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Inklusion - ein neues Ziel?

Jahrestagung 2009 des Bundeselternverbandes gehörloser Kinder e.V.

Karin Kestner 24.05.2009, Seite 1/2


 

Kaja Belz, Präsidentin des Bundeselternverbandes gehörloser Kinder e.V.

Die Tankstelle -

Vom 21.05.- 24.05. 2009 fand die diesjährige Tagung des Bundeselternverbandes gehörloser Kinder e. V. in Heidelberg statt.

Wieder waren über 200 Teilnehmer bei der Tagung des Bundeselternverbandes gehörloser Kinder e.V. in Heidelberg. Wieder waren Eltern zum ersten Mal dabei, andere schon zum 5. oder gar 10. Mal und dies unterstreicht, wie wichtig es ist, dass der Bundeselternverband mit seiner Tagung durch ganz Deutschland reist, um in die Nähe der Eltern zu kommen, für die eine weite Anfahrt unmöglich ist. Das Wort "Tankstelle" war das meist benutzte Wort nach dem Wort "Inklusion" aus dem Tagungsmotto. Die Eltern empfinden die Tagung jedes Mal als Tankstelle für Austausch, Stärke und Mut.

 

Ich mache mir mal wieder meine ganz eigenen Gedanken zur Tagung, ohne auf alle Vortragenden und Diskussionen einzugehen, der Bericht des Bundeselternverbandes wird es sicher tun.

 

 

Der Vorstand lud zur Diskussion mit Direktoren der Hörgeschädigtenschulen aus Baden-Württemberg - Direktor Jacobs aus Stegen hat abgesagt! Der Unmut der Eltern über die Situation an den Schulen war nicht nur zu spüren, sondern auch zu hören und zu sehen....

Inklusion gehörloser und schwerhöriger Kinder war das Thema der Tagung

Kaum eine Gruppe von Kindern ist so sehr benachteiligt wie die der gehörlosen und stark schwerhörigen Kinder. Gibt es Sonderschulen in recht großer Zahl, so sind doch die Unterrichtsbedingungen für die Kinder mehr als katastrophal.  

Kaum mehr als 10 Prozent der Hörgeschädigtenpädagogen beherrschen die Gebärdensprache oder zumindest die lautsprachbegleitenden Gebärden. Seit vielen Jahrzehnten schon wird immer am gleichen Konzept geklebt. „Ziel – den Kindern das Hören und Sprechen beizubringen“, weil sie so angeblich besser mit den Hörenden kommunizieren können - oder war es vielleicht nur eine Ausrede, da es für die Pädagogen schlicht viel einfacher war in der Lautsprache zu unterrichten als die Gebärdensprache zu lernen?

 

 

... denn es geht um die Bildung dieser Kinder ...

Ignoriert wurden schon immer die Wünsche von Eltern, ignoriert schon immer die Wünsche und der große Erfahrungsschatz der Gehörlosen über ihre eigene Situation. In den Hörgeschädigtenschulen gibt es nur wenige Kinder, die das Glück haben einen gehörlosen Pädagogen im Unterricht, wenigstens für ein paar Stunden in der Woche, zu haben. Die Hörgeschädigtenpädagogen können die Bildung der gehörlosen Kinder nicht sicherstellen, und ganz nebenbei - zum (verständlichen) Sprechen haben sie die meisten Kinder auch nicht gebracht. Was bringt also ein Schulsystem, „Hörgeschädigten-Schule“, das die Rechte der Kinder mit Füßen tritt, das Recht auf Bildung, das Recht auf Teilhabe. Meiner Ansicht nach nichts! Also ist da nicht die UN-Konvention genau das Richtige? Gehörlose und schwerhörige Kinder haben seit der Ratifizierung der UN-Konvention das Recht auch in eine Regelschule zu gehen – mit Dolmetscher oder mit gebärdensprachkompetenten anderen Hilfskräften!

 

 

und um diese, die so gern lernen möchten!

Und doch haben viele hörende Eltern und auch gehörlose Erwachsene Bedenken, denn die wenigen Kinder würden in allen Himmelsrichtungen verstreut aufwachsen und unterrichtet.

Die Kraft und die Quelle der Gehörlosenkultur, aber auch der Gebärdensprache, wurde bisher auf dem Schulhof der Sonderschulen verbreitet. Wie soll ein gehörloses Kind allein in der Regelschule bestehen, weit ab vielleicht von der Peergroup, weit ab - sich auch auszutauschen über die Ereignisse in der Gehörlosenwelt? Wäre es nicht doch sinnvoller die Schulen für Hörgeschädigte nicht zu schließen, sie zu erhalten und dort zu verlangen, dass die Pädagogen auch Gebärdensprache anbieten?

