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Podiumsdiskussion Trauma Gehörlosenschule?!

ein Bericht von Karin Kestner 04.04.2004

Teilnehmer der Podiumsdiskussion am 3.4.04 in der UNI Kassel, veranstaltet vom Amt für Lehrerausbildung Darmstadt, Hessisches Landesinstitut für Pädagogik, Projekt BUGS - Befähigung zum Unterricht in Gebärdensprache:

Trauma Gehörlosenschule
  • Hr. Fricke (gl) Künstler, Flörsheim
  • Fr. Himmelreich (hö) Dipl.-Psychologin, Frankfurt
  • Fr. Hoffmann (gl) Mutter 2 gl Kinder, Kassel
  • Hr. Rien (sh) Dipl.-Psychologe im BBW Husum
  • Fr. Röder (hö) Jugendtherapeutin, Frankfurt
  • Hr. van Eikels (hö) Rektor der Hermann-Schafft-Schule Homberg
  • Moderation: Simon Kollien (gl) Dipl.-Psychologe, Hamburg
  • DolmetscherInnen: Dina Zander-Tabbert, Gunnar Lehmann, Gudrun Hillert, Christian Pflugfelder
 

Trauma GlsFür eine Veranstaltung, von der im Vorfeld kaum jemand wusste, kamen sehr viele Zuhörer / Zuseher, viele Gehörlose aus den verschiedensten Bereichen, Gehörlosenpädagogen, Frühförderer, Eltern gehörloser Kinder, Interessierte. (hauptsächlich aus Hessen).

 

Gerti SchröderSie wurden begrüßt von Frau Gerti Schröder, staatliches Prüfungsamt für Dolmetscher in Darmstadt und weiterhin auch verantwortlich für das Projekt BUGS - Befähigung zum Unterricht in Gebärdensprache.

Auch ich konnte, wollte, mir die Veranstaltung nicht entgehen lassen, stellte sich mir bei Kenntnis des Titels doch gleich die Frage, für wen ist sie ein Trauma, diese "Gehörlosen-Schule"?

Für die gl Kinder, denen über viele Jahrzehnte die Gebärdensprache in der Schule vorenthalten wurde, die sie so zu kommunikativen "Krüppeln" machte, mit seelischen Störungen, die heute von Psychologen erkannt und behandelt werden müssen - "Ausgebucht bis Ende nächsten Jahres", sagte mir Frau Himmelreich, die gehörlose und hörende Patienten behandelt.

Oder für Eltern von gehörlosen Kindern, die Angst haben ihre gehörlosen und schwerhörigen Kinder könnten in Kontakt mit der Gebärdensprache kommen? Für Eltern, die Angst haben ihre Kinder könnten sprachfaul durch die Gebärdensprache werden. Für Eltern, die wirklich glauben, ihre Kinder würden durch Gebärdensprache schlecht in die Lautsprache kommen? Dazu noch das unendlich schlechte Image der Gehörlosen-Schulen, denen eben ein schlechtes Bildungs-Niveau nachgesagt wird.

Die Zusammensetzung des Podiums sagte denn auch viel aus: 4 Psychologen!! - Ja, es gibt Traumata, die Gehörlose jetzt langsam aufzuarbeiten versuchen. Ja, sie haben zum großen Teil sehr unter dem Verbot der Gebärdensprache gelitten. Ja, sie wurden bestraft, weil ihre Form der Kommunikation, die Gebärdensprache, nicht erwünscht war. Rigide Strafen wurden verhangen, nicht überall gleich, nicht überall in der Intensität, wie im gezeigten Video, welches Erfahrungen gehörloser Schüler von damals zeigte.

 

HimmelreichDas Video wurde erstmals bei den Kulturtagen 2001 veröffentlicht. "Endlich wird es thematisiert", sagte Frau Himmelreich damals, als sie es bei den Kulturtagen sah.

 

van EickelsReaktionen auf das Video waren unterschiedlich, "Strafen erleben auch hörende Kinder in Regelschulen", meinte Herr van Eikels, "von Interesse ist aber sicher, in wie weit die Strafen durch das Verbot der Gebärdensprachbenutzung entstanden sind". Im Verlauf machte Herr van Eikels auf eine demnächst folgende Eltern/Lehrer Veranstaltung aufmerksam. Sie soll das Verständnis der Eltern für die verschiedenen Bedürfnisse der Kinder in der Hermann-Schafft-Schule fördern.

