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Unwissenheit möchte ich Prof. Strutz nicht vorwerfen

von Karin Kestner  23.02.2003

Leserbrief zu dem Artikel: "Elektronisches Ohr kann helfen" vom 21.02.2003 in oberpfalznetz.de

Ich kann nur mit dem Kopfschütteln, wenn ich Äußerungen wie diese lese: Der Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Universität Regensburg, Professor Dr. Jürgen Strutz, ist überzeugt: "Taubstumme Menschen wird es künftig nicht mehr geben. Vorausgesetzt: Die Schwerhörigkeit muss rechtzeitig erkannt werden."

Wenn diese Äußerungen aber dann noch von einem Professor einer HNO-Klink gemacht werden, dann muss ich öffentlich schreiben. Es gibt überhaupt keine taubstummen Menschen durch Schwerhörigkeit. Mal abgesehen davon, dass Schwerhörigkeit nicht stumm macht, Schwerhörige können mit Hörgeräten sehr gut hören und eben auch sprechen lernen, was nun mal Stummheit ausschließt. Gehörlose Menschen sind aber, wenn ihnen kein Hörgerät oder Cochlear Implantat hilft, auch nicht stumm, denn sie sprechen in der Gebärdensprache. Sie ist eine vollständige Sprache mit einer Grammatik und einem vollständigen Wortschatz!

Ich habe das Gefühl, dass die "Herren in Weiß" Angst verbreiten möchten, denn Unwissenheit möchte ich Ihnen nicht vorwerfen, kann also auch nicht der entschuldigende Grund für eine solche Falschinformation gegenüber einer Zeitung sein! Unterstellen wir also mal, dass der Herr Prof. lautsprachliches Reden meint und nicht Taubstummheit, dieses Wort, das Eltern Angst machen soll!

Cochlear Implantate helfen Gehörlosen höchstens zu 50 %, die anderen 50 % sind auf die Gebärdensprache angewiesen. Zudem ist die Operation mit hohen Risiken verbunden, wie um nur ein Risiko zu nennen, erhöhter Meningitisgefahr. Deswegen wird diese OP auch von nicht wenigen Eltern für gehörlose Kinder strikt abgelehnt. Was möchte also der Herr Prof. mit diesen Menschen machen, wenn er sagt, sie würde es in Zukunft nicht mehr geben? Zwangsoperieren? Vor der Geburt aussortieren? Mit gezüchteten Genen oder gezüchteten Stammzellen "gleichmachen"? Ich kann da nur spekulieren. Auf jeden Fall freut es mich, dass geforscht wird, um die doch unzulänglichen und höchst anfälligen und Risiko behafteten Cochlear Implantate in Zukunft zu ersetzen, für die Menschen, die das Gehör verloren haben und es wieder haben möchten.

Lieber Herr Prof. Strutz, vielleicht unterhalten Sie sich mal via Dolmetscher mit Gehörlosen, die die Gebärdensprache nutzen. Sie werden sehen, dass sie sich geistig und körperlich völlig normal, was auch immer das für Sie bedeutet, entwickelt haben! Es gibt einige gehörlose Professoren. und Doktoren, die Gebärdensprache als Mittel ihrer Wahl sehen.

Karin Kestner

 

 
 
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