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Hörgeschädigtenschule - heute!

von Ute Rösing  11.02.2003

 

Ute Rösing"Protokolle vom Mittwoch, dem 29.01.2003, der Tag an einer großen Hörgeschädigtenschule, 6. Klasse.

Fragen an eine Lehrerin und ihre Antworten:

 

Welche Unterrichtsfächer lehren Sie?

Ich unterrichte Mathe und Geschichte, aber hier muss man sich auch in andere Fächer einarbeiten und unterrichten. Oft ist hier Lehrermangel und gerade für meine Klasse in der die Kinder keine gesprochene Sprache verstehen, sind oft zu wenig Lehrer mit Gebärdensprachkenntnissen da.

Wie unterrichten Sie die Schüler?

Ich gebärde alles, aber ich spreche auch dabei, weil die Schüler teilweise noch einen Hörrest haben. Des weiteren zeige ich sehr viele Bilder zum Thema, dann begreifen die Schüler viel schneller. Wenn die Schüler mich dann noch nicht verstanden haben, fange ich an zu pantomimen, denn oft kenne ich oder/und die Schüler die benötigten Gebärden nicht.

Wie oft verstehen die Schüler Sie nicht?

Öfters verstehen die Schüler mich am Anfang meiner Erklärung nicht, aber ich wiederhole oft, was ich gebärde. Ein Schüler, dessen Eltern gehörlos sind, hilft mir beim Gebärden, es dauert zwar eine Weile, aber dann bin ich mir auch sicher, dass die Schüler begreifen, was ich sage.

Wie sehr stört es den Unterricht, wenn Probleme mit der Kommunikation auftreten?

Das Erklären von einfachen Verhältnissen braucht sehr viel Zeit, weil die Kommunikation so schwer ist. Die Schüler brauchen viel mehr Zeit als hörende Schüler um Dinge zu verstehen. Dann habe ich oft das Gefühl, dass die Zeit rennt und ich mit dem Unterricht nicht voran komme.

Können Sie die Gebärdensprache?

Ich kann etwas gebärden, aber nur das, was ich von meinen Großeltern lernte. Zumindest kann ich besser gebärden, als die meisten anderen Lehrer.

Warum lernen Sie nicht noch besser Gebärdensprache?

Vieles kann ich bereits gebärden und die Schüler verstehen mich, im Vergleich zu anderen Lehrern gut. Auf der einen Seite arbeite ich mich in andere Fächer ein, das macht viel Spaß und gestaltet meinen Lehrplan abwechslungsreicher. Auf der anderen Seite kostet es aber auch sehr viel Zeit und Zeit ist hier Mangelware. Einmal in der Woche bekommen die Lehrer dieser Schule Unterricht in Gebärdensprache, wie lange noch, weiß ich nicht. Dort bekommen diese Lehrer zwar von einen Gebärdensprachendolmetscher unterricht, aber nur in den Grundkenntnissen der Gebärdensprache, die ich bereits habe. Somit finde ich es erstmal wichtiger, dass andere ihr DGS verbessern, denn ich kann schon gut mit den Kindern kommunizieren. Wichtiger ist es, dass die Kinder auch die DGS lernen.

Wie gut können die anderen Lehrer dieser Schule gebärden?

Die meisten Lehrer können nicht mehr gebärden als die einfachsten Dinge. Da diese Schule viel mehr Schüler hat, die Sprache verstehen können, als Schüler die keine Sprache verstehen können, sind auch wenige Lehrer hier , die gebärden können. Dazu kommt noch, dass ja wenn man Sonderpädagogik studiert, es keine Pflicht ist auch DGS zu erlernen. Allenfalls ist es nötig einen Kurs in Pantomime zu belegen, damit man so in etwa ein Gefühl bekommt, wie man sich nur mit dem Körper ausdrücken kann. Ich weiß von einer Lehrerin, die Gebärdensprachendolmetscherin gelernt hat und dann erst Sonderpädagogik auf Lehramt, diese Lehrerin kann natürlich sehr gut gebärden, aber die anderen Lehrer nicht oder nur sehr dürftig, so dass sie keine Unterhaltung führen können, sondern nur vereinzelte Gebärden.

Was lernen Kinder in der Frühfördergruppe?

In der Frühfördergruppe wird die Artikulation viel geübt und der Hörrest sensibilisiert. Eine sehr wichtige Rolle spielt dann, wie viel mit den Kindern dies geübt wird. Die Kinder in dieser Klasse werden nicht mehr deutlicher sprechen können, in den nächsten Jahren und mehr als die Hälfte der Kinder also vier von sechs, kann man nicht verstehen, wenn sie reden. Die anderen zwei Kinder kann man verstehen, wenn man sich an ihre Aussprache gewöhnt hat. Deshalb kann man über die Lautsprache auch kaum den Unterricht führen, auch das Lippenlesen fällt den Kindern hier viel zu schwer, als dass damit der Unterricht geführt werden könnte.

