Einige werden sich noch an Ute Rösing erinnern, die eine Schul-Abschlussarbeit über eine Gehörlosenschule schrieb und mir ein Interview sandte. Ute ließ das Thema gehörlose Kinder nicht los.
Ute ist jetzt in einem FSJ (Freies Soziales Jahr) und natürlich hat sie wieder den Bereich der Gehörlosen gewählt. Sie arbeitet in einem Internat, das an eine Gehörlosenschule angegliedert ist. Sie schickt mir nun einen kleinen Bericht mit einem Interview. Dieses führte sie mit einem der engagierten Mitarbeiter aus dem Internat.
Lesen Sie Utes Interview:
- Von Sprache kann nicht die Rede sein. Ich kann wenig gebärden und mit dem versuche ich mich durch den Tag zu retten. Ich habe zu wenig Zeit, um so viel DGS zu lernen, wie nötig wäre. Aber ich bemühe mich und ich habe die Wichtigkeit der Sprache erkannt.
Wie gut können die anderen Mitarbeiter gebärden?
- So "gut" wie ich, oder schlechter. Zwar sind anderen Mitarbeiter teilweise mehr Einzelgebärden bekannt, aber von Satzbau hat hier keiner eine Ahnung.
- unregelmässig, Ich habe eine schwerhörige "Lehrerin", die flüssig gebärden kann und da müssen dann die Termine abgestimmt werden. Das geht dann auch immer von meiner Freizeit ab und die ist meist sehr knapp bemessen. Es ist egal ob man DGS oder LBG verwendet hier, um sich den Kindern verständlich zu machen. Hauptsache man verständigt sich irgendwie. Meist wird hier weder LBG noch DGS verwendet, das geht seit vielen Jahren (37) so und die Kinder kennen es nicht anders. Neue Mitarbeiter passen sich dann schnell hier an, weil sie ohne jegliche DGS Kompetenzen hier anfangen zu arbeiten. So entwickelt man irgendwie eine Art Sprache, um einfachste Verständigung möglich zu machen.
- Die Not an Kommunikationsmöglichkeiten wird nicht erkannt bzw. will nicht gesehen werden. Als ich hier neu war fragte ich, warum man sich nicht darum bemüht einheitlich DGS zu gebärden, da wurde dies abgelehnt und als unnötig bezeichnet, weil es so viele verschiedene Gebärden gäbe für ein Wort, dass keiner wüsste was richtig und was falsch ist. Darüber hinaus wird es nicht gern gesehen, wenn man Dolmetscher bei zB Arztbesuchen dabei haben möchte. Man muss sich dafür schon rechtfertigen, weil es den Anschein erwecken könnte, dass wir Mitarbeiter uns nicht gut mit "unseren" Kindern verständigen könnten und das sei in keiner Weise der Fall.
- da hier eine art "Getto-Sprache" existierst ist keine Kommunikation außerhalb möglich. Die Kinder gehen hier vorne zur Schule und hier ins Internat. Eltern lernen meist auch gar nicht bis etwas DGS. Somit machen alle irgendwas und können eigentlich nichts. Hier sind auch hörende Kinder und gl Kinder, aber meist wird alles nur in Lautsprache erklärt und nicht gebärdet:
- ja! Gl Kinder bekommen viel weniger mit, wenn es um 'unwichtige' Gespräche geht, weil man sich nicht die Mühe macht zu gebärden bzw. das gebärdete nicht verstanden wird. Daher können sich gehörlose Kinder meist an Gesprächen nicht beteiligen und werden somit definitiv ausgegrenzt.
Hier ziehen die Monate vorbei und es gibt Positives zu verzeichnen. Die gehörlosen Kinder lernen von mir neue Gebärden und entwickeln sich sonst auch weiter. Es ist schön das zu sehen und es gibt Kraft weiterzumachen auch wenn es für mich persönlich wohl angenehmere Einsatzstellen für ein FSJ gibt als dort, wo ich bin. Ich komme mit dem System nicht so ganz klar, die Art und Weise, wie man Prioritäten setzt und wie man mit den Kindern umgeht. Ich habe die Konzeption für das Internat gelesen und das hört sich in der Konzeption um ein vielfaches schöner an, als es in der Realität ist. Die scheinen kaum bis gar nichts umzusetzen und ich frage mich, wer die Konzeption überhaupt geschrieben hat.
However, bin ich derzeit bemüht die gehörlosen Kinder aus dem Internat in Sportvereinen oder ähnlichen Institutionen unterzubekommen, wo gehörlose Menschen aufeinander treffen. Ich selbst nehme derzeit an einem Gebärdenkurs 4 der VHS Teil, allerdings lerne ich da eher wenig Neues, da ich meinen Mitschülern um ein vielfaches voraus bin. Ich sitze da viel mehr meine Pflichtstunden ab, die ich für mein Studium wohl brauchen werde und bombardiere den Dozenten nach dem Unterricht noch mit vielen Fragen. Ein mal im Monat ist ein Gebärdenstammtisch.. Dort gefällt es mir sehr gut, da dort gehörlose Erwachsene sind. So lerne ich gebärden und kann mich noch austauschen über Gehörlosenkultur oder einfach nur den Tratsch und Klatsch in der Stadt.
Ansonsten bemühe ich mich um Klarheiten für die Zeit nach dem FSJ. Ich habe schon in Erwähnung gezogen, nachzufragen ob ich mein FSJ um ein halbes Jahr verlängern darf. Weiß aber nicht, ob meine Einsatzstelle das erlauben würde. Ich bin da der bisher 'beste FSJ'ler, den sie je hatten', aber mag auch sein, dass so was aus Prinzip nicht geht. Ansonsten würde ich sehr gern ein Jahr bzw ein halbes Jahr in Amerika verbringen, natürlich möchte ich dort mit gehörlosen Menschen zu tun haben.
Allerdings weiß ich bisher noch nicht genau, wie ich so eine Stelle bekommen sollte. Als dritte Möglichkeit ziehe ich es in Betracht 'irgendwo' in Deutschland ein Dach über den Kopf zu haben und zu arbeiten. Nebenher zwei/drei längere Praktika zu machen, in denen ich mit gehörlosen Menschen zu tun habe.
Wie auch immer bemühe ich mich weiterhin um gute Gebärdensprachkompetenz und auch wenn gehörlose Menschen mir sagen, dass ich gut gebärde, so ganz glaub ich das nicht. Ich kann mich mitteilen und bin froh, immer dazu zu lernen.
Ute Rösing
Immer öfter gibt es positive Nachrichten, mehr Pädagogen setzen DGS ein, mehr bilinguale Klassen werden eingerichtet. Aber das bedeutet noch noch lange nicht, dass überall gehörlose Kinder gleiche Bildungschancen haben. - das ist noch ein langer Weg und wir dürfen nicht nachlassen mit unseren Bemühungen für die Kinder!