Diverses

Presse & Berichte

 

 

Dürfen sich Eltern ein gehörloses Kind wünschen?

oder: Hörende können es nicht verstehen!

von Karin Kestner 29.04.2002

Durch die Presse geht seit einigen Tagen der Bericht über ein gl lesbisches Paar, das sich einen Mann zur Zeugung eines Kindes ausgesucht hat. Dieser Mann ist taub. Beide Frauen nehmen es nicht nur in Kauf ein taubes Kind zu bekommen, sondern begrüßen es bewusst.

EliasSeit vielen Jahren schon gibt es eine genetische Beratung für Frauen in und vor der Schwangerschaft.

Manche Frauen wünschen sich nur ein gesundes, nicht behindertes Kind, gehen zur Beratung und lassen Notfalls ein Kind, wenn es eine Behinderung hat, abtreiben. Andere Frauen verzichten bewusst auf eine Schwangerschaft, weil ein genetischer Defekt bei ihnen vorliegt.

Ob Frauen aus egoistischen Gründen (es stellt heutzutage eine Wahnsinns Belastung dar, ein Kind mit Behinderung großzuziehen) oder aus Gründen der Nächstenliebe zum Kind, (darf ich meinem Kind ein behindertes Leben zumuten?) auf eine Schwangerschaft verzichten oder abtreiben, wird nicht erfragt. Darf man einem Kind, wenn es behindert ist zumuten hier in dieser Gesellschaft zu leben? Darf ein Kind mit Down-Syndrom auf die Welt kommen, hat es in dieser Welt eine Chance? Nimmt man es den Eltern übel, wenn sie ein lebendiges Kind mit DS abtreiben?

 

BabyViele Frauen lassen sich bewusst nicht beraten, nehmen ihr Kind an so wie es ist. Ist das verwerflich? Das müssen sich heute Frauen fragen lassen! Beim Frauenarzt werden Frauen über 35 J. schräg angeschaut, wenn sie keine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen. Werden zum Teil von der Gesellschaft als verantwortungslos hingestellt, nur weil es für sie nicht von Bedeutung ist ob ein Kind behindert ist oder nicht.

Alles was nicht der Norm entspricht wird als negativ und belastend für die Gesellschaft empfunden. Ein gesundes Kind, ein Kind mit viel Intelligenz und allen Sinnen wird bevorzugt. Sollten aber Kinder auf die Welt kommen, trotzt eines Defizits, setzt die Menschheit alles daran diese Defizite auszugleichen. Was für ein Wort "auszugleichen", es wird z.B. bei gehörlosen Kindern versucht, sie hörend zu machen, mit Operationen schon im Babyalter, auch damit sie später nicht so viel zusätzliche Kosten produzieren. Eine Operation die von Krankenkassen fast Widerspruchslos bezahlt wird- eine umstrittene Operation mit Risiken und Folgen für das ganze Leben. Nun so ganz perfekt gelingt es der Medizin noch nicht, aber sie sind auf dem besten Wege die Gehörlosigkeit bei Kindern zu "überwinden".

 

DeafDann erreicht uns die Nachricht aus Amerika. Ein gehörloses lesbisches Paar möchte gern auch ein taubes Kind. Die ganze Welt regt sich auf. Wie können Eltern nur so egoistisch sein, bewusst ein Kind zu wünschen, das taub ist?

Frauen suchen sich seit Menschengedenken Männer zum Zeugen von Kindern, die ihren Vorstellungen entsprechen. Sagen wir Frauen nicht oft zu uns, "Mit diesem Mann möchte ich ein Kind!"? Nichts anderes haben diese Beiden getan! Sie wählten einen Mann der ihren Vorstellungen entsprechend perfekt war.

Hörende können nicht begreifen, dass viele gehörlose Menschen sich als nicht behindert empfinden. Man kann es Hörenden auch nicht übel nehmen, denn sie kennen nicht die Lebenskultur der Gehörlosen. Ja, es ist eine Kultur, die sich durch Jahrhunderte lange Unterdrückung durch Hörende entwickelt hat. Es ist ein feste Gemeinschaft, eine sprachliche Minderheit, eine Kulturgemeinschaft in Sprache und Gefühl, die sich trotz der Unterdrückung der Gebärdensprache in Amerika, aber auch in Skandinavien, langsam auch in Deutschland entwickelt hat.

 

KulturtageSpätertaubte und Schwerhörige gehören oft nicht dieser Kultur an, denn sie empfinden einen Verlust, wenn sie das Gehör verlieren. Von Geburt an Gehörlose empfinden dies nicht.

Sie leben mit ihre Gehörlosigkeit in Einklang, entwickeln Selbstbewusstsein und Lebensart. Sie lieben ihre Sprache und fühlen sich nach wie vor noch von Hörenden diskriminiert.

Sollte die Gesellschaft der Gehörlosen nicht weiter bestehen dürfen, wären wir um eine Kultur auf der Welt ärmer- die Vielfalt auf der Welt eingeschränkt. Dürfen wir verurteilen, wenn sich Gehörlose ein gehörloses Kind wünschen, oder sollten wir endlich anfangen zu verstehen was Gehörlose denken und fühlen?! Sollten wir nicht anfangen die Rahmenbedingungen für die Gehörlosen zu ändern, ihnen den Schutz der Gemeinschaft bieten, sie als eine Minderheit in Kultur und Sprache anzuerkennen? Sollten wir nicht endlich anfangen zu überlegen, ob das Streben nach perfekten Menschen aus Sicht der Allsinnigen falsch ist?

 

Karin Kestner

Mehr über die Kultur der Gehörlosen finden Sie hier: http://www.kugg.de/ ein Artikel aus der ZEIT

 

 
 
Copyright © 1999-2011 Verlag Karin Kestner | Impressum | AGB