Warum gebärden Sie den Unterricht?

Weil ich so mich viel schneller mit den Kindern verständigen kann. Außerdem lernen die Kinder so neben bei noch die Gebärdensprache und können sich so besser ausdrücken. Ich spreche zwar auch immer, wenn ich gebärden, aber das nur, damit die Kinder, die einen Hörreste haben, weiterhin auch daran gewöhnt sind, etwas zu hören. Wenn die Kinder nur von den Lippen ablesen müssten, würden sie nur noch grob erfassen, worum es in dem Unterricht geht, aber auch nicht mehr. Des weiteren ist das Lippenlesen für die Schüler viel zu anstrengend und Buchstaben wie B und P kann man nur vom Lippenbild her nicht unterscheiden.

Was würden Sie an der Schule und dem Unterricht verändern, wenn Sie könnten?

Ich würde dafür sorgen, dass Kinder und Lehrer die DGS bzw. die LBG erlernen, damit sie sich besser verstehen können. Des weiteren würde ich auch die Eltern mehr dazu ermuntern die Gebärdensprache zu Erlernen, denn es ist richtig schrecklich, wenn man sieht, wie wenig die Eltern sich mit ihren eigenen Kinder verständigen können. Ich denke dann, dass diese Kinder zu Hause kaum etwas vom Familienleben mitbekommen und meist damit beschäftigt sind einfach alles nachzuahmen, aber sehr wenig zu verstehen. Ich würde mir auch wünschen, dass die Kinder in einem Fach von einem gehörlosen Lehrer unterrichtet werden, dann hätten sie einmal eine Art Vorbild und würden auch begreifen, dass sie nur nicht hören können und nicht mehr den Unterschied zu Hörenden ausmacht. Dadurch dass hier an der Schule nur hörende Lehrer unterrichten, denken die Kinder, dass Hörende klüger/besser seien als Gehörlose.

 

Fragen an die Schüler:

"Die Umfrage an die Kinder, die von der Lehrerin "gedolmetscht" wurde:

Was machen die Schüler in ihrer Freizeit?

Ich frage sie öfters mal, wie das Wochenende für sie war oder was sie in den Ferien gemacht haben. Meist kommen dann aber nicht viele Antworten. Zwei der sechs Schüler erzählen mal, dass sie hörende Freunde haben und mit diesen spielen, wenn sie Zeit haben. Erschreckenderweise langweilen sich die meisten schwer hörgeschädigten und gehörlosen Kinder, da sie keine hörenden Freunde haben. Die anderen schwer hörgeschädigten und gehörlosen Mitschüler wohnen dann weiter weg, so dass sie nicht die Möglichkeit haben sich in der Freizeit zu besuchen. Deshalb sind die meisten Schüler dieser Schule immer froh, wenn sie Schule haben und wieder mit Kindern in ihrem Alter reden und spielen zu können. Dann ist für sie die Zeit der Langweile vorbei. Einer der Schüler aus dieser Klasse hat gehörlose Eltern und er unternimmt viel mit seinen Eltern und hat nicht so viel Langeweile. Er ist in der Familie integriert und versteht sich gut mit seinen Eltern.

Wie wichtig finden die Kinder die Lautsprache für sich?

Die Kinder wissen, dass die Lautsprache oft die einzige Möglichkeit ist mit hörenden zu kommunizieren, allerdings können sie nicht gut genug sprechen, um von fremden Menschen verstanden zu werden. Dadurch ist ihr Leben noch darauf eingestellt nicht mit Fremden reden zu müssen, allerdings wird sich dies ändern je älter sie werden und dann wird die Lautsprache eine wichtigere Bedeutung für sie erhalten.

Wie wichtig finden die Kinder die Gebärdensprache für sich?

Gebärdensprache ist die einzige Weise für sie zu kommunizieren, deshalb ist sie sehr wichtig für sie. Sie können so über alltägliche Erlebnisse berichten und auch spielen durch die Gebärdensprache. Sie sind froh, dass sie hier gebärden können und so verstanden werden.

Möchten die Kinder hören können?

Bis auf den Jungen, der gehörlose Eltern hat, haben alle schon mal gesagt, dass sie gerne hören würden. Allerdings nicht so häufig, außer die zwei Kinder, die hörende Freunde haben, die äußern schon häufiger, dass sie gerne hören könnten. Allerdings wissen sie ja nicht, wie es ist hören zu können und ihr Leben ist auf die Lautsprache noch nicht angewiesen.

Was sind die Lieblingsfächer der Kinder?

