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ABI bei Kleinkindern

Sichtweise eines erwachsenen ABI-Trägers

Mein Name ist Thorsten Luett. Ich bin Neurofibromatose Type-2 (NF2) betroffen und habe seit 1996 ein Hirnstammimplantat (ABI). Mehr über mich und die Technik des ABI finden Sie auf der Internetpräsens der NF2-Selbsthilfegruppe unter www.nf2.de

Das ABI wurde hauptsächlich für Personen entwickelt, die an der Erkrankung NF2 erkrankt sind. Bei diesen Personen bilden sich in den meisten Fällen zunächst gutartige Tumore auf den Hörnerven, sogenannte Akustikusneurinome, deren Entfernung in der Regel zur vollständigen Ertaubung führt. Meist bricht die NF2 während oder nach der Pubertät aus, was bedeutet, dass die betroffenen Personen bis zum Zeitpunkt der Ertaubung einen vollständigen Spracherwerb erreicht und in vielen Fällen eine Ausbildung abgeschlossen haben.

Was hat dies mit dem ABI und Kleinkindern zu tun? Ein ABI bietet zum jetzigen Zeitpunkt nicht die Möglichkeiten eines CI. Der Nutzer ist weiterhin abhängig vom Absehen von den Lippen. Gebärden oder Körpersprache unterstützen das Verstehen zusätzlich. Vieles beruht darauf, das man wieder erkennt, was vor der Ertaubung selbstverständlich war. Gehörlose oder gar gehörlose Kleinkinder haben diese Erinnerung nicht. Zudem kommen bei Kleinkindern sicherlich noch rein medizinische Aspekt hinzu, die sich auf die Hörentwicklung vielleicht negativ auswirken können.

Die vollständige Ertaubung trat bei mir erst nach Aus- und Weiterbildung ein. Ich trage das ABI heute von Morgens bis Abends und möchte es nicht mehr missen. Die Ankopplung an die Umwelt ist fantastisch und das Verstehen von Sprache gelingt zu einem höheren Prozentsatz und vor allen viel schneller, als nur mit Absehen von den Lippen. Vor allem im Beruf kann man nicht davon ausgehen, dass die Kollegen Gebärden können oder die Bereitschaft mitbringen, die Gebärdensprache zu lernen. Hier bietet das ABI einen großen Vorteil.

Der Weg zu dem wie und was ich jetzt höre war aber lang und steinig. Vieles was man hört klingt anders als früher. Man muss dann optisch zuordnen können oder jemand erklärt einem: das ist ein Auto, ein Rasenmäher, ein Vogel etc.. Anfangs war es sehr schwierig, aus dem Brei von Geräuschen und Sprache das Wesentliche herauszufiltern. Auch heute noch ist der Nutzen des ABI in einer lauten Umgebung gering, um einem Gespräch zu folgen.

Fazit: das ABI ist eine gute Möglichkeit für spätertaubte Erwachsene mit zerstörten Hörnerven, wieder etwas zu hören. Bei gehörlosen Kleinkindern beschränkt sich der Nutzen meiner Meinung nach auf das Hören von Geräuschen oder die Stimme der Eltern, wobei aber fraglich ist ob irgendwann auch Sprachverständnis erlangt wird. Da auch aus medizinischer Sicht noch keine Langzeitergebnisse für Kleinkinder vorliegen, erscheint mir das Risiko eines ABI bei Kleinkindern sehr hoch.

Thorsten Luett (t)

 

 
 
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