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Zwischen den Welten - Hören mit einem Cochlea Implantat

Die Erde ist doch eine Scheibe oder 69% der frühimplantierten Kinder haben eine Chance auf die Regelschule

Bericht von Karin Kestner 19.03.2006

Das DFG Forschungszentrum für Molekularphysiologie des Gehirns an der Uni Göttingen lud am 19.03.2006 zu einem Symposium mit Prof. Dr. Tobias Moser, Prof. Dr. Thomas Lenarz und Prof. Dr. Anke Lesinski-Schiedat nach Göttingen ein.

DFG-Tagung

"Es wird darüber diskutiert, wann die Implantation idealer Weise erfolgen sollte, um einen annährend normalen Lautspracherwerb zu gewährleisten. Was sollten Eltern beachten, bevor sie ihr Kind mit einem CI versorgen lassen? Außerdem: ist es ratsam, neben dem Erwerb der gesprochenen auch den Erwerb einer Gebärdensprache zu ermöglichen? Kann ein CI zur Einschulung in einer Regelschule verhelfen und alle Ausbildungen ermöglichen?".

 

Dieser Einladungstext ließ aufhorchen. Ob man in Hannover an der MHH evtl. doch noch anderen Lehrmeinungen gegenüber offener geworden ist und von der medizinischen Eingleisigkeit - so früh wie möglich implantieren und sonst nichts - abgerückt ist? Leider wurde der Zuhörer dieser für den Laien überzeugenden, multimedialen CI-Werbeveranstaltung schnell eines Besseren belehrt. Es hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, der eingeschlagene Pfad der MHH wird noch konsequenter verfolgt, Daten unklarer Herkunft als Fakten dargestellt, anders lautende Fakten negiert, Alternativen totgeschwiegen, der Angst der Eltern wird nur die medizinische Lösung als Ausweg dargestellt.

Podiumsteilnehmer

Nachfolgend einige kommentierte Zitate aus der Veranstaltung.

 

Moser - Folgen der Schwerhörigkeit: "ausbleibende Sprachentwicklung bei Kindern und drohende soziale Isolation"

Kinder mit Gebärdensprache haben eine vollkommen gleichwertige Sprachentwicklung, wie hörende Kinder. WARUM droht eine soziale Isolation? Die Gemeinschaft der Gehörlosen fühlt sich überhaupt nicht isoliert.

Lenarz: "Bei Kindern entwickelt sich die Sprache normal, wenn früh genug implantiert wird."

Früh genug, heißt bei Prof. Lenarz, zwischen 6 und 9 Monaten. Hörbahnreifung mit Hörgeräten wird keine Chance mehr gelassen - das bedeutet den Kindern wird keine Chance gegeben Sprache mit Hörgeräten und Gebärdensprache zu entwickeln.

Lesinski-Schiedat: "Laut der Kosten-Nutzen-Studie von Frau Schulze-Gattermann haben 69% der Kinder der Gruppe 1 die CHANCE auf einen Regelschulbesuch" (wie "Gruppe 1" genau definiert war, wurde nicht erläutert, es wurde nur ein Hinweis auf das Alter der Implantation gegeben)

Was bitte ist 69% einer CHANCE? Die Praxis zeigt, dass nur max. 30%, der bis heute implantierten Kinder im Schulalter, der Regelschule gewachsen sind und dort verbleiben können!

Lesinski-Schiedat: "... bis zum 18. Monat reifen die Hörbahnen explosionsartig, ... später ist die Feinausbildung der Nervenzellen nicht nachholbar... Eine späte Entscheidung für ein CI hat dementsprechend eine schlechte Hörbahnreifung zur Folge. Das ist mit Hörgeräten so nicht möglich, das wissen wir aus Erfahrung."

Warum das Tragen eines Hörgerätes seit Neustem die Hörbahnreifung nicht mehr gleichwertig fördert, wurde nicht belegt.

Lesinski-Schiedat zitiert aus der Studie von Yoshinago-Itano: Wenn das Kind bei der Implantation älter ist, als 6 Monate, liegt der Sprachentwicklungsquotient 20-25% unter dem der Kinder, die bis 6 Monate implantiert wurden.

Dass sowohl amerikanische Studien, als auch deutsche Studien zeigen, dass bilingual erzogene Kinder (Gebärdensprache + Lautsprache) eine den hörenden Kindern gleichwertige Sprachentwicklung haben, selbst wenn sie erst mit 5 Jahren implantiert wurden, wird nicht erwähnt.

