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Erste Hirnstammimplantation in Deutschland an Kind durchgeführt!

Zweijähriges mehrfachbehindertes Kind in Hannover (MHH) mit ABI versorgt

Karin Kestner 24.11.2006

Wie am Morgen des 24.11.2006 in der SWR2 Radiosendung "Eckpunkt" zu hören war, wurde schon im August diesen Jahres ein erstes Kind (2 Jahre) in Hannover von Prof. Dr. med. Th. Lenarz mit einem Hirnstammimplantat (ABI) versorgt. Das Urteil des Schweizer Bundesgerichtes scheint hier in Deutschland weder Herrn Prof. Lenarz (MHH) noch Herrn Prof Laszig (Uniklinik Freiburg) zu interessieren.

Wie Prof. Laszig im Interview mit dem Journalisten vom SWR2 bekannt gab, wolle er auch noch dieses oder nächstes Jahr  ein Kind implantieren:

"Und wir haben auch hier dazu natürlich auch unsere Ethikkommission befragt und wir haben auch Ethikkonsile eingeholt, und es gibt einige Patienten, die, sagen wir mal, inzwischen kreisen, die dann dafür in Frage kommen. Ich glaube, dieses oder nächstes Jahr ist es soweit. Das glaube ich schon."

Herr Prof. Laszig spricht davon, dass er die Ethikkommission befragt hätte. Dies kann man jedoch bezweifeln, denn folgendes wurde mir auf Anfrage an Prof. Dr. F.J. Illhardt, Geschäftsführer der Ethik-Kommission (Uniklinik Freiburg) geantwortet:

..."Anders eine Ethik-Kommission, die es nur mit Forschungsprojekten zu tun hat, deren Anzahl zu verallgemeinerungsfähigen Aussagen kommt, also wirklich "Forschung" ist und den Eindruck, eine "Studie" zu sein, hinterlässt. Ein Heilversuch ist kein "Gegenstand" einer Ethik-Kommission. Insofern sind wir (zwar betroffen) aber nicht gemeint."

Die Ethikkommission konnte nichts vom Fall des kleinen schweizer Jungen wissen. Sie wird ja auch nur befragt, wenn Forschung betrieben wird, was an Kindern in Deutschland in dieser Form nicht erlaubt ist und ja auch  im Zusammenhang mit Hirnstammimplantationen an Kindern vehement bestritten wird.

Mir schrieb Prof. Dr. F.J. Illhardt: "Ein Ethik-Konsil (dahinter steht oft, aber nicht in Freiburg, das sog. Ethik-Komitee), das mein Kollege Maio durchgeführt hat, das aber immer nur für einen einzelnen Fall gilt, wenn der Operateur, (....)die Entscheidung nicht allein treffen will."

Das Ethik-Konsil, durchgeführt von Prof. Maio, bezog sich auch nicht auf das schweizer, sondern ein anderes Kind und darf lt. Prof. Illhardt keine allgemeinen Rückschlüsse auf andere Kinder zulassen.

Der Erste, der ein Kind mit ABI in Deutschland versorgt, wird Prof. Laszig nun aber nicht mehr sein können. Es bleibt zu hoffen, dass er es unterlässt, Kinder mit einem Hirnstammimplantat zu versehen,  wurde doch in der Radiosendung gesagt,  es sei nicht nur aus ethischer, sondern auch aus strafrechtlicher Sicht problematisch.

Über das implantierte Kind in Hannover konnte auch von Seiten des Journalisten des SWR2 nichts in Erfahrung gebracht werden. Lenarz schweigt zum Thema und auch alle an der Operation beteiligten Personen sind offensichtlich nicht gewillt etwas über den Zustand des Kindes preiszugeben. Von "Geheimniskrämerei" wurde in der Radiosendung im Zusammenhang mit ABI-Implantationen gesprochen. Anders als in der Vergangenheit, in der Jubelberichte in Presse und Fernsehen zum ersten beidseitig mit CI versorgtem Kind oder zum jüngsten Kind  mit 6 Monaten, - 4 Monaten, - 3 Monaten, veröffentlicht wurden, wird sich hier, aus nur zu vermutenden Gründen, ausgeschwiegen.

Aus meiner Sicht ist Herr Prof. Dr. Thomas Lenarz zu weit gegangen! Was treibt ihn an, mehrfachbehinderte, gehörlose Kinder mit einem, ein Leben lang im Kopf verbleibenden, Implantat zu versehen? Wo bleibt das Recht der Kinder nach körperlicher Unversehrtheit? Wo bleibt ihr Recht, ohne Implantat im Kopf zu leben, einem Implantat, das bei allen bisher operierten Kindern in Italien nicht die erhofften Ergebnisse brachte? (die, sowieso nur dürftigen Erwartungen wie: Lippenlesen und Geräusche wahrnehmen)

Aber da hat Prof. Laszig im Radiointerview eine Antwort parat: "Das hat aber Ursachen. Das hängt zusammen mit der Art und Weise, wie diese Kinder rehabilitiert werden, in welchen Lebensumständen sie sich darstellen." Auf gut deutsch: Die Eltern sind schuld an schlechten Ergebnissen. Das erinnert mich an die Rehabilitation der CI-Kinder, auch hier sind, nach Meinung der Ärzte, die Eltern Schuld, wenn sich der doch fast angeblich garantierte Erfolg nicht einstellt.

Und es bleibt die Frage nach den Eltern des in Hannover implantierten Kindes. Sie haben, so denke ich, ihre Einwilligung zur Operation gegeben.  Können Eltern, als medizinische Laien und betroffen von der Situation ein mehrfachbehindertes gehörloses Kind zu haben, den Entscheidungsdruck allein tragen? Und wie verlief die Aufklärung - so wie damals?

Ich hoffe, dass das Verhalten des Arztes Lenarz  in Hannover nicht einfach von der Öffentlichkeit hingenommen wird, sondern dass der Fall ethisch und rechtlich hinterfragt wird.

Wir haben es hier mit einem kleinen mehrfachbehindert Kind zu tun, das aber mit allen Rechten der Menschen ausgestattet ist und ein Recht auf Schutz durch die Gesellschaft hat.

Hier noch einmal der Link auf die Gedanken, die sich Alexander Drewes über die ethischen und rechtlichen Gesichtspunkte gemacht hat.

Karin Kestner

 
 
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