Diverses

Presse & Berichte

 

 

Deafhood kommt!

von Karin Kestner 07.06.2004

Bericht über die zweite Jahrestagung der KuGG (Kultur und Geschichte Gehörlose e.V.) unter dem Titel "Wege zum Verstehen der Gehörlosenkultur" am 4.-6. Juni 2004 in Heidelberg

Ich musste lange überlegen bevor ich anfangen konnte zu schreiben. Für wen schreibe ich diesen Bericht? Was ist meine Zielgruppe? Wen möchte ich mit meinem Bericht erreichen - die erwachsenen Gehörlosen, die nicht anwesend sein konnten, oder die Wissenschaftler, die Pädagogen, die Mediziner, die aus Gehörlosen Fast-Hörende machen möchten? Oder vielleicht für die gehörlose Jugend, um ihnen zu zeigen, "Hallo, ihr seit nicht die Marionetten, zu denen euch die Vorgenannten machen möchten"?

Rudolf Werner "Befreiung"Nein, ich schreibe heute für die Eltern von kleinen gehörlosen Kindern, und für Eltern, die vielleicht später ein gehörloses Kind bekommen! Wie kann ich Ihnen also meine Gefühle mitteilen, die ich während der Tagung hatte? Wie kann ich Ihnen mitteilen, das Ihre Kinder schon jetzt ein zu Hause haben, ohne dass Ihnen dieses Zuhause bekannt ist?

Bild: Rudolf Werner "Befreiung"

 

Die Vorträge der Referenten machten deutlich, die Zeit ist vorbei, in denen sich Gehörlose als zu reparierende Objekte der hörenden Gesellschaft fühlten!

Die Referentenvon links nach rechts: Satu Worseck (Hamburg) "Gehörlosenkultur in Finnland" Catherine Tangalou (Athen) "Gehörlosenkultur in Griechenland mit eigenen Erfahrungen zur Arbeit mit dem Theater" Dr. Paddy Ladd (Bristol) über sein neues Buch: "Gehörlosenkultur verstehen! Auf der Suche nach Deafhood" Helmut Vogel (Hamburg) "Gehörlosenkultur in Deutschland mit Blick in die Vergangenheit" Dr. Chrissostomos Papspyrou (Athen) "Bedeutung der Begriffe Sprache, Kultur, und Zivilisation für das Nachdenken zur Gehörlosenkultur" Dipl. Psychologe Simon Kollien (Hamburg) "Ansätze zur Erforschung und Bestimmung des Begriffs Gehörlosenkultur"

 

Helmut VogelDer Blick in die Vergangenheit von Helmut Vogel zeigte dem interessierten Publikum (ca. 150 Gehörlose und 30 Hörende) wie die Unterdrückung einer Sprache, wie die Unterdrückung einer Minderheit vollzogen wurde. Gehörlose Menschen wurden, und werden heute noch immer, als Menschen mit Defizit angesehen. Und gerade Sie als Eltern werden, wenn Sie ein Kind bekommen, welches von Medizinern als "hörgeschädigt" diagnostiziert wird, sich schwer vorstellen können, dass gehörlos zu sein mehr ist als nicht hören zu können!

"Es wird Zeit" (zeigt das Bild) selbstbewusst aufzustehen und zu sagen: "Wir sind eine sich befreiende Minderheit in Sprache und Kultur. Wir sehen der Zukunft positiv entgegen."

 

Wenn Sie als Eltern verstehen wollen was "gehörlos sein" ausmacht, müssen Sie die Menschen kennen lernen, die Ihren Kindern später Vorbilder sein werden.

Simon KollienLernen Sie Simon Kollien kennen, Psychologe und wunderbarer Redner in seiner Sprache, der Gebärdensprache. Sehen Sie ihn beim Vortrag über die Ansätze zur Erforschung bzw. Bestimmung des Begriffs Gehörlosenkultur. Sie werden verstehen, warum manche Gehörlose gerne die Lautsprache verlernen möchten. Er sammelt und forscht am Institut für Deutsche Gebärdensprache Universität Hamburg, zur Kultur der Gehörlosen aus Vergangenheit und Gegenwart. Er macht deutlich was Kultur ausmacht, wie sich Gehörlosenkultur von anderen Kulturen unterscheidet.

