Liebe Frau Szagun, haben Sie vielen Dank für die
Bereitschaft einige Fragen zur neuen Studie und deren
Ergebnissen zu beantworten.
KK: Sie haben nun eine zweite Studie zum Spracherwerb von gl
Kindern nach Cochlea Implantation durchgeführt. Wie lange
hat die Studie gedauert?
GS: Die Durchführung der Studie hat insgesamt drei Jahre
gedauert. Die Analyse aller Daten und das Schreiben von
Aufsätzen über die Studie hat dann noch einmal ein Jahr
gedauert. Die Studie wurde drei Jahre lang von der Deutschen
Forschungsgemeinschaft finanziell gefördert.
KK: Warum haben Sie eine zweite Studie durchgeführt? Welche
Unterschiede in der Herangehensweise gab es?
GS: Zu ihrer ersten Frage, warum wir die Studie durchgeführt
haben, möchte ich zwei Gründe nennen:
1) Wir wollten in dieser zweiten Studie möglichst viele
Kinder erfassen, die ihr Cochlea-Implantat im ersten
Lebensjahr, zwischen 6 und 11 Monaten erhalten haben. Das
war in unserer ersten Studie nicht möglich, da vor einigen
Jahren Kinder noch nicht so früh implantiert wurden. Es wird
vielfach behauptet, dass Kinder, die ihr CI im ersten
Lebensjahr erhalten, eine bessere Sprachentwicklung haben
als Kinder, die im zweiten, dritten und vierten Lebensjahr
implantiert werden. Unter den 140 Kindern waren 29 Kinder,
die ihr CI im ersten Lebensjahr erhielten. Das ist eine sehr
hohe Anzahl, die es meinem Wissen nach noch in keiner Studie
– international betrachtet – gibt. Wir haben keinen sehr
bedeutsamen Unterschied in der Schnelligkeit des
Spracherwerbs bei diesen sehr früh implantierten Kindern
gefunden. Dieses Ergebnis ist jedoch ein wenig
unterschiedlich, je nach Art der Analyse der Daten. Bei
einer Untergruppe von 25 Kindern gab es einen Unterschied
auf einem von fünf Sprachmaßen: Die Kinder, die im ersten
Lebensjahr implantiert wurden, hatten eine schnellere
Entwicklung bei der Satzbildung im Vergleich zu Kindern, die
ihr CI im dritten und vierten Lebensjahr erhielten, aber
nicht im Vergleich zu denen, die ihr CI im zweiten
Lebensjahr erhielten. Nach unseren Ergebnissen gibt es für
den Spracherwerb keinen Vorteil der sehr frühen Implantation
im ersten Lebensjahr im Vergleich zur Implantation im
zweiten Lebensjahr. Es gibt lediglich einen leichten Vorteil
bei Implantation vor 24 Monaten im Bereich der frühen
Satzbildung.
2) Ein weiteres Ziel der zweiten Studie war es, den
relativen Einfluss des Implantationsalters und der sozialen
Umwelt der Kinder zu erforschen. Es zeigte sich, dass der
Einfluss der sozialen Umwelt sehr viel stärker ist als der
des Implantationsalters. Der Bildungsstand der Eltern und
insbesondere die Sprache der Eltern haben den stärksten
Einfluss auf Fortschritte im Spracherwerb der Kinder. Das
trifft auf Kinder zu, die im Alter von 6 bis 47 Monaten ihr
CI erhielten. Je höher der Bildungsstand, desto besser
verlief der Spracherwerb. Was die Sprache der Eltern angeht,
so ist ein reichhaltige Sprache wirksam. Das heißt: eine
Sprache, die reichen Wortschatz anbietet und moderat lange
Sätze. Das bewegt sich natürlich alles im Rahmen einer
kindgerechten Sprache. Eine solche Sprache geht auch einher
mit interessanten Inhalten und langweilt das Kind nicht.
Besonders wirksam ist es, wenn Eltern grammatisch
unvollständige oder fehlerhafte Sätze erweitern. Wenn ein
Kind z.B.: „Die Maus schön“ sagt, ist eine Erweiterung: „Die
Maus ist schön“, oder auf die kindliche Äußerung: „Zwei Bär“
ist eine Erweiterung: „Zwei Bären“. Das Kind erhält so kurz
nach seiner eigenen Äußerung die korrekte grammatische Form.