Die Lieblingsfächer sind Schwimmen, Geschichte und Erdkunde. Weil das am interessantesten für die Kinder ist und weil sie dort nette Lehrer haben.

Lesen die Kinder gerne?

Die Kinder können unbekannte Texte kaum verstehen, wenn sie diese alleine lesen. Somit lesen sie auch nicht gerne, weil sie meist nicht verstehen, was sie lesen, denn der Wortschatz im Buch ist meist zu vielseitig.

Tragen die Kinder gerne ihre CI (Cochlea Implant) oder Hörgeräte?

In dieser 6. Klasse gehören das CI oder die Hörgeräte zum Alltag dazu und die Kinder kennen es nicht anders. Sie tragen die Hörgeräte und CI, wenn sie nicht beim Spielen stören. In den höheren Klassen merkt man, dass manche Kinder die Hörgeräte oder CI nicht mehr tragen, weil sie sich schämen oder so. Auch wenn sie dadurch viel schlechter hören, tragen sie die Hörhilfen nicht.

 

 

Persönlicher Kommentar von Ute Rösing auf meine Frage, wie sie nun nach dem Besuch der Schule über die Erziehung gehörloser und stark hörgeschädigter Kinder fühlt und denkt:

Was ich da gefühlt habe? Äh, ich finde die ganze Sache mit der Pädagogik der gl Kinder etwas merkwürdig, um es nett zu sagen. Ich bin froh, dass ich schon vorher wusste, wie es auf so einer Schule zugeht und so nicht gleich ins kalte Wasser springen musste. Als ich das erstmal begriff, was es heißt keine Muttersprache zu haben, kamen nicht mehr als viele viele Tränen. Wie sollte man auch ahnen, dass es in dieser ach so fortschrittlichen Gesellschaft Menschen gibt, die keine Muttersprache haben? Ich hatte immer den Eindruck, dass jeder, der nicht gut genug hört, um sprechen zu lernen quasi automatisch die DGS lernt. Tja, ich finde das pädagogische Konzept der Gl Erziehung völlig überaltert. Ich bin eh in der Überzeugung, dass es wichtiger ist mit sich klar zu kommen, als völlig angepasst durch die Welt zu spazieren. Von daher, finde ich, sollte man doch so fair zu den gl Kindern sein und ihnen eine Muttersprache einräumen und nicht versuchen nach außen hin völlig "normale" Kinder zu haben. Ich denke, dass es nun mal eine Behinderung ist, wenn man nicht hören kann, aber das heißt noch lange nicht, dass man nicht fröhlich sein kann. Und die gl Pädagogik fängt am falschen Ende an. Zuerst die Selbstfindung von seinem eigenen Ich und dann die Anpassung an die Umwelt und nicht andersrum.

Die Kinder wirkten glücklich, sie lachten viel und besonders gerne, wenn die Lehrerin etwas an die Tafel schrieb, dann gebärdeten sie heimlich und lachten viel, leider auch laut, so dass die Lehrerin das immer mit bekam und weniger begeistert war. Allerdings waren sie nun auch in einem Umfeld, dass im Verhältnis zu sonst, sie sehr gut verstanden hat.

Als ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule gefahren bin, sah ich auch schon Schüler, die zu der Schule fuhren. Als sie einzeln standen und nicht in einer Gruppe, sahen sie nicht mehr so lustig aus. Und als ich einen Jungen beobachtete, wie er nach der Uhrzeit fragte, war klar, dass es sehr schwierig ist, ohne Worte höflich zu sein. Der ältere Mann, den der Junge gefragt hatte, nörgelte rum, weil der Junge ja nicht redete sondern nur 'komische' Laute von sich gab und "rum gestikulierte". Als der ältere Mann gerade anfing sich über die Jungend von heute aufzuregen, hatte ich keine Geduld mehr und ging mal hin, um zu helfen bei der Kommunikation. Aber der ältere Mann schien überhaupt nicht zu verstehen, dass der Junge nun mal weder hören noch gut sprechen kann und war überzeugt, er wäre total unfreundlich zu ihm gewesen. So kann man mal sehen, wie es sein kann, wenn man doch nur etwas wissen möchte.

Alles in Allem ist die gesamte Situation doch arg erschreckend, brutal, rücksichtslos und überaltert. Ich hatte schon längst angenommen, dass jeder ein Recht auf Muttersprache hat. Es wäre doch schlimm, wenn man einem hörenden Kind nicht eine Sprache lehrt, wenn es aber nicht hören kann, scheint für die meisten, alles ganz anders zu sein. Keine Ahnung, warum und keine Ahnung wieso die Eltern nicht von sich aus DGS lernen.

Ute Rösing

 

 
 
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