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Bilinguale Erziehung - ein Muss, Forschungsergebnisse beweisen es

Bericht zur Tagung an der Humboldt Universität Berlin

Karin Kestner 05.03.2006

Die Abteilung Gebärdensprachpädagogik der Humboldt Universität Berlin und der Berliner Elternverband hörgeschädigter Kinder e. V. in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Bilinguale Erziehung Berlin luden ein, zur 1. Arbeitstagung „Bilinguale Erziehung und Bildung in Deutschland.

Prof Günther

Prof. Klaus-B. Günther, HU Berlin

Entwicklung – Stand – Perspektiven

Eine kleine Arbeitstagung sollte es werden, 30 – 50 Pädagogen, Eltern, und Wissenschaftler wurden erwartet. Doch es kam anders. Ca.120 Interessierte aus allen Bereichen der Pädagogik, Eltern und Studierende der Gehörlosen- und Gebärdensprachpädagogik kamen zu der interessanten und sehr aufschlussreichen Veranstaltung nach Berlin. Überwältigendes Interesse gab es an den Ergebnissen des bilingualen Unterrichts in Hamburg und Berlin und den neusten Erkenntnissen der Begleitstudien.

Prof. Klaus-B. Günther berichtet in seinem Eingangsvortrag von den beeindruckenden Erfolgen des Schulversuchs in Hamburg, der keine Zweifel mehr aufkommen lässt, dass der bilinguale Unterricht für gehörlose Kinder der einzig richtig Weg zur Bildung gehörloser Kinder ist.

Schüler der bilingualen Klasse in Hamburg rezitieren in Gebärdensprachpoesie Goethes „Zauberlehrling“. Voraussetzung dafür ist es, den Text Goethes verinnerlicht zu haben. Nicht nur wie früher ein Auswendiglernen, nicht nur ein Nachplappern, sondern tiefes Verständnis für die Texte großer Dichter haben diese Kinder entwickelt. Wann war dies in der Erziehung der gehörlosen Kinder in Deutschland bisher möglich? Gehörlosen Kindern wurde abgesprochen, Texte in der Komplexität erfassen zu können. Es sei abhängig vom auditiven Verstehen - insofern waren gehörlose Kinder nicht erreichbar, sagte man Jahrhunderte. Wusste man es nicht besser? Wollte man es nicht wissen? Gehörlose Kinder sind genauso intelligent, sind in der Lage komplizierte Texte aufzunehmen, sind zu allem fähig, gibt man ihnen nur die Chance und die Mittel dazu!

Warum muss in Deutschland immer noch um bilingualen Unterricht für gehörlose Kinder gekämpft werden? Das lässt sich einfach beantworten! Es gibt zu wenige Pädagogen, die einen solchen Unterricht führen könnten. Zu wenige Gehörlose sind in pädagogischen Berufen, zu wenige wurden in der Vergangenheit so ausgebildet, dass sie als Lehrkräfte im Unterricht tätig sein könnten. Und viel zu wenige hörende Pädagogen haben ein Interesse daran sich in Gebärdensprache weiterzubilden, zu wenige Hörende können von den wenigen gehörlosen Dozenten ausgebildet werden - in der Sprache, die gehörlose Kinder in der breiten Masse benötigen, der Gebärdensprache. Zudem fehlt für die Interessierten das kostenlose Angebot.

Auf Nachfrage wie viele Pädagogen an den verschiedenen Schulen wirklich gebärdensprachkompetent seien, kamen mehr als unbefriedigende Äußerungen. Immer noch sind es zu wenige, die das Verständnis besitzen, sich auf eigentlich längst Bewiesenes einzulassen.

 
Teilnehmer

Teilnehmer

Am zweiten Tag wurden Projekte von engagierten Pädagogen vorgetragen. Saskia Bohl zeigte, wie sie es versucht, zwei Sprachen durch einen Lehrer zu vermitteln und in zwei Sprachen zu unterrichten. Auch das ist möglich, wenn kein Gehörloser als zweite Lehrkraft zur Verfügung steht. Martina Ross zeigte anhand von Beispielen, wie Kontrastiver Unterricht ablaufen kann.

