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Leben in zwei Welten – Bereicherung und Herausforderung

Jahrestagung 2008 des Bundeselternverbandes gehörloser Kinder e.V.

Und die Kinder zeigen es: "I am what I am"

Karin Kestner 04.05.2008, Seite 1/7


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Katja Belz

Kaja Belz, Präsidentin

Vom 01.05.- 04.05. 2007 fand die diesjährige Tagung des Bundeselternverbandes gehörloser Kinder e. V. in Bad Kissingen statt

Und wieder gab es eine erneute Rekordbeteiligung bei der bundesweiten Tagung des Bundeselternverbandes gehörloser Kinder e.V. (192 Teilnehmer, davon 78 Kinder von 4 Monaten bis 18 Jahre)

Der Titel der Bundeselterntagung gehörloser Kinder macht deutlich, dass die zwei Welten, gehörlose Welt und hörende Welt, immer noch Thema sind.

Während der Tagung erlebten die Eltern und Kinder aber keine Trennung, kein Einteilen in Hören und Nichthören, sondern ein miteinander diskutieren, Pläne schmieden und Kampfansagen für eine bessere Zukunft der Kinder.

Natürlich müssen sich Eltern zuerst mit der Gehörlosigkeit des Kindes auseinander setzen, die Trauer und Betroffenheit leben, um dann die Herausforderung annehmen und schließlich die Taubheit ihrer Kinder tatsächlich als eine Bereicherung in ihrem Leben empfinden zu können.

Dafür brauchen sie Zeit. Zeit, die ihnen aber durch die einseitige Beratung in den Zentren für Cochlear Implantate genommen wird. Durch die einseitige Beratung  wird immer noch suggeriert, dass so schnell es geht operiert werden muss, möglichst noch im ersten Lebensjahr. Doch Sprachwissenschaftler kommen zum Schluss, dass Eltern erst Zeit gegeben werden muss, um ihre Trauer um geplante Lebensentwürfe verarbeiten zu können. Es ist für den Spracherwerb nicht relevant, ob ein Kind im 1. oder 3. Lebensjahr implantiert wird! Stimulation mit Hörgeräte ist auch völlig ausreichend.

Das Bild, das Mediziner in Beratungsgesprächen für Eltern gehörloser Kinder zeigen, ist erfunden und erlogen. Sehen diese Kinder aus wie defizitäre Wesen, die dumm bleiben, nicht bildungsfähig sind und keine Chancen auf ein glückliches, zufriedenes und erfülltes Leben haben?

 
Kenneth und Andreas

Kenneth und Andreas, I am what I am!

Das Schreckgespenst (taubstumm und ungebildet), welches die Mediziner in den HNO-Kliniken und Praxen aufzeigen, existiert nicht. Jedes Kind kann, oder sagen wir könnte, nach Talent und Befähigung gebildet werden, wenn es endlich das bekäme, was es braucht, Gebärdensprache.

Falls Eltern die Implantation nach reiflicher Überlegung und offener Beratung  wünschen, hatten sie wenigstens Zeit sich dem Thema "Wie leben denn eigentlich die Gehörlosen?" und "Was ist Gebärdensprache?" anzunähern, um zu sehen, ob es nicht auch ein Leben ohne CI sein kann?

Eltern können erfahren, dass gehörlose Erwachsene diesen Wunsch nach hören mit CI meist nicht haben, und schon gar nicht, wenn alle Voraussetzungen für gleichberechtigte Teilhabe gegeben sind, die auch gegeben sein könnten.

Eltern kommen im alltäglichen Leben seltener mit der Lebenswirklichkeit der Gehörlosen in Berührung, besonders in ländlichen Gegenden, haben oft auch Berührungsängste und trauen sich mit den vielleicht erst spärlichen Gebärdensprachkompetenzen keine Annäherung an gehörlose Menschen zu. Was lag also näher, als Gehörlose einzuladen, die von ihrem Selbst berichten, wie auch sie zu kämpfen hatten mit der hörenden Welt, um dann dem defizitären Blick der Mediziner "Wir können das beheben" entgegen zu halten, „I am what I am“!

 
Helmut Vogel

Helmut Vogel

Gehörlose empfinden sich nicht als zu reparierende defizitäre Wesen, sondern leben selbstbewusst mit ihrer Taubheit, zeigen, dass sie nicht behindert sind, sondern höchstens durch die Ignoranz der Gesellschaft behindert werden.

Helmut Vogel (Vorsitzender der Kugg) zeigte eindrucksvoll, wie sehr die Mediziner Unrecht haben, wenn sie behaupten, dass es für gehörlose Kinder nur einen Weg geben kann - den der Operation. Nicht das arme gehörlose Kind, ohne Chancen im Beruf und Zukunft, isoliert und stumm, sondern Taubsein mit Gebärdensprache leben können, mit allen Chancen im Leben wie Hörende auch!

Er, der als gehörloser Erziehungswissenschaften und Gebärdensprache studiert hat, gab den Eltern überaus verständlich einen tiefen Einblick in das Denken der Gehörlosen. Er zeigte den Eltern, dass sie dem Blick der Mediziner nicht folgen müssen, sondern ihr Kind als Ganzes sehen und annehmen können. Deafhood ist im Bundeselternverband gehörloser Kinder "angekommen".