"Am Thema vorbei", hörte ich die Mutter einer schwerhörigen Tochter im Vorbeigehen als Reaktion auf das Video sagen. Ihre Tochter hätte keine Gebärdensprache gebraucht, wäre lautsprachlich groß geworden, ohne Trauma, berichtete sie später vom Zuschauerraum aus. "Dies ist nun mal die Ausnahme", wusste Frau Himmelreich aus ihrer Erfahrung zu antworten.

 

RöderFrau Röder konnte aus ihrer Erfahrung berichten, "Eltern schämen sich für die sichtbare Sprache ihrer Kinder" - Sie berät und therapiert gehörlose und implantierte Jungendliche in Frankfurt - "Das ist für Kinder schwer zu verkraften".

 

RienHerr Rien sagte, wenn er den Film ohne eigene Erfahrungen gesehen hätte, hätte er sicher gesagt, "ach komm, das ist heute nicht mehr so. Es gibt kein Verbot der Gebärdensprache mehr und die Kinder werden nicht so bestraft". Doch konnte er von seiner Tochter berichten, die den ersten Tag in einen Gehörlosenkindergarten ging. (seine Tochter ist mit Gebärdensprache erzogen, später implantiert) Weinend saß das Mädchen nach dem ersten Tag Kindergarten in einer Ecke und erwartete ihre Mutter, der sie von Reißen am Arm und Rumschubsen berichtete. In Gebärdensprache erzählte sie es der Mutter, die die Erzieherin zur Rede stellte. Die Erzieherin wurde rot, war sehr verwundert, wieso das Kind überhaupt davon berichten konnte. Sie wusste nicht, dass dieses Kind eben nicht sprachlos war, weil mit Gebärdensprache erzogen. Sie ging wohl von den vielen sprachlosen, implantierten und gehörlosen Kindern aus, die in diesem Alter nicht in der Lage sind, sprachlich solche Vorfälle an Eltern weiter zu geben. Er berichtete, dass in einer Untersuchung von 100 Eltern CI-implantierter Kinder nur 2 mit ihren Kindern in Gebärdensprache kommunizieren würden.

Viel Raum war für die Erfahrungen der Gehörlosen aus dem Publikum. Endlich konnten auch sie von ihren Erlebnissen berichten. "Ja, das ist mir auch passiert" "Mir auch, aber nicht so schlimm wie im Film." Ja, endlich wurde es thematisiert und Menschen konnten es hören und sehen, wie es den Gehörlosen erging. Wichtig, dass endlich öffentlich zur Kenntnis genommen wird, was Gehörlosen widerfahren ist, wie sie sich dabei fühlten und wie sie auch heute noch darunter leiden. Man merkte wie es aus ihnen heraus wollte, merkte wie wichtig es war, sich hinzustellen und von Eigenem berichten zu können - vor Publikum und nicht nur in der "geschützten" Umgebung der Gehörlosen-Zentren.

 

FrickeAuch Dieter Fricke berichtet von Erlebtem aus der Schule, lange brauchte er, um selbstbewusst seine Bilder zeigen zu können, besonders sein Bild "blutige Hände" war es, das große Aufmerksamkeit hervorrief.

 

HoffmannJa, und Frau Hoffmann, die immer noch darum kämpft, dass ihr Sohn endlich nicht nur Sprache- sprich Lautsprache - beigebracht bekommt, sondern auch Inhalte und Weltwissen vermittelt bekommt. Ihr Sohn, der Gebärdensprache natürlich von seinen Eltern gelernt hat, ist völlig unterfordert, auch das Überspringen einer Klasse hat nicht viel an seiner Langeweile im Unterricht ändern können.

Ich kenne die Geschichten der Gehörlosen, weiß was sie erlebten in der Vergangenheit, weil ich viel Kontakt mit Gehörlosen habe und so wurde ich auch ungeduldig während der Veranstaltung. Ich zeichne mich sowieso nicht gerade durch Geduld aus. "Tiefer, tiefer nicht so oberflächig", war auch die Reaktion der Ortsbundvorsitzenden Inge Tschirner aus Kassel, die neben mir saß. Wie wird auf diese Situation von Seiten der Gehörlosenpädagogik reagiert, wie reagiert die Frühförderung auf dieses Thema? Wie kann verhindert werden, dass den gehörlosen Kindern, ob implantiert oder nicht, das gleiche widerfährt. Wie kann man Eltern die Angst vor der Gebärdensprache nehmen, die für ihre Kinder doch so wichtig ist. Die Kinder können es noch nicht äußern, erst später, wenn sie erwachsen sind, wie die Erwachsenen von heute. Doch dann ist es zu spät. Und die 4 Psychologen auf dem Podium werden sich weiter mit der Verarbeitung der Traumata beschäftigen müssen. "Ausgebucht bis Ende nächsten Jahres". "Langsam", sagte Frau Himmelreich in der Pause, "es sind doch Fortschritte zu erkennen, denn vor 10 Jahren wäre eine solche Veranstaltung doch nicht möglich gewesen!" Kleine positive Schritte.