Claudia Becker und Katja Bürgerhoff, Universität Köln, berichteten über ihre Studien zu Erzählstrukturen von gehörlosen Kindern hörender Eltern. Verbesserung der Kompetenzen können in meinen Augen nur durch Kontakt mit gehörlosen Erzählern und durch gebärdensprachkompetente Eltern zu erreichen sein. Kinder müssen lernen sich zu äußern, Erlebtes und Gefühle erzählen können. Die Defizite sind klar in den Videobeispielen zu sehen.

Die Kinder brauchen Geschichten in Gebärdensprache, um ihre Erzählkompetenzen aufzubauen.

Frau Claudia Weber, Rektorin der Realschule in München, berichtete von Erfahrungen mit der Bilingualen Sprachlerngruppe. Der Vortrag wurde vom Bericht von Iris Ricke (gl) abgerundet. Iris Ricke arbeitet dort seit September als gehörlose Pädagogin.

Die Erfolge sind trotz der unterschiedlichen Eingangsvoraussetzungen der Kinder schon jetzt absehbar, doch gibt es auch in München zu wenige Eltern, die ihre Kinder bilingual bilden lassen möchten, sind sie doch beeinflusst gegen die Gebärdensprache. Frau Weber schnitt ein neues Thema an und stellte die Forderung nach zwei Kompetenzzentren für gehörlose Kinder, eins im Norden, eins im Süden, zumindest nach der 4. Klasse als weiterführende Schulen. So könnte mit den doch wenigen vorhandenen gehörlosen Fachleuten eine optimale Förderung der Kinder erreicht werden.

Die Studenten der Fachrichtung Gebärdensprachpädagogik zeigten selbst entworfenes Unterrichtsmaterial – wie zum Beispiel eine Wortsammlung für den Sachkundeunterricht.

Johannes Hennies führte eine Vergleichsstudie im Textverständnis durch und zwar in den 4. Klassen, (davon eine die bilinguale Klasse), der 6.,7.,8. und 9. der Berliner Eschke-Schule. Ergebnis war: Die Kinder der bilingualen Klasse (4) schnitten beeindruckend besser ab, als alle andern Klassen. Das Testmaterial basiert auf Tests von hörenden Kindern einer 4. Klasse. (VERA Test). Die Ergebnisse der bilinguale Klasse waren annähernd so gut wie die von hörenden Kindern! Außerdem wurde festgestellt, dass die gehörlosen Kinder mehr Bereitschaft zur Lautsprache entwickelten. Mehr muss nicht geschrieben werden. Die Ergebnisse sind eindeutig!

Dr. Ilka Schäfke berichtete von ihrer Studie. Sie hat eine Analyse von über 500 Einzeltexten von hörgeschädigten und hörenden Schülern, die derzeit umfassendste Analyse in diesem Bereich durchgeführt. Die dafür herangezogenen Texte wurden im deutschsprachigen Raum von Klassen verschiedener Schulen und unterschiedlichen Alters zu einer Bildergeschichte und zwei Kurzfilmen nach offenen Aufgabenstellungen erstellt.

In der Querschnittuntersuchung werden die Kompetenzen nicht-auditiv erreichbarer Schüler mit solchen, deren Hörverlust ein auditives Vorgehen noch erlaubt, einander gegenübergestellt. Gerade im Bereich der gehörlosen Schüler sind die Ergebnisse erschreckend – zeigen sich doch keine wesentlichen Verbesserungen zu den schon vor 30 Jahren bei dieser Gruppe festgestellten sehr geringen schriftsprachlichen Kompetenzen. Die Ergebnisse der schwerhörigen Schülergruppen weisen zudem darauf hin, dass der Schriftsprachunterricht in vielen Schulen noch zu stark vom Lautsprachunterricht abhängig und diesem untergeordnet scheint.

 
Teilnehmer

Samstag 120 Teilnehmer

Bei den bilingual unterrichteten Schülern finden sich hingegen Regelwissen und Einsichten, in den Aufbau der deutschen Schriftsprache, die denen der übrigen Gehörlosen fehlen.

Ilka Schäfke fragte nach ihrem Vortag, ob die anwesenden Pädagogen jetzt einen Vorschlag machen könnten, wie die Misere in den Gehörlosen-Schulen beendet werden könnte. Es gab betretenes Schweigen. Simone Lönne (gl) stand auf und sagte: Es ist doch klar, der einzige Weg ist der bilinguale Unterricht!!