 
Kilian Knoerzer

Kilian Knoerzer

Kilian Knörzer (gl) gab den Eltern einen Überblick über die vielfältigen Möglichkeiten, die Kindern und Jugendlichen auch in den verschiedenen Vereinen der Gehörlosenjugend zur Verfügung stehen, Kinder- und Jugendcamps, Veranstaltungen zur Kultur und Sport in ganz Deutschland und Europa. Er arbeitet in Aachen beim Projekt Vibelle  und ist aktiv in der europäischen Gehörlosenjugend tätig! Der motivierende Vortrag war für Eltern enorm wichtig und eine Bereicherung! Es geht weiter, die Kultur wächst und wächst, von Verschwinden der Gebärdensprache, der Gehörlosen und der Kultur kann keine Rede sein.

 
Elternberichte

Eltern Workshop

Am Nachmittag wurden Workshops zu den verschiedenen Themen angeboten und nachfolgend wurden die Ergebnisse allen mitgeteilt. Über Bereicherung, die aber eine Herausforderung gerade für hörende Eltern ist, wurde berichtet, während die Gehörlosigkeit für gehörlose Eltern oft eine Selbstverständlichkeit darstellt. Geschwisterkinder müssen in den Ablauf des Tages integriert werden, ein gehörloses Kind in der Familie bringt Veränderungen in Verhalten und Kommunikation, welches in jeder Familie eine andere Herausforderung bedeuten kann und bewältigt werden muss.

 
Elternberichte

Eltern berichten

Der dritte Tag begann mit den Erfahrungsberichten der Eltern. Immer die gleichen Berichte, nichts ändert sich im Verhalten der Mediziner, Berater in den meisten Frühförderstellen und Pädagogen der meisten Hörgeschädigtenschulen. So viele Jahre sind die Rufe der Eltern nach Gebärdensprache im Unterricht, in der Frühförderung  ungehört geblieben!

Immer noch kein Hinweis der Mediziner im Beratungsgespräch, dass es ein guter Weg ist, mit Taubheit und Gebärdensprache zu leben, und dass Gebärdensprache den Lautspracherwerb fördert wird weiterhin schlicht ignoriert und den Eltern verschwiegen.

Der Grund, dass immer nur der Weg der Operation empfohlen wird, kann nur das finanzielle Interesse der CI-Industrie und -Lobby sein, anders ist es nicht zu erklären.

 
Publikum

Publikum

Eltern, Gehörlose und Schwerhörige fordern 100 % Untertitel, gehörlose Kinder fordern zusätzlich ihr Recht auf 100 % Gebärdensprache, für sie selbst, in Unterricht und Erziehung und für Eltern in DGS-Kursen und Frühförderung ihrer Kinder, damit das Leben mit gehörlosem Kind für Eltern und Kinder als Bereicherung empfunden werden kann.

Es ist ein Skandal, dass immer wieder, seit über 10 Jahren, von Pädagogen der Gehörlosenschulen gesagt wird, "Wir brauchen noch Zeit um Gebärdensprache zu lernen" und gesagt wird, dass es zu wenige Gehörlosenpädagogen gibt, die gehörlose Kinder in ihrer Sprache unterrichten. Wurden sie deswegen mancherorts umbenannt in "Förderschulen für Hören und Kommunikation"? Ein Englisch- oder Französischunterricht in Regelschulen wird auch nicht in jeder Schule von Muttersprachlern abgehalten, da gibt es auch nicht die Ausrede "Wir brauchen noch ein paar Jahre, um das zu lernen" oder " Es gibt nicht genügend Muttersprachler!"

 

Wie können sich Gehörlosenschulen so nennen, wenn sie noch nicht einmal gehörlose Kinder in ihrer Sprache unterrichten können, geschweige denn die Kinder verstehen können? Welche Existenzberechtigung haben die Schulen für Gehörlose noch, wenn sie nicht in der Lage sind die Kinder auch in Gebärdensprache zu bilden? Zwingende Voraussetzung für das Arbeiten in Frühfördereinrichtungen und Schulen für gehörlose und schwerhörige Kinder muss eine Qualifikation der Pädagogen in Gebärdensprache sein!

 

Der krönende und zum herzhaften Lachen anregende Abschluss am Samstag Abend war das Kulturprogramm. Simone Lönne gab ihr Debüt als Komödiantin! Ein neuer Stern am Himmel der Gehörlosen-Kultur.

Die Bilder können nur einen kleinen Eindruck geben von der filigranen Gebärdensprache, die Simone zelebrierte, dem Witz und der Ironie des Vortrages.

 
Gebärdensprachdolmetscher

Gunnar Lehmann und Dina Zander

Hinzu kam für Hörende die exzellente Verdolmetschung der beiden Dolmetscher Dina Zander und Gunnar Lehmann von Zwischenmensch

 
Karin Kestner

Karin Kestner mit Fan ;)

Ein persönliches Wort:

Für mich persönlich war diese Tagung und die Liebe der Kinder, die mir entgegengebracht wurde Ansporn weiter zu machen und mich noch mehr für die Belange der Eltern und Kinder einzusetzen. Wer nichts macht, macht keine Fehler, man möge mir meine, die ich unabsichtlich bei der Fülle der Arbeit manchmal mache, nachsehen.

Ihre Karin Kestner

 

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