Ich musste lange überlegen bevor ich anfangen konnte zu schreiben. Für wen schreibe ich diesen Bericht? Was ist meine Zielgruppe? Wen möchte ich mit meinem Bericht erreichen - die erwachsenen Gehörlosen, die nicht anwesend sein konnten, oder die Wissenschaftler, die Pädagogen, die Mediziner, die aus Gehörlosen Fast-Hörende machen möchten? Oder vielleicht für die gehörlose Jugend, um ihnen zu zeigen, "Hallo, ihr seit nicht die Marionetten, zu denen euch die Vorgenannten machen möchten"?
Nein,
ich schreibe heute für die Eltern von kleinen gehörlosen Kindern, und für Eltern, die vielleicht
später ein gehörloses Kind bekommen! Wie kann ich Ihnen also meine Gefühle mitteilen, die ich
während der Tagung hatte? Wie kann ich Ihnen mitteilen, das Ihre Kinder schon jetzt ein zu Hause
haben, ohne dass Ihnen dieses Zuhause bekannt ist?
Bild: Rudolf Werner "Befreiung"
Die Vorträge der Referenten machten deutlich, die Zeit ist vorbei, in denen sich Gehörlose als zu reparierende Objekte der hörenden Gesellschaft fühlten!
von links nach rechts: Satu Worseck (Hamburg) "Gehörlosenkultur in Finnland" Catherine Tangalou
(Athen) "Gehörlosenkultur in Griechenland mit eigenen Erfahrungen zur Arbeit mit dem Theater" Dr.
Paddy Ladd (Bristol) über sein neues Buch: "Gehörlosenkultur verstehen! Auf der Suche nach Deafhood"
Helmut Vogel (Hamburg) "Gehörlosenkultur in Deutschland mit Blick in die Vergangenheit" Dr.
Chrissostomos Papspyrou (Athen) "Bedeutung der Begriffe Sprache, Kultur, und Zivilisation für das
Nachdenken zur Gehörlosenkultur" Dipl. Psychologe Simon Kollien (Hamburg) "Ansätze zur Erforschung
und Bestimmung des Begriffs Gehörlosenkultur"
Der Blick in die Vergangenheit von Helmut Vogel zeigte dem interessierten Publikum (ca. 150
Gehörlose und 30 Hörende) wie die Unterdrückung einer Sprache, wie die Unterdrückung einer
Minderheit vollzogen wurde. Gehörlose Menschen wurden, und werden heute noch immer, als Menschen mit
Defizit angesehen. Und gerade Sie als Eltern werden, wenn Sie ein Kind bekommen, welches von
Medizinern als "hörgeschädigt" diagnostiziert wird, sich schwer vorstellen können, dass gehörlos zu
sein mehr ist als nicht hören zu können!
"Es wird Zeit" (zeigt das Bild) selbstbewusst aufzustehen und zu sagen: "Wir sind eine sich befreiende Minderheit in Sprache und Kultur. Wir sehen der Zukunft positiv entgegen."
Wenn Sie als Eltern verstehen wollen was "gehörlos sein" ausmacht, müssen Sie die Menschen kennen lernen, die Ihren Kindern später Vorbilder sein werden.
Lernen Sie Simon Kollien kennen, Psychologe und wunderbarer Redner in seiner Sprache, der
Gebärdensprache. Sehen Sie ihn beim Vortrag über die Ansätze zur Erforschung bzw. Bestimmung des
Begriffs Gehörlosenkultur. Sie werden verstehen, warum manche Gehörlose gerne die Lautsprache
verlernen möchten. Er sammelt und forscht am Institut für Deutsche Gebärdensprache Universität
Hamburg, zur Kultur der Gehörlosen aus Vergangenheit und Gegenwart. Er macht deutlich was Kultur
ausmacht, wie sich Gehörlosenkultur von anderen Kulturen unterscheidet.
Das gemeinsam Erlebte, die Gebärdensprache, die gemeinsame Vergangenheit der Gehörlosen, die Unterdrückung, der Kampf und spätere Anerkennung der Gebärdensprache, typische Verhaltensweisen, Gebärdensprachpoesie, Malerei und Literatur ist Grundlage für die Kultur der Gehörlosen. Ich kann es nicht beschreiben, ich kann Ihnen nur zurufen: "Gehen Sie hin zu so einer Tagung, sehen und verstehen Sie"

Die Gehörlosen haben große Künstler, die eigene Stile und Inhalte entwickelten, hervorgebracht.
