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Interdisziplinär - unter Ausschluss der Gehörlosen!

IV. Kölner Frühförderkongress 2006

Karin Kestner 24.09.2006

 

„Gemeinsam Handeln statt Behandeln?!“ Aktuelle Aufgaben und Perspektiven der Komplexleistung Frühförderung

Zentrum für FrühförderungEin wunderbares Thema, toll der Ansatz des Kölner Frühförderkongresses „Gemeinsam handeln statt Behandeln!“ Also Grund genug für mich wenigstens einen Tag nach Köln zu fahren, um zu sehen wie Frühförderinnen aus ganz Deutschland über das Thema „kindliche Hörstörung “ aufgeklärt werden und ihnen Hilfestellungen zum Handeln gegeben werden.

Ich kann nur über einen kleinen Ausschnitt des Kongresses berichten, der gesamt 3 Tage dauerte, zu allen Behinderungen gab es Workshops und Vorträge. Ich hatte mir natürlich das Thema „Wie Kinder hören…“ ausgesucht.

Voraus möchte ich schicken, dass nach den 5 Stunden mein erster Gedanke war: „Das hättest du dir gar nicht antun müssen!“ Doch mein zweiter Gedanken war: „Nein es war doch wichtig dort zu sein und zu erleben, warum Frühförderer gar nicht anders handeln können, als sie es heute fast in jeder Frühförderstelle tun."

Wenn man den Eingangsvortrag von Prof. Dr. phil. Hasso von Wedel überstanden hatte, wusste der geneigte Zuhörer, dass es eine interdisziplinäre Zusammenarbeit für Kinder mit Hörstörungen geben soll. Er stellte das Positionspapier „Frühkindliches Hören“ des Joint Commitee vor. Er verteilte im Anschluss den Flyer "Hört Ihr neugeborenes Kind? - Hörst Du oder schaust Du nur?" , den ich in einem offenen Brief schon einmal unter die Lupe genommen hatte. Wer sich nicht eingehend mit diesem Positionspapier beschäftigt hat, wird auch nicht die Pläne, die dahinterstecken durchschauen. In diesem Papier wird zum Beispiel eine „anonyme“ Datenbank gefordert. In diese sollen alle Familien eingetragen werden, die bei einem Hörscreening (OAE) aufgefallen sind. Sie sollen, so wörtlich in der Rede von Herrn von Wedel „mit Nachdruck von Ärzten daran erinnert werden, zu einer weiteren Überprüfung des Gehörs des Kindes zu erscheinen“. Erlaubt sein muss die Frage, für wen diese Datenbank anonym ist, wenn Ärzte Adressen darin finden, um die Eltern anzuschreiben?! Eine solche Datenbank sichert nur eins: alle Eltern von Kindern mit Hörstörungen unter „Kontrolle“ zu haben. Vielleicht ist doch ein CI angebracht? OAE – das Hörscreening, Herrn von Wedels Hauptthema, ermöglicht den CI Kliniken volle Häuser – OAE – BERA – Hörgerät und anschließend nach 6 Monaten Testphase- CI mit anschließender REHA. Dabei wäre ein gemeinsames Handeln für eine frühe Diagnose durchaus wichtig und wünschenswert , wenn mit der Diagnose nach OAE und weiteren Untersuchungen, (die OAE sind sehr fehlerbehaftet und erlauben keine genaue Aussage über das Hörvermögen,) die Eltern auch darauf aufmerksam gemacht werden könnten, dass eine Förderung mit Gebärdensprache sehr sinnvoll für den Spracherwerb aller hörgeschädigten Kinder und insbesondere auch aller Kinder mit CI ist! Siehe die Broschüre von Frau Gisela Szagun