Eltern erweitern kindliche Äußerungen ganz automatisch, ohne
es zu merken. Dies geschieht auch nicht belehrend, sondern
als Teil der Unterhaltung. Erweiterungen haben den stärksten
positiven Einfluss auf den Spracherwerb von Kindern mit CI.
Erweiterungen sind nicht abhängig vom Bildungsstand der
Eltern. Sie sind daher ein exzellentes Mittel, den
Spracherwerb der Kinder zu fördern. Therapeuten können
Eltern auch dazu anleiten, Erweiterungen zu benutzen.
Ich habe den Eindruck, dass der Einfluss der sozialen
Umwelt, besonders der Sprache der Eltern, in Forschungen
bisher nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Man hat
besonders den Einfluss des Implantationsalters betont. Oft
wird hier auch auf die sensible Phase für Spracherwerb
verwiesen, die eine neurophysiologische Basis hat. Man nimmt
an, dass die optimale Zeitspanne für den Spracherwerb in den
ersten vier Lebensjahren liegt. Die Bildung der neuronalen
Systeme im Gehirn zur Verarbeitung von Sprache hängt jedoch
nicht nur vom Alter, sondern auch von der Erfahrung mit
Sprache ab. Daher ist die Sprache der Umwelt so wichtig.
Zu Ihrer zweiten Frage bezüglich der Herangehensweise:
Wir haben den Elternfragebogen FRAKIS zur Erhebung des
Sprachstandes eingesetzt. Das ermöglichte es, den
Sprachstand bei einer großen Anzahl von Kindern zu erheben.
Zusätzlich haben wir bei einer kleineren Gruppe von Kindern
die spontane Sprache in einer natürlichen Spielsituation und
die ihrer Eltern, meistens der Mutter, aufgenommen und
analysiert.
KK: Sie hatten 140 Kinder aus verschiedenen Kliniken in der
Studie? Können die Kinder mit schlechter als normalem
Spracherwerb in der Regelschule ohne
Gebärdensprachdolmetscher bestehen?
GS: Diese Frage kann ich nicht gut beantworten, da ich über
die schulische Situation wenig weiß. Ein
Gebärdensprachdolmetscher würde jedoch nicht helfen, da die
Kinder in der Regel die Gebärdensprache nicht beherrschen.
KK: Haben diese Kinder noch eine Chance die Gebärdensprache
zu erlernen?
GS: Ja. Das liegt daran, dass die Kinder Erfahrung mit der
gesprochenen Sprache haben. Dieser Umgang mit Sprache erhält
die sensible Phase für Spracherwerb – wenn wir auch nicht
wissen, wie stark und wie lange.
KK: Wird jetzt nach der erneuten Studie den Eltern
Gebärdensprache (von Pädagogen oder von Seiten der Klink)
empfohlen?
GS: Das würde ich bezweifeln, aber genau weiß ich es nicht.
Das liegt wohl daran, dass die Gebärdensprache in
Deutschland oft noch nicht als vollwertige Sprache anerkannt
wird und dass sich der Glaube hält, dass das Erlernen der
Gebärdensprache das Erlernen der gesprochenen Sprache
verhindert. Für diesen Glauben gibt es keine Belege. In
vielen Ländern, z.B. den USA, UK und Israel bestehen beide
Sprachangebote – auch für Kinder mit CI. Das Erlernen der
Gebärdensprache kann sogar den Erwerb der gesprochenen
Sprache fördern.
KK: Wie viele der 140 Kinder haben einen annähernd normalen
Spracherwerb?
GS: Die Frage nach der Normalität kann ich nur teilweise
beantworten. Denn dafür müssen die Kinder mit den
Altersnormen für normal hörende Kinder mit typischer
Sprachentwicklung verglichen werden. Das konnten wir für 37
der 140 Kinder tun, denn diese wurden so jung operiert, dass
wir sie mit dem Stand des Spracherwerbs bei normal hörenden
Kindern im Alter von eineinhalb bis zwei Jahren vergleichen
konnten. Danach lagen etwa 50 % der Kinder mit CI unter dem
Normalbereich. Das betrifft aber nur den frühen
Spracherwerb, und die Kinder können aufholen.