In einer sehr emotionalen Rede hielt Gertrud Mally (unermüdliche Kämpferin für die Rechte
Gehörloser) eine Gedenkrede für Albert Fischer, auch Fise genannt, der im letzten Jahr viel zu früh
verstarb.
Lernen Sie Catherine Tangalou kennen, sie berichtete über ihre Arbeit mit gehörlosen Kindern in
Griechenland. Sie ist Künstlerin für Malerei und Theater und pensionierte Gymnasiallehrerin. Das
Gebärdensprachtheater trägt dazu bei, gehörlosen Kindern den Zusammenhang zwischen Sprache und
Kultur begreiflich zu machen.
Sie zeigte ein Video von Theaterproben mit Kindern. Die Kinder machten während der Proben zu dem Theaterstück eine norme Entwicklung in Selbstbewusstsein und Identität.
Oder erleben Sie das Temperament und die großartige Redekunst von Dr. Chrissostomos Papspyrou! Er
ist Chemiker und promovierter Gebärdensprachlinguist. Mit seinem Vortrag regte er an über Bedeutung
der Begriffe Sprache, Kultur und Zivilisation und schlussendlich über Gehörlosenkultur nachzudenken.
Sind die vorgenannten gehörlosen Wissenschaftler die armen bemitleidenswerten Menschen, die Ihnen von Ärzten und Wissenschaftlern beschrieben werden? Ihre Kinder können unabhängig sein von lautem Sprechen. Sie werden, wenn sie Zugang zu diesen Vorbildern bekommen, eine Sprache lernen, die mehr zu bieten hat als die reine Lautsprache und die ihnen alles Wissen der Welt vermitteln kann.
Satu Worseck berichtete aus Finnland. "Wir sind gebärdensprachige Menschen, nicht nur gehörlos."
Die Gehörlosen sehen sich nicht als Behinderte sondern als kulturelle Minderheit. Satu Worseck
gebärdet verschiene Gebärdensprachen, und schreibt in deutsch, englisch und finnisch. Nichts
Defizitäres werden Sie an ihr entdecken.
Gehörlose Kinder brauchen Gebärdensprache, sie ist wichtig für ihre Identität als Mitglied der Gehörlosengemeinschaft.
Für mich persönlich der Höhepunkt der Tagung. Dr. Paddy Ladd aus Bristol stellt sein Buch
"Gehörlosenkultur verstehen! Auf der Suche nach Deafhood" vor. Er ruft auf zu neuem Denken und
Verstehen, ruft auf zu erforschen, wie sehr die hörende Mehrheit ihre Spuren in den gehörlosen
Menschen hinterlassen hat. Er ruft auf zu Deafhood! Ruft auf zur Veränderung.
Paddy Ladd veranschaulicht die Fallen, die für die Gehörlosengemeinschaft durch das gedankenlose Festhalten am medizinischen Konzept der "Gehörlosigkeit" verursacht worden sind. Auch gehörlose Jugendliche sollten ihn kennen lernen!
Unmöglich zusammenzufassen welche Gefühle er in mir hervorrief.
Meine Meinung:
Nicht Halbhörende hervorbringen, die sich immer als defizitär in der Gesellschaft der Hörenden fühlen, sondern selbstbewusst ihre Sprache (DGS) benutzende und ihrer Kultur zugehörig fühlende Kinder zu starken Erwachsenen erziehen, sollte das Ziel der Gehörlosen-Pädagogik sein.
Unterstützen Sie, als Eltern, Ihre Kinder auf dem Weg zu einem eigenständigem selbstbewussten Leben. Ich kann mir vorstellen, dass Sie, liebe Eltern, das alles noch nicht verstehen, so lade ich Sie, aber auch Pädagogen und Mediziner ein, sich selbst bei der nächsten Tagung der KUGG ein Bild zu machen!
Sie werden sehen und verstehen.

Besonders möchte ich auch die Dolmetscher/in erwähnen, Christian Pflugfelder und Gudrun Hillert
machten die Vorträge auch zum Genuss für die hörenden Zuschauer.
Hier geht es zu den Inhaltsangaben der Vorträge
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