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Lehrerin der Hörgeschädigten-Schule Friedberg: „Ich halte nichts von Gebärdensprache, die Schüler, die von der Sommerhoffparkschule kommen, sind alle verwöhnt!“

Offener Brief an das Kultusministerium

Karin Kestner 19.11.2010

 

Untenstehender Brief wurde mir von der Mutter zur Veröffentlichung zugesandt! Er wurde an das Kultusministerium Hessen, mit der Bitte um Antwort, geschickt. Wenn zu solchen Mitteln gegriffen werden muss, kann man sich vorstellen, welche Not bei Kindern und Eltern herrscht.

Dass es solche Pädagogen noch an hessischen Hörgeschädigten-Schulen gibt, erschreckt und stärkt den Wunsch nach Abschaffung solcher Sondereinrichtungen. Des Weiteren muss man sich fragen, ob es sich hier um die Meinung einer einzelnen Lehrerin handelt, oder um die Doktrin der Schulleitung. Wielange müssen die Kinder noch warten, bis Pädagogen kommen, die sich an ihren Bedürfnissen orientieren?


Lesen Sie den offenen Brief und machen Sie sich Ihr eigenes Bild:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein 16-jähriger Sohn hat eine an Taubheit grenzende Innenohrschwerhörigkeit. Er hat einen Regelkindergarten mit Einzelintegration besucht und kam dann an die Schule für Hörgeschädigte in Frankfurt, die Schule am Sommerhoffpark. Bei ihm wurde sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt. Er wurde In Frankfurt stets mit Gebärdensprache unterrichtet.

Mein Sohn wächst laut- und gebärdensprachlich auf, wobei die Gebärdensprache im Vordergrund steht. Seit August diesen Jahres besucht er ein BVJ (Berufsvorbereitungsjahr) im Bereich Hauswirtschaft - in Friedberg an der Johannes-Vatter-Schule. Jetzt nach gut 3 Monaten an dieser Schule zeigt sich immer mehr, dass Hörgeschädigten Schule in Hessen nicht gleich Hörgeschädigten Schule ist. Es ist wirklich unglaublich welche Unterschiede bestehen. Ich ging davon aus, dass es dafür einheitliche Regelungen in Hessen gibt.

In Friedberg wird zum Bespiel im Mathematikunterricht keine Gebärdensprache angeboten, deswegen hatte ich bereits mit der Schule Kontakt aufgenommen, worauf hin ich einen Anruf der Mathe-Lehrerin erhalten habe. Ich habe sie darüber informiert, dass mein Sohn dem Unterricht überhaupt nicht folgen kann, da sie keine Gebärdensprache benutzt und in Richtung Tafel spricht, so dass mein Sohn keine Möglichkeit hat von den Lippen zu lesen. Ich habe dann die Antwort von ihr erhalten, dass er ja gar nicht so schlecht hören würde und er solle zuhören. (er hat eine an Taubheit grenzende Innenohrschwerhörigkeit!) Ich wies die Dame nochmals darauf hin, dass mein Sohn hauptsächlich über die Gebärdensprache in der Lage sei dem Unterricht zu folgen! Dazu kam dann die Antwort, dass sie nichts von der Gebärdensprache halte und die Kinder, die vom Sommerhoffpark kämen, alle verwöhnt seien. Ich sagte ihr dann, dass ich versuchen würde meinem Sohn den Mathestoff selber beizubringen, worauf hin sie dann meinte, - das wäre ja toll, dann müsse sie sich ja nicht mehr so abmühen. Zumal - wenn man Kinder nur 1-2 Jahre unterrichtet - man ja sowieso keine Bindung aufbauen würde.

Nun kam mein Sohn mit seinem ersten Deutschtest nach Hause. Er hat wohl den Inhalt der Fragen verstanden und auch beantwortet, aber die typischen Fehler, die Gehörlose machen, eben auch gemacht.

Beispiel: Es wurde nach dem Wort „Haarsträhne“ gefragt und mein Sohn hat „Haare-Strähne“ geschrieben, dafür gab es Punktabzug. Am Sommerhoffpark wurde dafür kein Punktabzug vorgenommen, denn es ist bekannt, dass Kinder mit großer Hörschädigung Probleme mit der Grammatik und Rechtschreibung haben.

Wieso wird dies an 2 Schulen in Hessen unterschiedlich bewertet?

Was sagt das Thema Nachteilsausgleich hierzu?

Weiter fällt seit Wochen der Praxisunterricht in Hauswirtschaft aus. Wie sollen die Kinder die Prüfung schaffen, wenn wochenlang kein Unterricht stattfindet?

Ebenso fällt seit Beginn des Schuljahres der Sportunterricht aus.

Deswegen wende ich mich nun direkt an Sie,. Es kann meiner Meinung nicht sein, dass mein Sohn eine Schule für Hörgeschädigte besucht und man dort nicht in der Lage ist auf seine Hörschädigung einzugehen.

Bitte beantworten Sie mir folgende Fragen:

Hat mein Sohn ein Recht auf Unterricht in Gebärdensprache?

Warum wird an zwei Schulen in Hessen unterschiedlich bei der Benotung gearbeitet?

Wie soll mein Sohn eine praktische Prüfung in Hauswirtschaft ablegen, wenn der Unterricht über Wochen ausfällt?

Wie kann eine Note in Sport festgestellt werden, wenn auch dieser Unterricht seit Schulbeginn ausfällt?

Wie wird der Nachteilsausgleich an Schulen für Hörgeschädigte umgesetzt? Muss dieser beantragt werden oder ist es selbstverständlich, dass dieser greift?

Was beinhaltet der Nachteilsausgleich für hochgradig hörgeschädigte Schüler?

Es ist sehr erschreckend für mich als Mutter, welche Veränderung mein Sohn zurzeit durch macht. Mein Sohn war bis August ein glücklicher, motivierter junger Mann, der immer gerne zur Schule ging und fröhlich war, aber von Tag zu Tag wird er immer bedrückter und unglücklicher. Außerdem stellt sich mir auch die Frage, für was er überhaupt auf diese Schule geht, wenn man überhaupt nicht in der Lage ist, ihn dort auf die kommenden Prüfungen vorzubereiten. Dies bedeutet für meinen Sohn, dass er ein Jahr an dieser Schule verschenkt hat und Wohl oder Übel dieses Schuljahr an einer anderen Schule erneut absolvieren muss und von Tag zu Tag frustrierter nach Hause kommt.

Ich hoffe auf baldige Antwort.

 

 

 
 
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