Die umstrittene, in Planung befindliche, Firma „Zauberwürfel“ ist ein Vorhaben des hörenden Ehepaars Birgit und Janpeter Jacobsen und dem gehörlosen Studenten der Universität Hamburg Christian Peters. Als Ziel geben sie an, gehörlosen Menschen alles zu bieten, was sie sich wünschen: barrierefreie Kommunikation, 24 Stunden Dolmetscherservice für alle, auch für private Bereiche, Arbeitsstellen und ein Gebärden-Cafe, und die Erstellung von Unterrichtsmaterialien zur Gebärdensprache in einem noch zu gründenden Multimedia-Verlag.
Am Dienstag, den 22.09.09 wurde vom SPD Abgeordneten des
Wahlkreises Hamburg-Mitte, Johannes Kahrs (Foto) eine Einladung zur Pressekonferenz veröffentlicht, die aber
schon einen Tag vorher, am 21.09.09, stattfand! Nicht
verwunderlich also, dass keine Presse und keine
Interessierten kamen. Die Pressekonferenz fand also unter
Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Absicht? Die
Zauberwürfler mussten sich keinen unangenehmen Fragen
stellen, hatten aber trotzdem im Anschluss die Möglichkeit
öffentlich mit dem anwesenden Johannes Kahrs und der
Behindertenbeauftragten Frau Evers-Meyer zu werben.
Frau Evers-Meyer verlas als Schirmherrin ihr Vorwort, leider ist der Inhalt sehr undifferenziert und zeugt von Unwissenheit über die Strukturen in Hamburg oder gibt nur wider, was ihr von den Zauberwürflern mitgeteilt wurde. Ob diese Äußerungen stimmen, hat sie wohl nicht hinterfragt oder wegen der spontanen Entscheidung die Schirmherrschaft zu übernehmen nicht hinterfragen können.
Klarstellung:
Es gibt weit über hundert Gebärdensprachdolmetscherinnen in
Hamburg. Fast jede dieser Dolmetscherinnen ist über Telefon,
Email, Handy und Fax zu jeder Zeit zu erreichen. Wenn
Notfälle vorliegen, kommen die Dolmetscherinnen natürlich
auch nachts. Die staatlich geprüften oder diplomierten
Dolmetscherinnen stellen zu jeder Zeit die Kommunikation
zwischen hörenden und gehörlosen Menschen sicher. Tagsüber
steht eine Dolmetschervermittlungszentrale des
Hamburger Gehörlosenverbandes zur Verfügung. Im Internet
gibt es verschiedenen Dolmetscherlisten
hier aus
Hamburg und
hier eine bundesweite. Alle Dolmetscherinnen dolmetschen
auch private Termine, die aber privat gezahlt werden
müssten, doch diese Rechnungsstellungen werden großzügig
gehandhabt. Und es gibt die Möglichkeit über
TESS, einer
Dolmetschertelefonzentrale mit Hörenden zu telefonieren. Mit
ein wenig mehr Mitteln, die gern auch von der Politik
gezahlt werden dürfen, könnte dieser Service auch nachts
erreichbar sein. Die Gebühren für Kunden sind gering.
Es gibt in Hamburg, wie in kaum einer anderen Stadt in Deutschland, gute Strukturen und gut funktionierende öffentliche Stellen, die Förderung von Kindern und Schülern sicherstellen können. Die Hamburger Gehörlosenschule besitzt einen über die Grenzen hinaus guten Ruf. Es gibt Frühförderstellen und private Frühfördereinrichtungen, die ihr Handwerk verstehen. Sicher hakt es an manchen Stellen, sicher auch in den Arbeitsagenturen, aber auch hier wäre mit wenig finanzieller Unterstützung von Seiten der Regierung eine schnelle Verbesserung zu erreichen. Ein Cafe als Treffpunkt in der Innenstadt gibt es nicht, das ist aber schnell und günstig zu realisieren. Dafür braucht man nicht viele Millionen Euro, die durch die Zauberwürfler bei Politik und Wirtschaft erbettelt werden.
Da hat sich Frau Evers-Meyer wohl einen Bären aufbinden lassen und sich vielleicht auch ein wenig zu spontan - so kurz vor der Wahl - zu einer Schirmherrschaft hinreißen lassen. Aber gut, das kann sie sich ja noch mal überlegen. Denn eine Firma zu unterstützen, die profitorientiert ist und Selbsthilfestrukturen zerstört, will sie sicher nicht unter ihrem Schirm haben wollen und entspräche auch nicht dem erklärten Ziel der SPD, nämlich der Stärkung der Selbsthilfe!
