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Die Erhörte - Unerhört!

Leserbrief von Karin Kestner 13.08.2004

Leserbrief zum Artikel "Die Erhörte" vom 11.08.2004 in ""Die Zeit"

Man gönnt Maike Stein den "Erfolg" in einer der größten Zeitungen Deutschlands, mit einem 7 DINA4 umfassenden Lebensbericht, zu erscheinen! Sie ist eine der Ausnahmen unter gehörlos Geborenen, die vom CI (Cochlear Implantat) profitieren. Man freut sich mit ihr, dass es geklappt hat, dass sie Geräusche, (nicht Sprache), hören kann.

Aber müssen das gehörlose Menschen hinnehmen?

Da schreibt eine, wie Maike Stein sagt, "preisgekrönte Journalistin" folgendes: Hören ist das erste und letzte Tun des Menschen. Wer auf die Welt kommt, kennt die Stimme seiner Mutter längst. Wer im Sterben liegt, hört, was um ihn geschieht, bis zum letzten Atemzug.( …. ) Später zieht durch sie (die Cochlear) die Seele ein. Die Musik, die Liebe gehen durchs Ohr. Auch die Gedanken: Vernunft kommt von vernehmen.

Vernunft kommt ursprünglich von er/begreifen/erfassen! Und dies kann ich von der Journalistin Sabine Rückert, leider nicht sagen! Begreift sie nicht, dass sie den Gehörlosen in Deutschland mit ihrem Artikel einen Bärendienst erweist, nur um einer Person, die unumstritten viel erreicht hat, ein Denkmal zu setzen?

Die Seele zieht durch die Cochlear ein? Die Liebe geht durch das Ohr? Unerträglich! Nicht hören, nicht sprechen allein, sondern das Lächeln, das Kinder sehen, den Herzschlag den Kinder fühlen und der Geruch der Mutter, sind am Anfang die wichtigsten Signale, die ein Kind aufnimmt. Welch ein Schlag ist dieser Artikel ins Gesicht einer jeden Mutter eines gehörlosen Kindes! Keine Vernunft, keine Liebe, keine Seele, ohne zu hören? Denn dies wäre der Umkehrschluss!

"Es gibt keinen Begriff für das endlose Nichts, das im Ohr eines gehörlos geborenen Menschen herrscht. Kein Signal - nicht einmal das im Gedächtnis haftende Echo eines zärtlichen Lautes oder einer längst verklungenen Melodie. Die Cochlea ist tot" Sabine Rückert möchte ich zurufen; "Was schreiben Sie da? - Endloses Nichts im Ohr? Oben - Vernunft kommt durch vernehmen? Die Cochlear ist tot? - wohl in ihren Augen auch das Hirn der gehörlosen Menschen, weil sie nichts über das Ohr vernehmen?

Sabine Rückert, leben Sie bitte nur einen Monat unter Gehörlosen! Erleben Sie die Vernunft, trotz nicht hören, erleben Sie die Liebe, trotz nicht hören, erleben Sie die vielen, mit ihrer Gehörlosigkeit, glücklichen Menschen, sehen Sie wie sich die Gehörlosen in der wundervollen Gebärdensprache zu allem differenziert äußern können.

Will man die Gehörlosigkeit und gehörlose Menschen verstehen, muss man sich aufmachen die Gehörlosen, ihre Sprache und Kultur kennen zu lernen und nicht nur eine Ausnahmeerscheinung wie Maike Stein! Der Rahmen eines Leserbriefes würde gesprengt, wenn ich auf alle für Gehörlose beleidigenden Punkte eingehen würde. Nur so viel: Sie haben durch Ihren Artikel den Kampf der Gehörlosen um gesellschaftliche Anerkennung in Deutschland um Lichtjahre zurückgeworfen!

Es wäre mehr als tragisch, wenn, wie Sie schreiben, die Gehörlosigkeit aus der Gesellschaft verschwindet! Wie viele Kulturen werden noch von Menschen aus Unwissenheit zerstört? Wäre ich gehörlos, würde ich von Ihnen eine Entschuldigung einfordern! Karin Kestner

 

 
 
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