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Offener Brief an Prof. Helms, Würzburg

Dorothea Paust 02.02.2004

 

Sehr geehrter Herr Prof. Helms,

in einer AP-Meldung las ich die Äußerung von Ihnen "nur mit diesen elektronischen Ohren kann gewährleistet werden, dass die geistige Entwicklung der Jungen und Mädchen normal verläuft" Das bedeutet also ihrer Meinung nach, alle nicht implantierten Gehörlosen sind geistig nicht normal entwickelt?

Damit fördern sie selbstverständlich, die bei allen Eltern vorhandenen Angst, ihre Kinder könnten schlechtere Zukunftschancen haben, wenn sie sie nicht schon als Säuglinge implantieren lassen, sowie das Vorurteil vieler Menschen gegenüber Gehörlosen. In Zeiten wachsender Berufschancen für Gehörlose und einer endlich beginnenden Anerkennung von Gebärdensprache und dem Recht darauf ein gigantischer Rückschritt!

Mit ihrer Meinung, man müsse ein CI bei jedem Gehörlosen implantieren, stimme ich grundsätzlich nicht überein, aber das steht hier auch nicht zur Diskussion. Die geistige Entwicklung eines Kindes ist wohl in erster Linie davon abhängig, ob ihm eine Sprache (egal welche) angeboten wird, ob es geliebt, aufgenommen und in seiner Gesamtheit gefördert und akzeptiert wird. Ein Kind, das früh implantiert, nach Mißerfolg zweimal reimplantiert, seine gesamte Kindheit hindurch zu Ärzten und Therapeuten geschickt wird und mit einem defizitären Selbstbild aufwächst, hat sicher eine deutlich schlechtere geistige Entwicklung, als ein nicht-implantiertes Kind, das bilingual aufwächst, von Anfang an über Kommunikationsmöglichkeiten verfügt und in sich selbst gefestigt ist. Nun aber zu ihrer Aussage zurück. Diese ist in meinen Augen so diskriminierend, dass wir prüfen werden, in wieweit uns rechtliche Mittel zur Richtigstellung zur Verfügung stehen. Ich habe eine 9 jährige gehörlose Tochter, nicht CI-implantiert. Deren geistige Entwicklung verlief bis jetzt absolut normal, sie hat einen Test-IQ von 120. Sie ist bei weitem kein Ausnahmefall, wie viele andere Gehörlose, die Berufsausbildung oder Studium abgeschlossen haben und ein Leben wie jeder Hörende auch führen, zeigen.

Ich hätte eigentlich gedacht, dass Äußerungen dieser Art, in denen Minderheiten eine "normale" Entwicklung abgesprochen wird, zu einem früherern Kapitel deutscher Geschichte gehören und bin erstaunt, dass man sie heute noch in der Öffentlichkeit äußern darf.

Das mindeste, was ich erwarten würde, wäre eine Richtigstellung dieser Aussage und ich bin gespannt, wann und wo sie veröffentlicht wird!

Mit freundlichem Gruß

D. Paust
Dorothea Paust
Wilhelminenstr. 40
52249 Eschweiler

 

 
 
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