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Zauberwürfel oder Freibier für Alle?

Eine kritische Betrachtung

Karin Kestner 25.09.2009

Die umstrittene, in Planung befindliche, Firma „Zauberwürfel“ ist ein Vorhaben des hörenden Ehepaars Birgit und Janpeter Jacobsen und dem gehörlosen Studenten der Universität Hamburg Christian Peters. Als Ziel geben sie an, gehörlosen Menschen alles zu bieten, was sie sich wünschen: barrierefreie Kommunikation, 24 Stunden Dolmetscherservice für alle, auch für private Bereiche, Arbeitsstellen und ein Gebärden-Cafe, und die Erstellung von Unterrichtsmaterialien zur Gebärdensprache in einem noch zu gründenden Multimedia-Verlag.

Am Dienstag, den 22.09.09 wurde vom SPD Abgeordneten des Wahlkreises Hamburg-Mitte, Johannes Kahrs (Foto) eine Einladung zur Pressekonferenz veröffentlicht, die aber schon einen Tag vorher, am 21.09.09, stattfand! Nicht verwunderlich also, dass keine Presse und keine Interessierten kamen. Die Pressekonferenz fand also unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Absicht? Die Zauberwürfler mussten sich keinen unangenehmen Fragen stellen, hatten aber trotzdem im Anschluss die Möglichkeit öffentlich mit dem anwesenden Johannes Kahrs und der Behindertenbeauftragten Frau Evers-Meyer zu werben.

Frau Evers-Meyer verlas als Schirmherrin ihr Vorwort, leider ist der Inhalt sehr undifferenziert und zeugt von Unwissenheit über die Strukturen in Hamburg oder gibt nur wider, was ihr von den Zauberwürflern mitgeteilt wurde. Ob diese Äußerungen stimmen, hat sie wohl nicht hinterfragt oder wegen der spontanen Entscheidung die Schirmherrschaft zu übernehmen nicht hinterfragen können.

Klarstellung:
Es gibt weit über hundert Gebärdensprachdolmetscherinnen in Hamburg. Fast jede dieser Dolmetscherinnen ist über Telefon, Email, Handy und Fax zu jeder Zeit zu erreichen. Wenn Notfälle vorliegen, kommen die Dolmetscherinnen natürlich auch nachts. Die staatlich geprüften oder diplomierten Dolmetscherinnen stellen zu jeder Zeit die Kommunikation zwischen hörenden und gehörlosen Menschen sicher. Tagsüber steht eine Dolmetschervermittlungszentrale des Hamburger Gehörlosenverbandes zur Verfügung. Im Internet gibt es verschiedenen Dolmetscherlisten hier aus Hamburg und hier eine bundesweite. Alle Dolmetscherinnen dolmetschen auch private Termine, die aber privat gezahlt werden müssten, doch diese Rechnungsstellungen werden großzügig gehandhabt. Und es gibt die Möglichkeit über TESS, einer Dolmetschertelefonzentrale mit Hörenden zu telefonieren. Mit ein wenig mehr Mitteln, die gern auch von der Politik gezahlt werden dürfen, könnte dieser Service auch nachts erreichbar sein. Die Gebühren für Kunden sind gering.

Es gibt in Hamburg, wie in kaum einer anderen Stadt in Deutschland, gute Strukturen und gut funktionierende öffentliche Stellen, die Förderung von Kindern und Schülern sicherstellen können. Die Hamburger Gehörlosenschule besitzt einen über die Grenzen hinaus guten Ruf. Es gibt Frühförderstellen und private Frühfördereinrichtungen, die ihr Handwerk verstehen. Sicher hakt es an manchen Stellen, sicher auch in den Arbeitsagenturen, aber auch hier wäre mit wenig finanzieller Unterstützung von Seiten der Regierung eine schnelle Verbesserung zu erreichen. Ein Cafe als Treffpunkt in der Innenstadt gibt es nicht, das ist aber schnell und günstig zu realisieren. Dafür braucht man nicht viele Millionen Euro, die durch die Zauberwürfler bei Politik und Wirtschaft erbettelt werden.

Da hat sich Frau Evers-Meyer wohl einen Bären aufbinden lassen und sich vielleicht auch ein wenig zu spontan - so kurz vor der Wahl - zu einer Schirmherrschaft hinreißen lassen. Aber gut, das kann sie sich ja noch mal überlegen. Denn eine Firma zu unterstützen, die profitorientiert ist und Selbsthilfestrukturen zerstört, will sie sicher nicht unter ihrem Schirm haben wollen und entspräche auch nicht dem erklärten Ziel der SPD, nämlich der Stärkung der Selbsthilfe!