Interdisziplinär, so wurde am Ende des Vortrages klar, heißt beim Joint Commitee: alle Organisationen, die eine hörgerichtete Förderung, apparative und operative Versorgung hörgeschädigter Kinder unterstützen - unter Ausschluss der Gebärdensprache! Angefangen von HNO-Ärzten, Akustikern, Pädaudiologen, dem BDH, (Zusammenschluss von Hörgeschädigtenpädagogen, die wissen wie das Wort „Gebärdensprache“ geschrieben wird) und einigen mehr. Im Vortrag selbst kam dann auch nicht einmal das Wort Gebärdensprache vor, warum auch, denn früh genug erkannt, kann ja jedes Kind hören lernen, wie im Flyer zu lesen. Man erinnere sich: Handeln statt Behandeln ist das Thema der Veranstaltung. Im Positionspapier wird eines klar, es werden Defizite des Kindes behandelt – nicht die Stärken des Kindes gesucht und unterstützt.

Gut, durchatmen und weiter mit dem nächsten Vortrag!

Frau Dr. Ruth Lang-Roth erklärte die verschiedenen Hörstörungen, die Untersuchungsmethoden beim Kind und ging kurz auf den Behandlungsverlauf (Untersuchungen, Hörgerätetestphase, CI-OP etc.), bei gehörlosen und schwerhörigen Kindern ein. Sie versäumte nicht, darauf hinzuweisen, dass OAEs nicht fehlerfrei sind. Ein sachlich guter Vortrag, aus dem Anfänger in der Frühförderung durchaus viel lernen konnten. Dieser Vortrag war rein medizinisch und sachlich, doch ein Satz lies mich dann doch aufhorchen: „….diese Formen der Schwerhörigkeit sind versorgungspflichtig!“ Nun, das war mir neu. Nein, Eltern sind höchstens verpflichtet sich Gedanken darüber zu machen, welche Wege sie gehen möchten mit ihrem Kind – selbstbestimmt und ohne äußeren Druck. Wir erinnern uns wieder an das Thema der Veranstaltung. Hier wurden nur Behandlungsmethoden vorgestellt. Auch kein Wort wie: ….kann auch mit Gebärdensprache…. oder ähnliches – eben „behandeln - nicht handeln mit dem Kind“!

Der nächste Vortrag – für mich ein Thema, mit dem ich oft konfrontiert werde. AVWS – Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen von Dr. med. Petra Scheer. Sehr gut gab Frau Scheer einen Überblick über das sehr komplexe Thema, welches noch nicht sehr gründlich erforscht und schwer zu diagnostizieren ist. Da die Hörbahnen noch bis zum 7 Lebensjahr reifen, sind frühe Diagnosen eher skeptisch zu betrachten. Sie gab auch einen Überblick über therapeutische Ansätze, leider auch wieder hier kein Hinweis auf Gebärdensprache, mit der Eltern von AVWS diagnostizierten Kindern sehr gute Erfahrungen haben. Gerade auch Eltern, deren Kinder eine sensorische Integrationsstörung haben, berichten positiv vom Einsatz der Gebärdensprache. Mein Tipp: mal mit Eltern Kontakt halten, die mit der Diagnose AVWS einen anderen Weg gehen, als vorgeschlagen.

Für mich persönlich der beste Vortrag kam von Herrn PD. Dr. med. Hartmut Meister. Sein Thema: „Hörgeräte bei Hörstörungen im Kindesalter“. Bei der Kinderversorgung mit Hörgeräten ist so vieles mehr zu beachten als bei Erwachsenen. Kinder können selten Rückmeldungen über Schmerzgrenzen geben, können nicht sagen, wie sie hören und was. Es braucht von Seiten der Hörgeräteakustiker viel Erfahrung und Einfühlungsvermögen, viel Wissen um die passenden Hörgeräte, der Verstärkung und Komprimierung der zu leisen nicht gehörten Töne. Sehr anschaulich, auch für absolute Laien, schilderte er den Verlauf einer Anpassung beim Kleinkind. Es bleibt zu wünschen, dass er sein Wissen an viele andere weitergibt. Selbst für Menschen, die schon mit Hörgeräten zu tun haben, ein absolut hörenswerter Vortrag.