Das gemeinsam Erlebte, die Gebärdensprache, die gemeinsame Vergangenheit der Gehörlosen, die Unterdrückung, der Kampf und spätere Anerkennung der Gebärdensprache, typische Verhaltensweisen, Gebärdensprachpoesie, Malerei und Literatur ist Grundlage für die Kultur der Gehörlosen. Ich kann es nicht beschreiben, ich kann Ihnen nur zurufen: "Gehen Sie hin zu so einer Tagung, sehen und verstehen Sie"

 

Gertrud MallyBilder von Albert FischerDie Gehörlosen haben große Künstler, die eigene Stile und Inhalte entwickelten, hervorgebracht. In einer sehr emotionalen Rede hielt Gertrud Mally (unermüdliche Kämpferin für die Rechte Gehörloser) eine Gedenkrede für Albert Fischer, auch Fise genannt, der im letzten Jahr viel zu früh verstarb.

 

Catherine TangalouLernen Sie Catherine Tangalou kennen, sie berichtete über ihre Arbeit mit gehörlosen Kindern in Griechenland. Sie ist Künstlerin für Malerei und Theater und pensionierte Gymnasiallehrerin. Das Gebärdensprachtheater trägt dazu bei, gehörlosen Kindern den Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur begreiflich zu machen.

Sie zeigte ein Video von Theaterproben mit Kindern. Die Kinder machten während der Proben zu dem Theaterstück eine norme Entwicklung in Selbstbewusstsein und Identität.

 

Chrissostomos PapspyrouOder erleben Sie das Temperament und die großartige Redekunst von Dr. Chrissostomos Papspyrou! Er ist Chemiker und promovierter Gebärdensprachlinguist. Mit seinem Vortrag regte er an über Bedeutung der Begriffe Sprache, Kultur und Zivilisation und schlussendlich über Gehörlosenkultur nachzudenken.

Sind die vorgenannten gehörlosen Wissenschaftler die armen bemitleidenswerten Menschen, die Ihnen von Ärzten und Wissenschaftlern beschrieben werden? Ihre Kinder können unabhängig sein von lautem Sprechen. Sie werden, wenn sie Zugang zu diesen Vorbildern bekommen, eine Sprache lernen, die mehr zu bieten hat als die reine Lautsprache und die ihnen alles Wissen der Welt vermitteln kann.

 

Satu WorseckSatu Worseck berichtete aus Finnland. "Wir sind gebärdensprachige Menschen, nicht nur gehörlos." Die Gehörlosen sehen sich nicht als Behinderte sondern als kulturelle Minderheit. Satu Worseck gebärdet verschiene Gebärdensprachen, und schreibt in deutsch, englisch und finnisch. Nichts Defizitäres werden Sie an ihr entdecken.

Gehörlose Kinder brauchen Gebärdensprache, sie ist wichtig für ihre Identität als Mitglied der Gehörlosengemeinschaft.

 

Paddy LaddFür mich persönlich der Höhepunkt der Tagung. Dr. Paddy Ladd aus Bristol stellt sein Buch "Gehörlosenkultur verstehen! Auf der Suche nach Deafhood" vor. Er ruft auf zu neuem Denken und Verstehen, ruft auf zu erforschen, wie sehr die hörende Mehrheit ihre Spuren in den gehörlosen Menschen hinterlassen hat. Er ruft auf zu Deafhood! Ruft auf zur Veränderung.

Paddy Ladd veranschaulicht die Fallen, die für die Gehörlosengemeinschaft durch das gedankenlose Festhalten am medizinischen Konzept der "Gehörlosigkeit" verursacht worden sind. Auch gehörlose Jugendliche sollten ihn kennen lernen!

Unmöglich zusammenzufassen welche Gefühle er in mir hervorrief.

 

DeafhoodMeine Meinung:

Nicht Halbhörende hervorbringen, die sich immer als defizitär in der Gesellschaft der Hörenden fühlen, sondern selbstbewusst ihre Sprache (DGS) benutzende und ihrer Kultur zugehörig fühlende Kinder zu starken Erwachsenen erziehen, sollte das Ziel der Gehörlosen-Pädagogik sein.

Unterstützen Sie, als Eltern, Ihre Kinder auf dem Weg zu einem eigenständigem selbstbewussten Leben. Ich kann mir vorstellen, dass Sie, liebe Eltern, das alles noch nicht verstehen, so lade ich Sie, aber auch Pädagogen und Mediziner ein, sich selbst bei der nächsten Tagung der KUGG ein Bild zu machen!

Sie werden sehen und verstehen.

 

Stefan PflugfelderGudrun HillertBesonders möchte ich auch die Dolmetscher/in erwähnen, Christian Pflugfelder und Gudrun Hillert machten die Vorträge auch zum Genuss für die hörenden Zuschauer.

 

Hier geht es zu den Inhaltsangaben der Vorträge

weiter zu Impressionen der Tagung

 

 
 
Copyright © 1999-2011 Verlag Karin Kestner | Impressum | AGB