 40 gehörlose Kinder sind in den letzten Jahren mit Dolmetschern eingeschult worden oder wechselten auch zum Halbjahr auf ein Gymnasium oder eine Realschule. Auch in diesem Jahr werden wieder 15 gehörlose Kinder aus den verschiedensten Bundesländern ab den Sommerferien in die wohnortnahe Schule - zusammen mit ihren hörenden Freunden in die Grundschule oder als Quereinsteiger in die Gymnasien oder Realschulen - gehen.

Die hörenden und gehörlosen Eltern haben sich bewusst für diesen Weg entschieden. Denn durchgängiger Unterricht in Gebärdensprache in den Förderschulen ist noch immer die Ausnahme. Es kann wunderbar in der Regelschule klappen, wenn die Kinder mit guten Dolmetschern beschult werden und noch besser, wenn es zusätzlich auch genügend gebärdensprachkompetente Sonderpädagogen gibt, die genau wissen, wie man gehörlose Kinder speziell in ihrem Zweitspracherwerb „Deutsch“ unterstützt und natürlich müssen dazu auch genügend Stunden zur Verfügung stehen. Denn Deutsch ist für gehörlose Kinder die Zweitsprache, die im schulischen Kontext erlernt werden muss. Die Gebärdensprache ist die Erstsprache für gehörlose Kinder und natürlich erworben.

Voraussetzung ist aber, dass diese Kinder auch von Anfang an mit Gebärdensprache groß werden. Das bedeutet, dass die Kinder hörender Eltern in Gebärdensprache geschult werden, auch die Eltern müssen natürlich die Gebärdensprache erlernen, um ihre Kinder erziehen zu können. Ohne Sprache – keine Erziehung und Bildung. Ohne Sprache keine Wissensvermittlung und kein Erwerb sozialer Kompetenzen und schlimmer noch, keine oder unzureichende Bindung zwischen Eltern und Kindern. Die Sprache sollte von hörenden Eltern so schnell und intensiv wie möglich erlernt werden, damit sie sprachliche Vorbilder für ihre Kinder sein können, und sie ihre Kinder auch emotional verstehen. Sollten gehörlose Kinder noch keine oder wenig DGS zu Schulbeginn beherrschen, muss ihnen in der Schule ein Dozent oder Pädagoge zur Seite stehen, der ihnen regelmäßig Unterricht in DGS gibt, bis sie dem Dolmetscher vollständig folgen können.

Die Gebärdensprache unterscheidet sich grundlegend in der Grammatik von der deutschen Sprache. Das bedeutet, dass die Kinder in einer Zweitsprache schreiben lernen müssen. Das dauert verständlicher Weise etwas länger als bei hörenden Kindern, die den Umgang mit der deutschen Lautsprache schon gewöhnt sind. Und sicher ist auch nicht jedes Kind gleichbegabt. Leider verstehen die Kultusministerien nicht wie existentiell wichtig die DGS für die Kinder ist. Anträge auf Anerkennung der DGS im schulischen Bereich werden nicht angenommen oder abschlägig behandelt. Unterricht muss für die hörenden Kinder privat oder auf Spendenbasis organisiert werden. Es ist doch wichtig, dass die Mitschüler der gehörlosen Kinder auch zumindest die Basiskommunikation beherrschen. Die DGS ist für die Vertreter der Kultusministerien immer noch keine wertvolle und vollwertige Sprache für die Kinder, sondern etwas Minderwertiges.

Und die Sozialämter wollen nicht verstehen, dass gehörlose Kinder diese Form des Unterrichts benötigen, weil es Geld kostet. Mit immer neuen oder alten (Schein)Argumenten versuchen sie die Honorare der Dolmetscher nicht zahlen zu müssen. Es ist ihnen auch egal, ob die Kinder etwas lernen oder nicht. Das wird natürlich nicht laut gesagt! Bei jedem Sozialamt fängt der Kampf von Eltern von neuem an, jedem Sozialamtsmitarbeiter muss „die Welt“ neu erklärt werden. Auch dieses Jahr wieder müssen Eltern vor Gerichte ziehen, um den Anspruch auf gleiche Bildungschancen für ihre Kinder zu verwirklichen. Das ist beschämend für ein Land wie Deutschland.

Siehe auch die abschließenden Bemerkungen über den Staatenbericht Deutschlands

Wie wichtig die DGS für gehörlose Kinder ist, wurde international schon untersucht, wissenschaftlich belegt und veröffentlicht. Doch auch die deutsche Übersetzung des amerikanischen Artikels wird hier in Deutschland ignoriert. Hier der Artikel der renommierten Fachleute: Tom Humphries, Poorna Kushalnagar, Gaurav Mahur, Donna JoNapoli, Carol Padden und Christian Rathmann.

Den Artikel lege ich jedem Sozialamts- und Jugendamtsmitarbeiter an Herz, wenn es um die Beantragung eines Hausgebärdensprachkureses oder Dolmetscher für die Schule geht. Auch Verwaltungs- und Sozialgerichtes sollten sich außerhalb der Paragrafen in das Thema einlesen.

Irgendwann muss doch mal Schluss sein mit dem Kampf der Eltern! So dass ich schreiben kann:

Regelschule ist Standard für gehörlose Kinder!

 

 
 
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