Sehr geehrte Damen und Herren,
soeben ist mir der Flyer „Frühkindliches Hören“ mit dem Titel "Hört Ihr neugeborenes Kind? - Hörst Du oder schaust Du nur?" vom „Forum Besser Hören“ in die Hände gefallen, der von Ihnen und der Kinderhilfe Direkt finanziert wurde.
Zu diesem Flyer möchte ich einige Anmerkungen machen:
Stellen Sie sich vor, Sie sind Mutter eines gehörlos geborenen Kindes und lesen auf der ersten
Seite eines Flyers
Hörst du oder schaust du nur?
Was sollte ich als Mutter eines gehörlosen Kindes denken?
Nur sehen? Ist das jetzt zu wenig? Ich würde denken, okay, mein Kind sieht, aber warum
nur, es ist eben so, es ist gehörlos.
Okay, denke ich, vielleicht etwas unüberlegt von den Herstellern des Flyers, vielleicht nicht so gemeint?!
Dann lese ich weiter:
Wussten Sie, dass eine Hörschädigung die häufigste angeborene Sinnesbehinderung ist?
Ja, ich weiß, dass es oft vorkommt, dass ein Kind gehörlos geboren wird. Hmm - weiter:
Schon in den ersten Lebenstagen ist es möglich, durch einfache Testverfahren eine schwere
Hörstörung auszuschließen.
Ja, man kann in den ersten Tagen eine Hörstörung ausschließen, doch was ist, wenn es gehörlos ist,
wie mein Kind?
Bestimmt gibt mir die nächste Seite Aufschluss.
Was lese ich da?
Hören ist für die Gesamtentwicklung meines Kinder wichtig.
Hmm, mein Kind kann aber nicht hören!
Okay weiter:
Warum ist HÖREN so wichtig?
Nicht Hören beeinflusst mein Kind …. – stimmt – aber doch nicht so wie
beschrieben, oder??
Schauen wir uns das mal genau an:
Sprachentwicklung – mein Kind hat eine Sprache – Gebärdensprache – nur das ist im
Flyer wohl nicht gemeint, oder?
Schulische Bildung – stimmt, mein Kind wird in der Gehörlosenschule nur von hörenden Lehrern ohne Gebärdensprache unterrichtet. Vielleicht sollte dies mal in Angriff genommen werden! Die Pädagogen sind nicht in der Lage, obwohl sie an Hörgeschädigtenschulen arbeiten, mein Kind in Gebärdensprache zu unterrichten. Mein Kind hat nicht die gleichen Bildungschancen wie hörende Kinder.
Verhalten – nun, da ich als Mutter Gebärdensprache kann, habe ich damit keine Probleme und mein Kind auch nicht!
Seelisches Gleichgewicht – stimmt – das kommt bei meinem Kind immer ins Wanken, weil es in der Schule so schlecht gefördert wird, ständig aber unterfordert ist! Das liegt aber nicht daran, dass es nicht hört, sondern, dass es nicht von gebärdensprachkompetenten Menschen unterrichtet wird.
Nun gut, man kann ja nicht alles wissen, denke ich und lese weiter:
Eltern appellieren an mich!?
Prima!
Hören macht einen wesentlichen Unterschied für den späteren Lebensweg Ihres Kindes aus!
Zu was macht es einen Unterschied? Nun, das kann ich Ihnen erklären:
Es braucht Untertitel und Dolmetscher und gute gehörlose Pädagogen, aber so weit kommt es ja gar
nicht, weil es vorher von einem Auto überfahren wird….
Foto!
Ja, kann ich nur sagen, das Hörscreening, welches jetzt auf zwei Seiten beschrieben wird,
hat mir da leider nicht geholfen, mein Kind ist tot.
Mal lesen wie es weiter geht im Flyer!
Diagnose – okay – die hatten wir schon – mein Kind ist gehörlos!
Therapie – mache ich, gute Idee! Ich biete meinem Kind Gebärdensprache an.
Davon steht nun leider nichts im Flyer, hab ich da was falsch gemacht? Mein Arzt sagte, „Hörgeräte helfen nicht bei völliger Taubheit, nur ein Cochlear Implantat“, das wollte ich meinem Kind aber nicht zumuten – Gebärdensprache tut nicht weh.
Aber gut, da steht ja noch etwas von:
Es gibt immer eine Chance!
Bestimmt kommt jetzt Gebärdensprache! Leider weit gefehlt. Ich lese:
Jedes Kind kann HÖREN lernen!
Können Sie mir jetzt erklären, warum Sie diesen Flyer finanziert haben? Was soll mir als Mutter dieser Flyer sagen? Warum wird den Eltern Angst gemacht? Macht Gehörlosigkeit Angst oder das Schreckgespenst, welches im Flyer an die Wand gemalt wird? Angst bringt nichts Positives hervor, Angst lähmt. Würde es nicht reichen, wenn ein Flyer erstellt würde, der aussagt:
Es gibt viele verschiedene Wege mit einem hörgeschädigten Kind, wenn sie die Hörschädigung frühzeitig erkennen – durch das Neugeborenen – Hörscreening.
Ich würde mich sehr über eine Antwort von Ihnen freuen und vielleicht können wir zusammen überlegen, wie man für Eltern hörgeschädigter Kinder einen sinnvollen Flyer erstellt.
Mit freundlichen Grüßen Karin Kestner
(und D.W., Mutter eines gehörlosen Kindes.)