Und woher kommt das Engagement des SPD Abgeordneten Johannes Kahrs? Er schreibt in seiner Veröffentlichung, dass in Kürze ein neues Gehörlosenzentrum entsteht, und dass das Institut für Deutsche Gebärdensprache (Leitender Professor ist Christian Rathmann (hier auf dem Foto mit Zauberwürfler Chris Peters) das Projekt ermöglichte, weil durch den Studiengang 100 Dolmetscherinnen in Hamburg arbeiten. Er vergaß aber zu erwähnen, dass diese Dolmetscherinnen nicht nur in Hamburg ausgebildet wurden, sondern auch in anderen Städten wie Magdeburg, Zwickau und Frankfurt etc. und diese alle für den Zauberwürfel sicher nicht arbeiten wollen. Das zeigt sich auch daran, dass zur Pressekonferenz ein Dolmetscher aus Brandenburg bestellt werden musste. Doch es gab wohl keine andere Möglichkeit dem Institut für Deutsche Gebärdensprache einen kleinen Freundschaftsdienst zu erweisen, als es in der Pressemitteilung wenigstens zu erwähnen. Da kann man dann schon mal Zusammenhänge erfinden, die nicht existieren.

Herr Kahrs kennt die Strukturen in „seiner“ Stadt, er weiß, welche Möglichkeiten es schon in Hamburg gibt. Kann es sein, dass er einem Freund und Bundeswehrkumpel helfen möchte? Herr Jacobsen (Foto) ist nämlich auch bei der Bundeswehr, (außer Dienst). Kann es sein, dass Herr Kahrs Chris Peters und Janpeter Jacobsen, also guten Bekannten, einen Gefallen tun möchte, damit die Firma zum Laufen kommt? Ein Politiker kann schon mal Türen öffnen…! Wenn man diesen Artikel aus der FAZ liest, weiß der geneigte Leser, wie Herr Kahrs so manches handhabt.

Es gab bisher unter den Gehörlosen nicht genügend Unterstützer für den Zauberwürfel, waren sie anscheinend doch nicht so leichtgläubig, wie eingeschätzt. Die Zauberwürfler brauchten nach eigenen Angaben 600 Gehörlose, die bereit wären die VIP-Karte zu unterschreiben, die ihnen das Schlaraffenland versprach. Der letzte Zählerstand, der öffentlich auf der Startseite des Zauberwürfels zur Verfügung stand, war unter 300. Er ist jetzt verschwunden, wie auch die VIP-Karte, die man beantragen konnte. Die immer wieder sehr widersprüchlichen und unklaren Angaben der Zauberwürfeler, waren wohl nicht überzeugend genug, damit 600 Gehörlose zusammenkamen. Aber da kann man ja nachhelfen!

Es gibt ja Partei- und Waffenfreunde, Seilschaften und Menschen mit gemeinsamen Interessen und Neigungen, die man um Hilfe bitten kann, um die Zweifler zu bekehren. Denn wenn Politiker das Projekt schon unterstützen, dann kann es doch nicht falsch sein, und die Gehörlosen werden es endlich einsehen - oder? Da wird schnell mal erzählt, dass die gesamte SPD hinter diesem Projekt steht. Komisch, dass die SPD davon aber nichts weiß.

Es wird hier mit allen Mitteln, versucht die Gehörlosen über den Tisch zu ziehen, sie abhängig zu machen, die politisch arbeitenden Verbände zu untergraben und Selbsthilfegruppen zu zerstören und das mit Hilfe eines SPD Politikers, um Freunden zu Geld und einer Firma zu verhelfen. Verbände haben in der Vergangenheit gekämpft, um gute Bedingungen für Gehörlose zu verbessern und der Berufsverband der Dolmetscherinnen Norddeutschland, hat sich zusammen mit dem Bundesverband der Gebärdensprachdolmetscherinnen für eine halbwegs adäquate Bezahlung eingesetzt und sie auch erreicht. Dies wollen sich die Zauberwürfler nun zu nutze machen, hört man aus dem Hamburger Rathaus doch, dass die Preise unterboten werden sollen, wenn zu vergebene Aufträge, direkt an den Zauberwürfel gehen. Von Wahlrecht der Gehörlosen wird bald in Hamburg keiner mehr reden können. Alle Erfolge der Vergangenheit würden zunichte gemacht. Herr Kahrs hat sich nie mit dem Hamburger Gehörlosenverband in Verbindung gesetzt! Anfragen und bitten um eine Stellungnahme zu folgenden Fragen, wurden von Herrn Kahrs nicht beantwortet!

