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Gebärden im Rahmen Unterstützter Kommunikation

von Vivien Heller  24.04.2004

GuKIn meiner Arbeit an einer Schule für Geistigbehinderte und an einem Förderzentrum begegne ich immer wieder drei Vorurteilen gegenüber Gebärden, die dem Einsatz dieser schnellen, ausdrucksstarken und in hohem Maße anschaulichen Kommunikationsform im Weg stehen. Diese drei sich hartnäckig haltenden Vorurteile sind:

1. Gebärden verhindern, dass das Kind sprechen lernt. 2. Im Zeitalter der elektronischen Kommunikationshilfen (z.B. Talker) sind Gebärden überflüssig. 3. Das Erlernen von Gebärden ist kompliziert und zeitraubend.

Im Folgenden möchte ich versuchen, diesen drei Vorurteilen zu begegnen und in einem zweiten Abschnitt didaktische Überlegungen vorstellen, die sich in meinem Unterricht als hilfreich erwiesen haben.

Zum ersten Vorurteil: Körpersprache ist ein Kommunikationsmodus, der allen Menschen vertraut ist und sich entwicklungsgemäß auf ein Vorstadium des Spracherwerbs zurückführen lässt. Spracherwerbsforscher wie Bruner haben aufgezeigt, dass das Kind schon im ersten Lebensjahr in gemeinsam mit den Eltern etablierten Interaktionsroutinen (Formaten) nicht sprachlich kommuniziert: "Es hat Absichten und zeigt sie, mit Gebärden, mit Lauten und in einem angemessenen Zusammenhang. Mütter deuten ohne Ausnahme die Zeichen des Verlangens als beabsichtigte Akte der Mitteilung und reagieren entsprechend." (Bruner 1977). Schritt für Schritt werden in den sich ständig verändernden und erweiternden Formaten nonverbale Mitteilungen durch verbale ersetzt. Ebenso haben für viele Kinder mit Spracherwerbsverzögerungen Gebärden eine sprachanbahnende Funktion und erleichtern ihnen den Einstieg in die symbolische Kommunikation; Gebärden haben häufig einen deutlichen Bezug zum Gemeinten und erleichtern es, sich an Begriffe zu erinnern.

Zum zweiten Vorurteil: Für viele mobile unterstützt kommunizierende Kinder stellen Gebärden einen wesentlichen Bestandteil ihres multimodalen Kommunikationssystems und eine notwendige Ergänzung zu einem Talker dar. In bestimmten Situationen bieten Gebärden gegenüber technischen Kommunikationshilfen unübertroffene Vorteile: ihr Einsatz kann spontan, ohne Vorbereitung und sehr schnell erfolgen. So ist beispielsweise für das Erzählen von Witzen, schlagfertiges Entgegnen und Streiten die Schnelligkeit und Unmittelbarkeit der Kommunikation wesentlich. Auch beim Spielen ist es für mobile Kinder häufig einfacher, sich mittels Gebärden zu verständigen. Wie halte ich den Talker, wenn ich gleichzeitig Roller fahren und auch noch das Startsignal für ein Motorradrennen geben will? Der Einsatz von Gebärden ist in Spielsituationen wie dieser viel unkomplizierter und spontaner möglich. Die vorangegangenen Gedanken sollen keine Argumentation Gebärden versus technische Hilfen darstellen. Sie sollen lediglich deutlich machen, dass in unterschiedlichen Situationen auch unterschiedlichen Kommunikationsformen zum Einsatz kommen. Das Ausprobieren und Trainieren, in welcher Situation ich mit welcher Kommunikationsform am weitesten komme, ist wesentlicher Bestandteil der Kommunikationsförderung.

Zum dritten Vorurteil: Kinder erhalten in ihren ersten Lebensjahren unentwegt ein Modell dafür, wie sie Sprache verwenden können. In der Arbeit mit unterstützt kommunizierenden Kindern ist es die Aufgabe ALLER Pädagogen, deutliche und häufige Modelle für die Kommunikation mit Gebärden zu bieten. Müssen nun alle Erwachsenen ein VHS-Kurs in Deutscher Gebärdensprache (DGS) besuchen, bevor es losgehen kann? Diese Annahme lässt die meisten schon gleich zu Beginn entmutigt und ablehnend zurückschrecken. Hilfreich zum Abbau dieser ablehnenden Haltung ist dreierlei:

1. Aufklärung im Kollegium: Wir bedienen uns bei der gebärdengestützten Kommunikation zwar der Gebärden aus der DGS, gebärden jedoch begleitend zur Lautsprache nur die (ein oder zwei) Schlüsselwörter eines Satzes. Dieses lautsprachbegleitende Gebärden der Schlüsselwörter eines Satzes nennt E. Wilken "gebärdenunterstützte Kommunikation". Dabei kann unser Gebärdenwortschatz mit dem der Kinder langsam und Stück für Stück mitwachsen.

