Es spricht ja nichts dagegen, wenn eine erworbene Schädigung, sei es durch Unfall, Krankheit oder sonstige Umstände kompensiert wird.
Prothesen, Hörgeräte, Rollstühle und sonstige Hilfsmittel ermöglichen zumindest ansatzweise, wieder am normalem Leben teilzunehmen.
Ich selbst trage Hörgeräte, eine Brille, benutze ein Dreirad und den PC, Letzteren speziell für die Kommunikation, wende auch Gebärden und das Finger-ABC an, verweigere aber nach wie vor die Versorgung mit einem Cochlea-Implantat. Für viele Hörgeschädigte und besonders auch Guthörende ist dieser Verzicht offenbar nicht nachvollziehbar. Mir selbst geht dieses krampfhaft "Wieder-normal-sein-wollen? ziemlich auf den Senkel. Sicher würde ich gerne wieder Musik hören, das einzige, was ich seit dem Beginn meiner Taubheit vor 8 Jahren wirklich vermisse.
Meine kommunikativen Bedürfnisse erfülle ich durch Chatten, Handy (SMS) Gebärdensprache und einen PDA mit angeschlossener Tastatur. Filmgenuss ist dank DVD und TV mit Untertiteln ebenfalls möglich. Bei der Teilnahme an Diskussionen leistet der PDA ebenfalls gute Dienste. Auf Lippenablesen verzichte ich ganz, das ist einfach zu anstrengend und auch keine Art der Kommunikation, und schon gar keine Sprache.
Für mich ist die Summe aller Alternativen auch eine Frage der Kultur, als Ausdruck der eigenen Lebenssituation, der Identität - eine Selbstverständlichkeit für mich, der ich von Geburt an Spastiker bin.
Seit mehr als 25 Jahren spiele ich Theater, erarbeite Fotoausstellungen, schreibe Texte und Gedichte und stehe zu meiner Andersartigkeit. Auch bei Gehörlosen, Schwulen und Lesben z. B. ist eine eigene Kultur Bestandteil ihres Lebens. In der Schwerhörigen-Szene gibt es eine besondere Kultur anscheinend nicht, zumindest nicht so ausgeprägt, wie in anderen Randgruppen.
Woran liegt das?
Zum Einen sicherlich daran, dass eine Hörschädigung nicht sichtbar ist, und sie scheinbar leicht zu verbergen ist. Sie ist in der Regel kein äußerer Makel, wie z.B. eine nicht zu kaschierende Brandverletzung. Die Betroffenen werden nicht direkt in die Lage versetzt, zu ihrem Handicap stehen zu müssen. Mit mitleidvollen Blicken, echten Barrieren wie Treppen, zu engen Türen etc. brauchen sie sich in der Regel nicht auseinander zu setzen.
Dieser Umstand verstellt jedoch den Blick auf die eigene reale Situation. Nach außen hin bleibt alles so, wie es war und ist. Nach Möglichkeit werden auch (noch) keine Hörgeräte getragen, wenn doch, dann aber so unauffällig wie nur möglich. Damit setzt sich die Verdrängung des Handikaps stilvoll fort. Für mich ist es schier unbegreiflich, dass diese Menschen sogar auf echte Hilfen, wie z.B. eine Mikroportanlage, verzichten, nur um unter Kolleginnen nicht als behindert zu gelten.
Dabei sind hörgeschädigte Menschen, wenn sie nicht zu ihrer Behinderung stehen, gerade diejenigen, die ihre Einschränkungen selbst zementieren.
Sie isolieren sich mehr oder weniger selbst, gehen kaum zu kulturellen und politischen Veranstaltungen, selbst dann nicht, wenn diese hörgeschädigten-gerecht angeboten werden. Kommentar eines
Verbandsoberen: "Das Thema betrifft uns nicht.“
Natürlich setzt das Leben mit der Schwerhörigkeit bzw. Ertaubung ein gehöriges Maß an Selbstbewusstsein voraus, um nicht von der Kommunikation ausgeschlossen zu sein. Je mehr die Kommunikationsprobleme in der Öffentlichkeit sichtbar werden, um so weniger gravierend ist auch die Tendenz der Isolation. Früher, als Sticker populär waren, hatte ich mir einen selbst hergestellt, mit folgendem Text: Schwerhörig - nicht blöde!
Der Erfolg gab mir Recht. Viele Menschen kamen mir entgegen. Heute sage ich es selber und bestehe darauf, dass die Leute Tastatur, Stift und Gebärden benutzen. Nicht unzureichende Technik, nicht unqualifiziertes Gefuchtel, sondern KOMMUNIKATION. Sie ist vielfältig und variabel, und nicht unbedingt an irgendwelche Normen gebunden. Sprache hat viele Gesichter.
Viele Hörgeschädigte wenden die Gebärdensprache und andere Hilfsmittel nicht an, schließlich wollen sie nicht als taub und vermeintlich minder intelligent angesehen werden. Ist dies wirklich so wichtig, um dann als Konsequenz in der Selbstisolation zu landen? Solche Dummheit fasse ich nicht!
Das Bestreben, Behinderungen auszurotten, ist menschenfeindlich. Es wird immer Menschen geben, die durch das normale Raster fallen. Vielfalt statt Einfalt, auch in der Kommunikation, ist die Grundlage für ein lebenswertes Umfeld, in dem Jede/r kulturelle Wurzeln schlagen kann. Es geht darum, die eigene Einschränkung nicht als Defizit, sondern als Chance wahrzunehmen. Je mehr Menschen dies tun, anstatt ihr Handicap zu verstecken, um so mehr gilt:
Es ist normal, verschieden zu sein.