Katja Belz, Berliner Elternverein hörgeschädigter Kinder, fragte in die Runde, wie man die Eltern der gehörlosen Kinder erreichen könne? Wenn Mediziner und Frühförderer und die ewig gestrigen Pädagogen immer noch von Gebärdensprache abraten, ist es nicht möglich die Kinder von Anfang an so zu fördern, wie sie es brauchen. Die „älteren“ Eltern wissen was die Kinder benötigen, sie kennen die Wege, die beschritten werden müssten. Doch viele junge Eltern lassen sich von den angeblichen Experten (Medizinern und Beratern) beeinflussen und verpassen große Chancen für ihre Kinder. Es werden vom Berliner Elternverband hörgeschädigter Kinder endlich auch kostenlose Gebärdensprachkurse gefordert, um allen Eltern den gleichberechtigten Zugang zur Gebärdensprache zu ermöglichen.

An den Ergebnissen der Tagung kann keiner mehr vorbei schauen!! Beweise für den Wert der Gebärdensprache in der Erziehung gehörloser Kinder gibt es nun genug!

Ich persönlich danke der Humboldt Universität, namentlich Herr Prof. Klaus - B. Günther, Sylvia Wolff, und allen, die sich die Mühe gemacht haben, den Menschen in Deutschland aufzuzeigen, wie gehörlose Kinder unterrichtet werden sollten – BILINGUAL.

Ich beende diesen kleinen Bericht über die Tagung mit einem Aufruf an die Mediziner, Frühförderer, Pädagogen und Eltern, die Chancen der Kinder nicht zu vertun, in dem man auf Althergebrachtes baut.

Die Mediziner müssen zum Wohl der Kinder damit aufhören Eltern von der Gebärdensprache abzuraten.

Die Frühförderer sollten Gebärdensprache lernen und sie in jede Familie mit gehörlosen Kindern bringen und nicht auch noch von Gebärdensprache abraten.

Verlieren Sie als Eltern keine Zeit mit dem Warten auf Hören- und Sprechen lernen durch technische Hilfsmittel, es könnte so zu Folgen kommen, die nicht mehr gut zu machen sind. Je eher hörgeschädigte Kinder Gebärdensprache als Basissprache lernen können, desto besser ist ihre Entwicklung und die Chancen auf eine erfolgreiche Zukunft als selbstbewusster Mensch.

Mein Aufruf geht auch an die Politiker und die Ausbildungsstellen der Hörgeschädigten Pädagogen, den zukünftigen Lehrern die Möglichkeiten zu geben die Gebärdensprache mehr als nur rudimentär lernen zu können und sie somit zu kompetenten Lehrern hörgeschädigter Schüler zu qualifizieren.

Mein Wunsch an Eltern ist, sich nicht gegen die Gebärdensprache beeinflussen zu lassen! Ignorieren Sie die Sprüche der Ärzte, die von Pädagogik und Spracherwerb keine Ahnung haben und natürlich auch nicht auf Tagungen wie der in der Humboldt-Universtät zu finden sind.

Sie als Eltern können jetzt die Gebärdensprache für ihre Kinder einfordern, Ihre Kinder haben das Recht auf Bildung – mit Gebärdensprache – BILINGUAL!

Die Tagung wurde finanziert von der GGKG und dem Elternverband hörgeschädigter Kinder Berlin. In zwei Jahren soll wieder eine Veranstaltung durchgeführt werden, auch um zu sehen, wie die erhoffte Vernetzung vorangegangen ist.

Karin Kestner

 

Literaturempfehlung:

Schäfke, Ilka: Untersuchungen zum Erwerb der Textproduktionskompetenz bei hörgeschädigten Schülern. Broschur / Paperback, 560 Seiten, Signum 2005, ISBN 3-936675-04-X. EUR 44,00 (= Sozialisation, Entwicklung und Bildung Gehörloser, Band 4)

Kontakt für Eltern bundesweit. www.gehoerlosekinder.de

Kontakt in Berlin für Eltern: www.hoergeschaedigte-kinder-berlin.de

Kontakt Humboldt-Universität: http://www2.hu-berlin.de/gebaerdensprachpaedagogik/index.htm

 

 

 
 
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