Sofort nach Veröffentlichung meines persönlichen Resümees der Fachtagung zur Indikationsspezifischen Rehabilitation am 6.6.2008 in Kassel, bekam ich eine Reihe von E-Mails mit durchweg großer Zustimmung von Betroffenen, die ihre Situation so oder ähnlich erleben.
Hier die Zuschrift einer Schwerhörigen:
Hallo Karin, sehr interessiert habe ich gerade dein Resümee der Tagung zu Schwerhörigkeit gelesen.
Ich stimme dir in allen Punkten voll zu.
Ich selber komme gerade von einer Fachtagung zu Autismus, wo - höchst beeindruckend- eine Frau (eine Medizinerin) mit Aspergersyndrom (Autismus ohne Intelligenzeinschränkung) von ihren Schwierigkeiten in einer "nichtbehinderten" Welt berichtete. Z.B.
Wohlgemerkt, diese Frau redete von Autismus und trotzdem konnte ich jeden Punkt auch auf Schwerhörigkeit übertragen! Zwar setze ich mich schon seit längerer Zeit mit meiner Schwerhörigkeit auseinander, aber diese Übereinstimmung hat mich doch umgehauen. Vielleicht ist es wirklich so, dass die "Sachlage" bei Gehörlosen eben eine eindeutige ist, während Schwerhörige ständig zwischen den Stühlen sitzen, ihre Behinderung nicht als gravierend angesehen und daher auch nicht auf sie eingegangen wird. Ich hätte mir viele Ängste, Peinlichkeiten und Einsamkeit sparen können, wäre vielleicht heute nicht so krank, hätte mir vielleicht nicht das viele Fett anessen müssen, wenn man mir von Anfang an visuelle Hilfen gegeben hätte - Gebärden, Bildsymbole, einfach nur Sichtkontakt...
Auch heute noch ist mein Leben mit Schwerhörigkeit z.T. sehr hart und niemand in meiner Umgebung hat wirklich eine Vorstellung davon, wie anstrengend es ist, mitten im Leben zu stehen. Aber zum Glück verfüge ich inzwischen über bessere Strategien, mit meiner Behinderung umzugehen und scheue mich nicht, meine Umgebung immer wieder offen darauf anzusprechen. Ich glaube, das ist der einzig richtige Weg: Informieren, informieren, informieren! Nur dann wird anderen klar, dass Schwerhörigkeit eine ernst zu nehmende Einschränkung ist, auf die die Gesellschaft sich einstellen muss.
Darüber hinaus: Jemanden "künstlich" schwerhörig zu machen, wenn er stattdessen die Chance hätte, in einer vollwertigen Kultur aufzuwachsen, ist dumm, grob fahrlässig und eigentlich sogar Körperverletzung!!!
So, jetzt habe ich alles rausgelassen. Ich danke dir sehr für deinen Artikel und hoffe, dass viele ans Nachdenken kommen....
Eine andere Zuschrift:
Hab's gelesen liebe Karin, es trifft wie die Faust aufs Auge. Da werden Erinnerungen wach. Bin mal gespannt, ob nach dieser Erkenntnis auch Tatenfolgen werden. Liebe Gruß KP (spätertaubt)
Oder lesen Sie hier die Abschlussarbeit von Waltraud Krenn mit dem Titel: "Psychische und psychosomatische Auswirkungen der Schwerhörigkeit".