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Was gehörlose Kinder fordern?

Jahrestagung des Bundeselternverbandes gehörloser Kinder e.V.

Karin Kestner 21.05.2007, Seite 1/4

     

Workshop

Lothar Wachter (ehem. Präsident)

Rosemarie Flecke

Rosemarie Flecke

Lothar van Eickels

Lothar van Eikels

Johannes Hennies

Johannes Hennies

Dr. Anja Gutjahr

Dr. Anja Gutjahr

Workshop

Jugendliche im Workshop

Diskussion

Eltern diskutierenDiskussion

Eltern diskutieren

Vom 17.05.- 20.05. 2007 fand die diesjährige Tagung des Bundeselternverbandes gehörloser Kinder e. V. in Münster statt! Der Präsident Lothar Wachter begrüßte die Tagungsteilnehmer. Frau Marianne Koch von der Untertitelwerkstatt Münster sprach in Vertretung der Stadt Münster Grußworte und stellte die Stadt Münster vor.

Wieder war ein Rekordbesuch zu verzeichnen. 60 Kinder und über 100 Erwachsenen nahmen an der Veranstaltung teil, die die Kinder und deren Wünsche in den Mittelpunkt stellte. Diesmal mussten die älteren Kinder auch am Thema arbeiten, denn sie sind es, die ihre Forderungen an die Öffentlichkeit tragen wollten und sollten!.

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen der etwas größeren Kinder waren erstaunlich (siehe Flipchartbilder oben), lesen Sie selbst ein paar Auszüge aus den Arbeitsgruppen:

+ Krankenkassen sollen nicht CI, sondern lieber Gebärdensprachdolmetscher bezahlen. + Eltern sollen das CI selber bezahlen + auch Schwerhörige und CI Träger sollten Gebärdensprache lernen + Der Unterrichtsstoff sollte sich nicht von dem der Regelschulen unterscheiden + hörende Eltern von gehörlosen Kindern brauchen mehr Informationen über Gehörlosigkeit + mehr Respekt gegenüber Gehörlosen + mehr Internate für gehörlose Kinder und vieles mehr….

Die Forderungen der Kinder sind völlig klar formuliert! Es wurden Forderungen vor allem auch an die Schule gestellt. Und so passte es gut, dass die Direktoren von zwei Schulen die ersten Redner waren.

Frau Flecke stellte die Münsteraner Schule vor, die durch die Zusammenlegung der Gehörlosen- und Schwerhörigen-Schule vor einigen Schwierigkeiten stand, die erst einmal bewältigt werden mussten. Doch mit dem Willen aller Lehrer, auch auf die Kommunikation der Kinder, nämlich auf Gebärdensprache, einzugehen und weiter zu lernen, sollte der Weg positiv weitergehen.

Lothar van Eikels, Direktor der Homberger Schule für Hörgeschädigte, stellte sein Konzept zur Ganztagsschule vor. Es ist die erste Schule für Hörgeschädigte in Deutschland, die diesen Weg beschreitet und er hat nur Positives zu berichten. In Homberg gibt es gehörlose Lehrer, eine gehörlose Sozialarbeiterin und viele, die DGS beherrschen. In Homberg gibt es für jedes Kind die Lehrer, die es benötigt! In allen Ländern, außer Deutschland, Österreich und Deutschschweiz ist es selbstverständlich, dass Kinder ganztags zur Schule gehen. Warum dann also nicht für hörgeschädigte Schülerinnen, die es aus unterschiedlichsten Gründen bitter nötig haben, ganztags Kontakt zu Gleichgesinnten, Gleichkommunizierenden und Gleichaltrigen zu haben? Lothar van Eikels ließ es dann auch nicht bei seinem Vortrag bewenden, sondern blieb die gesamte Tagung über Ansprechpartner für Eltern. Meines Wissen der erste Direktor, der nicht gleich nach seinem Vortrag wieder verschwand. Hautnah konnte er die Probleme, Sorgen, aber auch die problemlose Kommunikation zwischen hörenden und gehörlosen Eltern und deren Kinder in Gebärdensprache erleben.

Der zweite Tag begann mit dem Zwischenbericht zum Berliner Bilingualen Schulversuch von Johannes Hennies. Es wurde klar formuliert, dass es für gehörlose Kinder von riesigem Vorteil ist, wenn sie bilingual in Gebärdensprache und Deutsch unterrichtet werden, was uns Anwesenden und natürlich auch den Kinder seit langem klar ist. Es wurde daher auch aus dem Vorstand des Elternverbandes davon abgeraten weitere Schulversuche zu unternehmen, denn während eines laufenden Schulversuches werden ähnliche Unterrichtsmodelle an der gleichen Schule auf Eis gelegt, bis der Schulversuch beendet und als fördernd und gut befunden ist. So ist es für Kinder in Berlin nicht möglich in weiteren Klassen auch in den Genuss einer bilingualen Beschulung zu kommen. Es muss also jetzt mal Schluss sein mit den „Schulversuchen“ und übergegangen werden zur Normalität, die da heißt: beide Sprachen für alle hörgeschädigten Kinder!

Wie ehemals gehörlose und schwerhörige Kinder, heute Jugendliche, denken und zurückblickend in Interviews erzählen, legte Anja Gutjahr vor. Hier ein Zitat aus der Dissertation von Frau Gutjahr, die gut zusammenfasst, was gehörlose Kinder inzwischen auch selbst fordern:

Aufgabe der Hörgeschädigtenpädagogik sollte es sein, Hörgeschädigte dahingehend zu unterstützen, dass sie selbst zu einer integrierten Persönlichkeit werden und nicht nur ein zu integrierender Mensch sind. …. Oder wie Tim (aus den Interviews Anm. KK) es formuliert: „Sprechen ist wichtig, aber kann ich nur sprechen, dann habe ich nicht viel“…… Gute Sprechkompetenzen zu haben, ist mit Sicherheit wichtig, doch nicht lebenswichtig. Eine Sprache zu besitzen, sie verinnerlicht zu haben, schon!

Die Dissertation „ Zum Kommunikationserleben hörgeschädigter junger Menschen in der Familie“ wird im Signum-Verlag erscheinen und vielen die Augen öffnen.

Der Nachmittag gehörte den Kindern, die ihre Forderungen zu Papier brachten und in Arbeitsgruppen auswerteten, um es den Eltern vorzustellen. Die Eltern sind nun gefordert, Taten folgen zu lassen!

 

 

 

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