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Leserbrief zum Artikel Glückauf - damit Kinder hören und sprechen

von Christiane Link 02.10.2004

Sehr geehrter Herr Schmeer,

das Internet macht es möglich: Auch Leserinnen aus Hamburg, so wie ich, können problemlos lesen, was die WAZ-Lokalredaktion in Gelsenkirchen schreibt. Was ich jedoch gerade gelesen habe, macht mich zu tiefst betroffen. Sie schreiben über gehörlose Menschen und diskriminieren sie gleichzeitig.

"Ohne Sprache wird Denken schwerer", muss ich in Ihrem Artikel lesen. Sie schreiben über die "Glück auf"-Schule ohne zu bemerken, dass diese Schule auf einem völlig veralteten Bildungsmodell basiert. Wissen Sie nicht, dass die Deutsche Gebärdensprache seit längerem als eigenständige Sprache in Deutschland anerkannt ist? Wissen Sie nicht, dass es sich um eine eigene Sprache handelt, die den Kindern aber offenbar an der Schule vorenthalten wird? Kaum ein anderes Land auf dieser Welt unterrichtet gehörlose Menschen in Lautsprache. Im Ausland nennt man es "german method", was einige rückwärtsgewandte Schulen da betreiben. Die Folgen sind offensichtlich: Viele gehörlose Erwachsene sind auf dem Bildungsstand eines Viertklässers. Warum schaffen es die Schüler der "Glück auf"-Schule nur bis zum Hauptschulabschluss, manche zur Fachoberschulreife, wie Sie schreiben? Gibt es keine Schüler an der Schule, die mal Abitur machen werden? Und wenn nicht, warum nicht? Gehörlose Menschen sind nicht dümmer als Hörende. Wenn man aber nur Bruchteile des Unterrichts mitbekommt, weil die hörenden Lehrer davon ausgehen, dass man von den Lippen ablesen muss statt eine Sprache zu verwenden, die Gehörlose verstehen, dann sind das die Folgen. Nur ein kleiner Teil der deutschen Wörter kann gut von den Lippen abgelesen werden. Der Rest ist Kombination oder eben unverständlich. Die Deutsche Gebärdensprache ist die Muttersprache vieler gehörloser Menschen. Sie wird ihnen auch im Jahre 2004 an völlig rückständigen Schulen vorenthalten. Dass dies von Ihnen bejubelt wird, macht es umso schlimmer.

Gehörlose Menschen werden oft als dumm dargestellt. Leider auch in Ihrem Artikel. Haben Sie sich mal mit Gehörlosen in Verbindung gesetzt bevor Sie hörende Pädagogen zu dieser Gruppe befragten? Ich empfehle Ihnen die Webseite Taubenschlag unter www.taubenschlag.de Setzen Sie sich mit dem Deutschen Gehörlosenbund in Verbindung und informieren Sie sich über das Leben gehörloser Menschen in Deutschland. Sie werden feststellen, dass Sie Ihre Vorurteile und die der Gehörlosenlehrer in Ihrem Artikel dargestellt haben, aber keineswegs die Realität. Längst nicht jeder Gehörlose kann Mathe besser als Deutsch. Es kommt auf die Begabung jedes Einzelnen an, so wie bei hörenden Kindern auch. Wenn Pädagogen natürlich von Anfang an vermitteln, dass Gehörlose eine einseitige Begabung haben, wird sich die wahre Begabung kaum entfalten. Es gibt in Deutschland gehörlose Juristen, Ärzte, Psychologen, Lehrer etc. Nicht alle gehörlosen Menschen sind gleich.

Dass Sie am Ende des Artikels nur eine Telefonnummer, nicht aber eine Faxnummer oder E-Mail-Adresse der Schule angeben, belegt nur einmal mehr, dass zwar viele Journalisten über behinderte Menschen schreiben, aber wenig über deren Lebenswirklichkeit wissen. Vielleicht möchten auch gehörlose Menschen zur Feier kommen. Sollen diese etwa die Schule anrufen? Hören lehrt die Schule ja offensichtlich nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Christiane Link

 

 
 
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