Dann ist aber auch schon Schluss mit lustig, denn was nun folgte ist der Grund, warum ich nur noch selten zu Veranstaltungen in CI-Kliniken gehe. Der Vortrag von Prof. Dr. rer.nat. Martin Walger wurde mit folgenden Worten von der Moderatorin eingeleitet: „Nun kommen wir zu einem Thema, das uns hier alle sehr emotional berührt, der Erfindung des segensreichen Cochlea Implantates.“ Waren bisher alle um Sachlichkeit bemüht, war es jetzt schlagartig vorbei. Man erspare mir großartige Ausführungen, denn es war ein üblicher Vortag zum CI, austauschbar! Doch ein paar Schlagworte möchte ich aufzeigen:

  • „das CI ist eine Ersatz für die Cochlea,“
  • „es wird unter der Haut eingesetzt“, (unter Vermeidung des Ausdruckes in den Schädel)
  • „es wird Leidenden damit geholfen“
  • „Ziel- lautsprachliche Kommunikation und psychosoziale Integration“
  • „bei Meningitis sofort implantieren – beidseits“
  • „Komplikation unter 1%“ – (erläutert wurde es nicht)

Es wurde eine Folie über die „Studie“, wenn man sie so nennen möchte, von Prof. Lenarz gezeigt, die als Ergebnis eine Regelbeschulung von 70 % der implantierten Kinder benennt. Leider wurde vergessen zu erwähnen, dass es sich bei der untersuchten Kinderzahl nur um 44 Kinder handelte und aus dem Jahr 2001 stammt. Prof. Walger meinte, in anderen Ländern läge die Rate sogar bei 90 %. Seltsam, dass die Schwerhörigen, Gehörlosen und Integrationsschulen nur so von CI-Kindern wimmeln, die „Mobilen-Dienste“ ihre liebe Mühe haben die Kinder in Regelschulen irgendwie zu unterstützen…. Aber man sichert sich ja ab und spricht nicht von Regelschulabschlüssen, sondern nur von Regelbeschulung (ohne Kontrolle des Ergebnisses). Daraufhin gleich noch ein Hinweis auf die Kosten-Nutzen-Analyse von Gattermann - Regelschulen kosten weniger! Siehe dazu auch mein Bericht zur Tagung 2001: Das Cochlear Implantat - eine Chance für gehörlose Kinder und der Kommentar von Alexander Drewes.

Der krönende Abschluss meiner Teilnahme am Kongress:

„Therapie und Habilitation der frühkindlichen Taubheit nach Cochlea Implantation“ war das Thema der pädagogischen Leiterin des CI Centrums, Köln, Barbara Streicher, Sonderschullehrerin, „Schülerin“ von Frau Schmidt-Giovannini.

Sie berichtete über den Verlauf und die Art der Therapie, wie sie in Köln aus- "geübt“ wird. Weiß ich, dass in anderen CI Zentren die Logopädinnen und Therapeutinnen zum Teil heimlich und zum Teil mit Einverständnis der Leitung mit wenigstens ein paar Gebärden in der Habilitation mit CI-Kindern arbeiten, im Kölner CIC ist das nun ganz und gar nicht der Fall. Frau Streicher vertritt die Meinung mit die AV-„Therapie“ hätten die Kinder die besten Chancen in die Lautsprache zu kommen. Dazu muss man wissen, was AV ist, auditiv-verbale Therapie. Sie schließt Gebärden und natürlich Gebärdensprache völlig aus.