2. Die Gebärde der Woche an einem zentralen Ort der Schule: Bei uns hängt sie an der Tür zum Pausenhof, die alle - SchülerInnen und Lehrkräfte - mindestens viermal am Tag passieren. Jede Woche hängt dort das Foto eines anderen Schülers der Schule, der sich aus Tommys Gebärdenwelt eine Gebärde ausgesucht hat und auf dem Foto demonstriert. Auf diese Weise steigt die Wertschätzung für Gebärden und der Wortschatz der gesamten Schule wächst stetig.

3. Klassenübergreifende Elternabende/-stammtische, an denen über die positiven Auswirkungen von Gebärden auf den Lautspracherwerb informiert wird und gemeinsam Gebärden eingeübt werden.

GuKHat man auf diese Weise Schüler, Lehrkräfte und Eltern für die Kommunikation mit Gebärden erwärmt, kann die Arbeit losgehen. Folgende didaktische Überlegungen haben sich in meiner Arbeit in zwei Unterstufenklassen als hilfreich erwiesen: Zu jedem Unterrichtsthema wird das benötigte Gebärdenvokabular an einem festen Ort (Tafel, Wandzeitung) visualisiert. Im Unterricht ist dies nicht nur für die unterstützt kommunizierenden Kinder, sondern auch für uns Lehrkräfte eine wichtige Erinnerungshilfe.

Im Rahmen Freier Arbeit, beim Stations-lernen usw. festigen alle Kinder einer Gruppe auf spielerische Art und Weise ihren Gebärdenwortschatz: mit Gebärdenmemorys, -dominos, -quartetten, bei der Arbeit am Computer. Dass dabei alle Kinder etwas lernen, liegt auf der Hand: die Kombination von Gebärden mit Piktogrammen und Schriftsprache fördert Spracherwerb und Lesefähigkeit auf vielen Ebenen (im Sinne des erweiterten Lesebegriffs).

 

Spielend lernen mit Tommy: I. und M. gebärden "Flugzeug".

Neben Gebärden, die für eine aktive Teilnahme am Unterricht erforderlich sind, braucht jedes Kind Gebärden, welche sich an seinen Interessen und seinem Umfeld orientieren. Dieser individuelle Gebärdenwortschatz sollte in einem Ordner dokumentiert werden. So sieht das Kind, wie sein Wortschatz wächst; Eltern und Freunde können mit Hilfe der Sammlung mitlernen. Für die Dokumentation ist es vorteilhaft, jeweils Gebärde, Bild und Schrift gemeinsam abzubilden (wie in den Büchern zu Tommys Gebärdenwelt). Manchen Kindern wird das schnelle Auffinden von Gebärden erleichtert, wenn jeder Lebensbereich eine eigene Farbe bekommt (Spiel-Gebärden auf grünes Papier, Gebärden für Nahrungsmittel auf rotes usw.).

Zum Spracherwerb gehört nicht nur der Aufbau eines Wortschatzes (Semantik), sondern auch Erfahrung und Wissen, wie Kommunikation (mit Gebärden) funktioniert (Pragmatik). Ein wesentlicher Schwerpunkt der Kommunikationsförderung besteht darin, die Kommunikation mit Gebärden in interaktiven Zusammenhängen einzuüben. Das Einüben in der künstlichen Situation der Einzelförderung bietet kaum natürliche Kommunikationssituationen und erfordert zusätzlich das Mitüben des Transfers. Auch in der Literatur wird deshalb seit einiger Zeit eine unterrichtsimmanente Kommunikationsförderung favorisiert. Als strukturierte und größtenteils täglich wiederkehrende Situationen und Anlässe bieten sich an:

  • Kreisspiele zum Einüben von Namens- und anderen Gebärden (Mein rechter, rechter Platz ist frei…)
  • Einführung von Gebärden beim Frühstück (Geschirr und Nahrungsmittel anfordern)
  • Lieder mit pantomimischen Bewegungen und Gebärden begleiten
  • Bilderbücher lesen und dazu gebärden
  • situativen Einsatz von Gebärden in Rollenspielen üben
  • Besprechung des Tagesablaufs im Morgenkreis, vorbereitetes Erzählen von zu Hause/von der Schule (z.B. zu einem Kommunikationstagebuch gebärden).

 

GuKD. gebärdet im Morgenkreis zu ihrem Tagebuch.

Vivien Heller

 

 
 
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