 

und so sind die Eltern gespannt auf die Wege, die sich aufzeigen könnten...

Doch die meisten Hörgeschädigtenpädagogen haben es bis heute nicht geschafft, sich auf veränderte Situationen einzustellen, haben der sich abzeichnenden Situation nicht gestellt, haben nichts begriffen, sehen Kinder immer noch als defizitäre Wesen, können bis heute keine Gebärdensprache – oder nur so rudimentär, dass man wirklich nicht davon sprechen kann, dass sie einen Unterricht – also Bildung - verständlich an gehörlose Kinder vermitteln könnten. Ganz überrascht tun sie jetzt so, als ob die Forderung nach DGS neu wäre. Überlegen, diskutieren, schreiben neue Konzepte und wissen doch ganz genau, dass sie die Forderungen nicht erfüllen können, ohne sich endlich zu öffnen und auch mal zu lernen!

Wie kommen wir heraus aus dem Dilemma? Welche Wege sind möglich?

 
 

doch die Antworten der Direktoren waren unkonkret und konfus...

 

Mögliche Szenarien:
Die Regelschule mit Dolmetschern, gebärdensprachkompetenten Erwachsenen oder jungen Pädagogen mit DGS-Kompetenz
 

1: Für gehörlose Eltern von gehörlosen Kindern gibt es die Möglichkeit der Beschulung in der Regelschule, dort können die Kinder als Einzelkind oder auch kleinen Gruppe mit Dolmetschern - zusammen mit allen anderen Kindern lernen. Morgens würden die Kinder unterrichtet und nachmittags und abends sowie am Wochenende würden die Kinder in der Gehörlosengemeinschaft aufgefangen. Sie erleben die Gemeinschaft und Kultur ihrer Eltern und können eine starke Identität aufbauen.

 

 

 
 

wo ist der Ausweg für hörende Eltern?

 

2. Für hörende Eltern ist dies natürlich auch möglich, doch der Anschluss an die Gehörlosengemeinschaft fällt vielen Eltern erfahrungsgemäß schwer. Hier wären die gehörlosen Jugendlichen und Erwachsenen gefragt mehr Angebote für gehörlose und schwerhörige Kinder nachmittags oder am Wochenende zu machen.

 

(Dies ist ein Aufruf an die Verbände, sich in der Richtung mehr zu engagieren und sich jetzt schon mehr Gedanken zu machen, wie dies aussehen könnte.)

 

 

Dina Tabbert-Zander und Gunnar Lehmann - sind Dolmetscher im Unterricht die Antwort?

Hörgeschädigtenschule mit Dolmetschern und gebärdensprachkompetenten Hilfskräften 

Allen Eltern – gehörlosen und hörenden - steht es frei sich auch weiterhin für die Hörgeschädigtenschule zu entscheiden. Es werden sicher nicht in absehbarer Zeit alle Gehörlosenschulen geschlossen. Aber alle Eltern können nun einfordern, dass Dolmetscher oder andere Hilfskräfte im Unterricht eingesetzt werden, die ihren Kindern den Unterrichtsstoff so vermitteln, dass die Kinder ihn barrierefrei verstehen. Und das gilt ab sofort, wenn auch nur ein einzelnes Kind in der Klasse dem Unterricht nicht über das Gehör dem Unterricht folgen kann.

Solange die Hörgeschädigtenpädagogen keine Gebärdensprache beherrschen, müssen sie sich damit abfinden, dass jemand in der Klasse sitzt, der diese Aufgabe für sie übernimmt.

 
 

Eltern diskutieren und suchen nach dem besten Weg für ihr Kind!

 

Die Kosten für Dolmetscher werden zurzeit noch vom Sozialamt – Eingliederungshilfe getragen. Es sind Überlegungen angestellt worden, die Kosten auf die Kultusbehörden zu übertragen. Das ist aber noch in keinem Bundesland per Gesetz verabschiedet.

Die Gesetze für eine gute Bildung gehörloser Kinder sind da! Mit Leben müssen sie gefüllt werden von Pädagogen, von Gehörlosen, von Dolmetschern, aber in erster Linie wieder einmal von mutigen Eltern, die das Recht für ihre Kinder einfordern - in Form von DGS-kompetenten Menschen, die ihren Kinder das Wissen vermitteln (verständlich machen), solange es die Hörgeschädigtenpädagogen selbst nicht können!

 

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