Offene Fragen an Herrn Kahrs sind:

  • Wie sich der Zauberwürfel finanzieren wird (geschätzte Kosten allein der Immobilie 30.000 Euro/Monat ohne Umbaukosten und Betriebskosten.)
  • Wer außer Ihnen die Kooperationspartner sind
  • Auf welcher rechtlichen Basis personengebundene finanzielle Leistungen des Staates (Eingliederungshilfen, persönliches Budget, Leistungen nach dem SGB IX u.a.) an eine zentrale privatwirtschaftlich geführte, monopolisierende Organisation gegeben werden können
  • Warum von Hörgeschädigten eine Zwangsmitgliedschaft unter Ausschluss eines verbrieften Wahlrechts bereits im Vorfeld ohne klare Leistungsbeschreibung und detaillierte sowie konkrete Informationen eingefordert wird
  • Warum Hörgeschädigte bereits im Vorfeld alle persönlichen Daten abgeben müssen (Dies erscheint mir insbesondere unter Datenschutzgesichtspunkten fragwürdig.)
  • Welche rechtlichen Mittel der Hörgeschädigte an die Hand bekommt, falls der Zauberwürfel z.B. nicht seine Versprechungen erfüllen und die vereinbarten Dienstleistungen zur Verfügung stellen kann
  • Unter welcher Rechtsform der Zauberwürfel betrieben werden soll (Dies scheint seit Februar den Start des Projektes immer wieder herausgezögert zu haben.)
  • Warum der Öffentlichkeit keine Fakten zugänglich sind und auch auf wiederholte Nachfrage nicht transparent gemacht werden können
  • Warum jede Nachfrage zu einem unklaren Aspekt des Konzeptes und der Präsentation entweder umgehend zur Modifikation des Konzeptes führte oder weitere widersprüchliche Aussagen hervorrief
  • Welche unabhängige Institution dieses absolut privatwirtschaftlich betriebene Projekt und deren Konzept überprüft hat.

Aber auch Frau Evers-Meyer hat noch Fragen offen, die sie aber gern nach der Wahl beantworten kann.

  • Warum strebt ein privatwirtschaftliches Unternehmen die Ablösung bestehender, akzeptierter und gut funktionierender Netzwerke für Hörgeschädigte in Hamburg an?
  • Warum werden in einer Pressekonferenz, die das Wohl Hörgeschädigter in Hamburg zum Gegenstand hat, keine Selbsthilfeorganisationen eingeladen, einbezogen und angehört?
  • Warum wird von den Hörgeschädigten eine Abtretungserklärung und Ausschließlichkeitsvereinbarung zur Nutzung der Dienstleistungen des Zauberwürfels verlangt?
  • Warum erhalten Hörgeschädigte und andere Teilnehmer auf Informationsveranstaltungen im August diesen Jahres keine ausreichenden Informationen über das Geschäftskonzept und die Folgen des Abschlusses solcher Verträge?
  • Warum ändern sich erfragte Inhalte in aufeinander folgenden Informationsveranstaltungen, so dass Teilnehmern und VIPs Informationen nicht umfassend zugänglich sind, Fehlkommunikation und Missverständnisse gefördert werden und dies einer freien und selbstbestimmten Entscheidung entgegen wirkt?
  • Warum wird Ihrerseits nicht hinterfragt, wie derzeit Hörgeschädigte in Hamburg und Umgebung versorgt werden?
  • Warum gehen Sie davon aus, dass sich seit der Einführung des SGB IX 2001 nichts getan hätte?
  • Ist es Ihrer Meinung nach erforderlich, klar zwischen Dolmetschen und Sozialarbeit zu trennen?
  • Ist es Ihrer Meinung nach fair, Hörgeschädigten "Freibier für alle" zu versprechen und damit Abtretungserklärung und VIP Status zu rechtfertigen und gleichzeitig das Ziel moderner Behindertenpolitik nach selbstbestimmter Teilhabe am Leben zu untergraben?
  • Wie erklären Sie sich, dass sich alle Selbsthilfevereinigungen (Gehörlosenverband Hamburg, Schwerhörigenverein Hamburg, Netzwerktreffen der Institutionen und Organisationen für Hörgeschädigte in Hamburg, Gesellschaft zur Förderung Gehörloser in Hamburg, Hörgeschädigtenschule Hamburg, ...) gegen eine Kooperation und Zusammenarbeit mit dem Zauberwürfel und seinen Besitzern aussprechen?
  • Haben Sie eine Antwort darauf, warum ein Unternehmen, das das Wohl der Hörgeschädigten zum Ziel hat, diese Gruppe behinderter Menschen in Schreiben an Parteien und Fraktionen der Hamburger Bürgerschaft stigmatisierend und undifferenziert darstellt?
  • Haben Sie vor Antritt der Schirmherrschaft Kontakt zum ehemaligen Senatskoordinator für die Gleichstellung behinderter Menschen der Freien und Hansestadt Hamburg gesucht, der dem Unternehmen Zauberwürfel in Kenntnis der Rahmenbedingungen für Hörgeschädigte in Hamburg kritisch gegenüber stand?

Es bleibt zu hoffen, dass die Gehörlosen weiterhin so kritisch bleiben und „Freibier für Alle“ hinterfragen. Denn nicht überall, wo sozial und barrierefrei drauf steht, ist es wirklich drin.

Karin Kestner

 

 

 
 
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