Frau Streicher zeigte ein Video mit einem 2,6 Jahre alten CI-Kind, es wurde der Buchstabe „a“ gelernt! Zum Vergleich: ein Kind, das gehörlos, früh diagnostiziert, 2,6 Jahre alt ist, und in Gebärdensprache erzogen wurde, erzählt in dem Alter eine ganze Geschichte in Gebärdensprache. Sehen Sie hier, wie aufgeschlossen und integriert Kinder mit gebärdensprachlicher Erziehung aussehen (auf der Tagung des Bundeselternverbandes gehörloser Kinder 2006):

Ein weiteres Video wurde abgespielt, dass das Mädchens einige Zeit später zeigt, (leider ist mir nicht mehr im Gedächtnis wie alt das Kind zu dem Zeitpunkt war) es zeigte zwar eine Interaktion zwischen Kind und Mutter und Frau Streicher, aber gesprochen hat das Kind nicht. Aber wir bekamen noch ein weiteres Video zu sehen, einen sehr lebhaften Jungen, der ständig versuchte seine Hände still zu halten, der sprach und sang, und angeblich demnächst auf eine Regelschule kommen sollte – ein Vorzeige-Kind wurde er genannt. Und was ist mit den anderen Kindern?

Fragen am Ende waren nicht mehr erlaubt, da sie die Zeit heftig überzogen hatte. In der Pause hatte ich Gelegenheit sie zu befragen, was sie denn mit den Kindern machen wolle, die nicht anfangen zu sprechen, die - wie in der Studie von Frau Szagun nur völlig unzureichend in die Lautsprache und deren Grammatik kämen? Schulterzucken! Eine Erzieherin wollte auch von ihr wissen, warum Eltern, deren Kinder bei ihr im Kindergarten seien, Angst hätten Gebärden zu benutzen? Sie solle doch den Eltern nicht Angst vor Gebärden machen, die Kinder würden es doch brauchen.

"Das ist nicht ihre Aufgabe", wurde sie von Prof. Walger unterstützt. Unschön war die Bemerkung, dass die Gehörlosen doch genügend Lobby hätten, die die Eltern in der Richtung Gebärdensprache unterstützen könnten. Ich habe noch mal erklärt, dass Gehörlose immer Bilingualität fordern, sie (Frau Streicher) aber einseitig nur in Richtung Lautsprache fördere, dass es zu Lasten der Kinder gehe…

Fazit: Es gibt keine Gebärden – keine Gebärdensprache - unter Frau Streicher in der Förderung der CI-Kinder im Kölner CIC, auch keine Aufklärung, dass Gebärdensprache helfen kann den Weg in die Lautsprache zu finden, zu Lasten der Kinder geht man dort seinen - überhaupt nicht interdisziplinären Weg!

Eine Mutter erzählte mir heute am Telefon, dass sie ständig von Frau Streicher aufgefordert wird, die Gebärden bei ihrem Sohn wegzulassen, obwohl es das einzige Mittel zur Verständigung für diesen Jungen ist. Frau Streicher würde sagen, dass er besser sprechen lernen würde, wenn sie das Gebärden lassen würden. Auch wird sie immer wieder aufgefordert, ihr Kind doch noch implantieren zu lassen.

Ja, also kein Wunder, das junge Frühförderinnen glauben – „CI rein – lautsprachige Förderung und alles ist gut!“ „Ach, Frau Kestner, regen sie sich doch nicht auf“, sagte eine Frühförderin nach der Veranstaltung zu mir, „wir wissen es doch besser!“

Fazit von mir – es hätte ein toller Vormittag sein können, wäre da nicht die einseitige Darstellung des CI, fehlende Erklärungen zur zusätzlichen Förderung durch Gebärden, Gebärdensprache oder wenigstens unterstützenden Gesten und fehlende Angebote zu differenzierten Fördermöglichkeiten als Handreichung für Frühförderinnen. Warum hat die Veranstaltungsleitung nicht daran gedacht einen gehörlosen Referenten also einen Experten in eigener Sache einzuladen? Er hätte zeigen können, dass er nicht leidend und selbstverständlich psychosozial integriert ist - mit Gebärdensprache! Ich hoffe auf einen nächsten Kongress unter Teilnahme gehörloser Referenten und gehörloser Frühförderer, die aus ihrer Sicht den hörenden Frühförderern Hilfestellung und Anregung geben können.

Interdisziplinär unter Ausschluss der Gehörlosen? Ich hoffe, das letzte Mal!

 

 
 
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