Es ist ein Anfang, ja, ich weiß. Zuerst muss in der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen werden, dass Traumata existent sind, durch das Verbot der Gebärdensprache in den Gehörlosenschulen, aber auch in den Familien. Doch dürfen wir uns Gedanken machen, wie sie weiterhin zu verhindern sind! Wer ist gefragt? Wer ist gefordert? Was können wir tun?

Ja und ich mache mir denn auch Gedanken und mache Vorschläge an dieser Stelle:

Frühförderer dürfen die Gebärdensprache nicht mehr beiseite tun, müssen Gebärdensprache lernen! Sie müssen Eltern ein Kommunikationsmittel zeigen können, müssen eine Basis finden zur Verständigung mit gehörlosen Kindern. Sie müssen den Eltern die Angst vor Gebärdensprache nehmen, die Gebärdensprache leben und zeigen, damit Angst und Sprachlosigkeit in der Familie vergeht oder gar nicht erst entsteht. Die Frühförderer haben zur Kenntnis zu nehmen, dass sich ein CI also Lautsprache und die Gebärdensprache nicht gegenseitig behindern, dass Gebärdensprache und CI sich tatsächlich auch ergänzen und gegenseitig fördern können. Frühförderer müssen Eltern erklären können, dass Probleme nicht durch ein CI zu lösen sind! Sie müssen erklären, dass die Kommunikationsarmut durch rein lautsprachliche Erziehung entstehen kann, wenn die Kinder nicht genügend auditiv wahrnehmen können.

Ärzte, der implantierenden Kliniken, dürfen sich nicht einmischen in die sprachliche Erziehung der Kinder mit CI. Ärzte dürfen nicht die Gebärdensprache als 2. Wahl bezeichnen, um so einige Kinder mehr operieren zu können. Ein Brief an eine Mutter mit diesem Inhalt konnte ich einsehen. (man darf es wohl im Moment aber als Fortschritt sehen, dass ein implantierender Arzt das Wort "Gebärdensprache" überhaupt schriftlich "in den Mund" nimmt).

Gehörlosenschulen müssen die individuellen Bedürfnisse der Kinder (gehörlos, schwerhörig, lernbehindert,) berücksichtigen und endlich genügend gebärdensprachkompetente Pädagogen zur Verfügung stellen, um gehörlosen Kindern und Kindern, die trotz eventuellem Hörrest, Gebärdensprache benötigen, einen Unterricht in Gebärdensprache zu garantieren! Das muss möglichst ab der ersten Kindergartenstunde passieren, und wenn es nur 10 Kinder an einer Schule wären, die es benötigen! Gebärdensprache muss zum Pflichtfach in der Ausbildung zum Gehörlosenpädagogen werden!

Eine Mutter, die vor Ende der Veranstaltung gehen musste schrieb mir: "Was allerdings so alles über die Schule erzählt wurde, hat mich sehr deprimiert und ich hoffe später kamen doch noch auch gute Perspektiven für die Zukunft raus." Die Gehörlosenbildung muss Eltern die Sicherheit geben, dass sie nichts Falsches tun, wenn sie ihre Kinder gehörlos lassen und in die Gehörlosenschule geben. Die Gehörlosenschule muss zur brauchbaren Alternative werden.

KollienIch denke, dass mit solchen Maßnahmen, die Frage, die Simon Kollien in den Raum stellte, nämlich nach Sozialer Kompetenz der Gehörlosen, sich erübrigen würde. Durch Kommunikation, durch Lernen von Inhalten und sozialem Verhalten, wird auch "Soziale Kompetenz" kein Fremdwort mehr für gehörlose Kinder und spätere Erwachsene sein!

Gebt den Kindern eine Sprache!

Karin Kestner

 

 
 
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