Einsilberstudie

Lesinski-Schiedat zitiert aus einer Studie, die das Erlernen von Einsilbern in Abhängigkeit vom Implantationsalter darstellt (ohne Quellenangabe): "Nur bei möglichst früher Implantation ist eine steile, nicht begrenzte Lernkurve zu verzeichnen".

 

Sprachwissenschaftlerinnen, wie Frau Prof. Szagun, bestätigen immer wieder, dass es eine unbewiesene Behauptung ist, dass Kinder nach früher Implantation besser oder schneller in die Lautsprache kommen.  Dass Kinder, die früh Gebärdensprache angeboten bekommen, mit Gebärdensprache absolut gleichwertige Ergebnisse in der Sprachentwicklung  und im Textverständnis verzeichnen, (siehe oben) bleibt unerwähnt. Selbst, dass die zweite, rote Kurve auf ihrer eigenen Folie mit Kindern bis zu 6 Jahren eine mindestens ebenso steile und weitreichende Entwicklung zeigt, fällt unter den Tisch. Die Argumentation zu einer möglichst frühen Implantation mit 6-9 Monaten nach Prof. Lenarz wäre dann ja auch nicht haltbar.

Lesinski-Schiedat (aus dem Beratungsalltag mit Eltern): "wenn frühzeitig therapiert und implantiert wird, ist eine Hörschädigung des Kindes nicht der >Schrecken<, als den die Eltern sie empfinden. Andernfalls droht allerdings ein riesiges Kommunikationsdefizit".

Eltern, dass sollte man ihnen zutrauen, können in zwei bis drei Jahren Gebärdensprache so lernen, dass sie ihrem Kind Geschichten erzählen und den Alltag erklären können. Gemeinsam kann man sich weiterentwickeln, mit dem Kind lernen. Gehörlose sehen sich nicht als Behinderte, aber doch viele CI-Träger, die sich gesellschaftlich diskriminiert und "akustisch behindert" fühlen.  Frau Krull, mit 6 Jahren nach Ertaubung implantiert, bestätigte das bei der Abschlussdiskussion, als sie vom Schulalltag und der Ignoranz der Lehrer in Regelschule und Studium berichtete..

Lesinski-Schiedat: "eine kritische Einstellung der Eltern dem CI gegenüber hängt primär von der Frage ab, wie gehe ich mit Medizintechnik um...".

Der Satz ist wohl nicht zu kommentieren!

Lesinski-Schiedat: "... Gebärdensprache muss gelernt werden, und wenn die Möglichkeit für Eltern nicht besteht, es ist ja nicht einfach, dann besteht ein Kommunikationsdefizit".

Das besteht allerdings auch bei den 50 % der Kinder, bei denen sich auch nach Jahren mit CI keine Lautsprachentwicklung einstellt.

Unterm Strich leider nichts Neues aus Hannover. "Die OP wird immer risikoärmer" - Risiken wurden überhaupt nicht erwähnt, die "ErfolgsCHANCE" wird immer größer, alternative oder ergänzende Methoden können ignoriert werden.

 - und die Erde ist doch eine Scheibe....

 

Ergänzung vom 28.03.2006 zum Thema Risiken:

Am 14.03. veröffentlicht die Firma Advanced Bionics eine Rückrufaktion für CIs des Typs HiRes90K  Bei diesem Typ kann bei 2,5% der Geräte vom Zulieferer B durch eindringende Feuchtigkeit eine Fehlfunktion (An/Aus, überlauter Schall, Totalausfall) auftreten. Gleich im zweiten Satz heißt es jedoch "Keine implantierten Geräte sind von diesem Rückruf betroffen". Dies ist eine glatte Fehlinformation, die offensichtlich nur zur Beruhigung / Desinformation der Patienten dienen soll. Wie im HCIG-Forum zu lesen, wurden Patienten angeschrieben, die Implantate mit genau den betroffenen Seriennummern haben. Es wird von einer vorsorglichen Explantation abgeraten, man solle jedoch auf die möglichen Symptome achten.

Eltern müssen sich VOR der Entscheidung zu einer Implantation bei ihrem Kind über die Risiken und mögliche technische Ausfälle vollkommen im Klaren sein und nicht erst durch eine Rückrufaktion davon erfahren.

 

 
 
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