Und woher kommt das Engagement des SPD Abgeordneten
Johannes Kahrs? Er schreibt in seiner
Veröffentlichung, dass in
Kürze ein neues Gehörlosenzentrum entsteht, und dass das
Institut für Deutsche Gebärdensprache (Leitender Professor
ist Christian Rathmann (hier auf dem Foto mit Zauberwürfler
Chris Peters) das
Projekt ermöglichte, weil durch den Studiengang 100
Dolmetscherinnen in Hamburg arbeiten. Er vergaß aber zu
erwähnen, dass diese Dolmetscherinnen nicht nur in Hamburg
ausgebildet wurden, sondern auch in anderen Städten wie
Magdeburg, Zwickau und Frankfurt etc. und diese alle für den
Zauberwürfel sicher nicht arbeiten wollen. Das zeigt sich
auch daran, dass zur Pressekonferenz ein Dolmetscher aus
Brandenburg bestellt
werden musste. Doch es gab wohl keine andere Möglichkeit dem
Institut für Deutsche Gebärdensprache einen kleinen
Freundschaftsdienst zu erweisen, als es in der
Pressemitteilung wenigstens zu erwähnen. Da kann man dann
schon mal Zusammenhänge erfinden, die nicht existieren.
Herr Kahrs
kennt die Strukturen in „seiner“ Stadt, er weiß, welche
Möglichkeiten es schon in Hamburg gibt. Kann es sein, dass er
einem Freund und Bundeswehrkumpel helfen möchte? Herr Jacobsen
(Foto) ist nämlich auch bei der
Bundeswehr, (außer Dienst). Kann es sein, dass Herr Kahrs
Chris Peters und Janpeter Jacobsen, also guten Bekannten,
einen Gefallen tun möchte, damit die Firma zum Laufen kommt?
Ein Politiker kann schon mal Türen öffnen…! Wenn man
diesen Artikel
aus der FAZ liest, weiß der geneigte Leser, wie Herr Kahrs so manches
handhabt.
Es gab bisher unter den Gehörlosen nicht genügend Unterstützer für den Zauberwürfel, waren sie anscheinend doch nicht so leichtgläubig, wie eingeschätzt. Die Zauberwürfler brauchten nach eigenen Angaben 600 Gehörlose, die bereit wären die VIP-Karte zu unterschreiben, die ihnen das Schlaraffenland versprach. Der letzte Zählerstand, der öffentlich auf der Startseite des Zauberwürfels zur Verfügung stand, war unter 300. Er ist jetzt verschwunden, wie auch die VIP-Karte, die man beantragen konnte. Die immer wieder sehr widersprüchlichen und unklaren Angaben der Zauberwürfeler, waren wohl nicht überzeugend genug, damit 600 Gehörlose zusammenkamen. Aber da kann man ja nachhelfen!
Es gibt ja Partei- und Waffenfreunde, Seilschaften und Menschen mit gemeinsamen Interessen und Neigungen, die man um Hilfe bitten kann, um die Zweifler zu bekehren. Denn wenn Politiker das Projekt schon unterstützen, dann kann es doch nicht falsch sein, und die Gehörlosen werden es endlich einsehen - oder? Da wird schnell mal erzählt, dass die gesamte SPD hinter diesem Projekt steht. Komisch, dass die SPD davon aber nichts weiß.
Es wird hier mit allen Mitteln, versucht die Gehörlosen über den Tisch zu ziehen, sie abhängig zu machen, die politisch arbeitenden Verbände zu untergraben und Selbsthilfegruppen zu zerstören und das mit Hilfe eines SPD Politikers, um Freunden zu Geld und einer Firma zu verhelfen. Verbände haben in der Vergangenheit gekämpft, um gute Bedingungen für Gehörlose zu verbessern und der Berufsverband der Dolmetscherinnen Norddeutschland, hat sich zusammen mit dem Bundesverband der Gebärdensprachdolmetscherinnen für eine halbwegs adäquate Bezahlung eingesetzt und sie auch erreicht. Dies wollen sich die Zauberwürfler nun zu nutze machen, hört man aus dem Hamburger Rathaus doch, dass die Preise unterboten werden sollen, wenn zu vergebene Aufträge, direkt an den Zauberwürfel gehen. Von Wahlrecht der Gehörlosen wird bald in Hamburg keiner mehr reden können. Alle Erfolge der Vergangenheit würden zunichte gemacht. Herr Kahrs hat sich nie mit dem Hamburger Gehörlosenverband in Verbindung gesetzt! Anfragen und bitten um eine Stellungnahme zu folgenden Fragen, wurden von Herrn Kahrs nicht beantwortet!
Offene Fragen an Herrn Kahrs sind:
Aber auch Frau Evers-Meyer hat noch Fragen offen, die sie aber gern nach der Wahl beantworten kann.
Es bleibt zu hoffen, dass die Gehörlosen weiterhin so kritisch bleiben und „Freibier für Alle“ hinterfragen. Denn nicht überall, wo sozial und barrierefrei drauf steht, ist es wirklich drin.
Karin Kestner