Für alle 140 Kinder mit CI kann ich nur sagen, dass sie in
ihrem Spracherwerb verzögert sind. Das ist jedoch nicht
anders zu erwarten. Wenn die Verzögerung nicht zu stark ist,
kann ihr mit Förderung der Sprache begegnet werden. Und das
geschieht ja auch.
KK: Wie viele der Kinder haben auch Kontakt zur
Gebärdensprache?
GS: In unserer Studie waren es knapp 6 %.
KK: Wenn 50 % der Kinder keinen annähernd normalen
Spracherwerb haben, kann eine Klinik tatsächlich noch
ruhigen Gewissens von Gebärdensprache abraten oder sie
verschweigen?
GS: Was die Gebärdensprache angeht, so denke ich, dass die
Möglichkeit der Zweisprachigkeit mit Gebärdensprache und
gesprochener Sprache generell angeboten werden sollte.
Natürlich ist die gesprochene Sprache das erste Ziel für
Kinder mit CI. Wenn aber der Erwerb der gesprochenen Sprache
zu langsam und unzureichend verläuft, sollte meiner Meinung
nach der Erwerb der Gebärdensprache in Betracht gezogen
werden. Auf der Basis unserer Forschungsergebnisse würde ich
sagen, dass sich ungefähr zwei bis zweieinhalb Jahre nach
der Implantation zeigt, ob der Erwerb der gesprochenen
Sprache angemessen verläuft. Kinder sollten dann in der Lage
sein, kleine Sätze zu bilden. Kinder brauchen eine Sprache,
um ein Symbolsystem aufzubauen. Dieses ist auch die
Grundlage der Denkentwicklung. Zu starke Verzögerungen beim
Aufbau einer Sprache können eine negative Rückwirkung auf
die Denkentwicklung haben. Es ist dabei unwichtig, ob die
Sprache eine gesprochene oder gebärdete ist.
KK: Haben Sie das Gefühl, dass sich in den Kliniken durch
Ihre erste Studie oder nach Ihrer neusten Studie etwas im
Umgang mit Eltern und der Einstellung zur Gebärdensprache
geändert hat?
GS: Diese Frage kann ich nicht genau beantworten, da ich
darüber keine Informationen habe. Ich glaube allerdings,
dass psychologische Studien zum Spracherwerb bei CI Kindern
in Deutschland nicht so wahrgenommen werden wie medizinische
oder die Information, die in den Kliniken zum Spracherwerb
gegeben wird. Von den Eltern, die an unseren Studien
teilgenommen haben, haben wir jedoch überwiegend positive
Rückmeldung auf unsere Studien und die Ratschläge für die
Praxis, die daraus folgern.
KK: Glauben Sie, dass sich in Zukunft durch Ihre Studie in
Deutschland etwas ändert in Bezug auf Förderung der
gehörlosen Kinder mit CI?
GS: Die Antwort auf diese Frage fällt ähnlich aus wie die
auf Ihre vorhergehende Frage.
KK: Wurden Sie wieder unterstützt vom CIC in Hannover?
GS: Ja. Wir wurden sehr stark unterstützt vom CIC in
Hannover.
KK: Wem möchten Sie besonders danken?
GS: Besonders danken möchte ich dem ehemaligen Leiter des
CIC Hannover, Herrn Dr. Bertram, Frau Maneke und Herrn Meyer
am CIC, und natürlich den vielen Eltern und Kindern, die an
unseren Studien teilgenommen haben.
KK: Wie verhalten sich die Eltern der Kinder, die keinen
normalen Spracherwerb haben, jetzt nachdem feststeht, dass
Ihre Kinder nicht gut in die Lautsprache kommen?
GS: Dazu weiß ich wenig Genaues und möchte daher aus Respekt
den Eltern gegenüber auch nichts sagen.
Hinweis:
Im aktuellen Heft Nr.: 1/2010 47.Jahrgang „hörgeschädigte
kinder erwachsene hörgeschädigte“ sind die Ergebnisse
ausführlich dargestellt.
Bestellung:
http://www.verlag-hk.de/