Samstag, 9. März, 11 Uhr: "Großer Bahnhof" in den Berliner Ministergärten, genauer gesagt im großen Festsaal der Landesvertretung Rheinland-Pfalz direkt neben dem Reichstag. Mehrere Professoren der Politwissenschaften, Journalisten und Vertreter der Bundeszentrale für politische Bildung und Rheinland-Pfalz geben sich ein Stell-Dich-Ein. Dazwischen Birgit und Roland Müller aus Witzenhausen. Stellvertretend für die 4-köpfige Redaktion "Zeitzeichen" beim Rundfunk Meißner sitzen sie in der dritten Reihe. Sie sind für den Bürgermedienpreis "Leben im 21. Jahrhundert - Bürgermedien und das Internet" nominiert. Sie können es kaum fassen, als sie für Ihren Radiobeitrag "Gehörlos - Leben in einer anderen Kultur" den begehrten "Sonderpreis für die innovativsten Beitrag" erhalten. Der Preis ist mit € 1.000,-- dotiert und wird von vielen als Bürgermedien-Oscar gehandelt.
Die Radiomacher aus Eschwege, Großalmerode und Witzenhausen hatten sich im letzten Jahr an einem bundesweiten Wettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung beteiligt. Ziel war es, das Medium Radio mit dem Internet zu verknüpfen. Insgesamt reichten 33 Gruppen ihre Projektideen bei der betreuenden Universität Passau ein. 14 Projekte (9 Fernseh- und 5 Radiobeiträge) aus acht Bundesländer wurden zum Wettbewerb zugelassen.
"Als ich der Uni Passau die Idee vortrug, eine Radiosendung für Gehörlose zu machen, sagte mir der Projektkoordinator, dass das ja wie Autofahren für Blinde ist", erzählt Roland Müller (38), der ehrenamtliche Redaktionsleiter des RFM. "Die Idee entstand durch einen Internet-Gästebucheintrag eines Gehörlosen auf unserer Homepage", berichtet der Industriekaufmann weiter. Der Gehörlose hätte sich für die im Internet veröffentlichten Manuskripte bedankt. So könne er Radio, wenn auch nicht hören, wenigstens lesen.
Und das Radio von und für Gehörlose funktioniert beweist die Umsetzung des Konzeptes der Freizeit-Radiomacher. Per eMail wurden mit Gehörlosen aus den Alten und Neuen Bundesländern Interviews durchgeführt. Auch in Internet-Gehörlosen-Foren wurden Fragen gestellt und recherchiert. Die Inhalte wurden aufbereitet und von Sprechern in der Sendung wiedergegeben. Das Manuskript wurde wie immer bei der Redaktion Zeitzeichen im Internet veröffentlicht. So hatten neben den Hörenden auch Gehörlose die Möglichkeit, "Ihre Sendung zu hören".
Schon während die 90 Minuten Dokumentation im Dezember 2001 ausgestrahlt wurde, war ein live-Chat im Internet geschaltet, in dem sich Hörer der Sendung und Gehörlose trafen. Ohne die Sprachbarriere konnten sich Hörende und Gehörlose über das virtuell Medium Internet unterhalten. Über die Inhalte des Internet-Chats berichteten die Radiosprecher live über den Sender, so dass alle RFM-Hörer auch ohne Internetanschluss den Chat "hören" konnten.
Zudem wurde die Sendung unter Mitwirkung von sechs Gebärdensprachdolmetschern auf Video aufgezeichnet. Die Videoaufzeichnung wurde im Offenen Kanal Kassel und Eichsfeld im Dezember 2001 ausgestrahlt.
Der freie Journalist und Buchautor, Alex Studthoff hob in seiner Laudatio die gelungene Auflösung des Widerspruchs "Radio für Gehörlose" durch den multi-medialen Einsatz [Radio, Fernsehen und Internet] hervor. Die Homepage sei ansprechend und enthalte ausgesprochen viele Detailinformationen zum Thema Gehörlosigkeit. Die gesamte Sendung könne zu dem per Streaming von jedem im Internet auf den heimischen PC geladen und angehört werden. "Und jeder, der die Sendung nicht gehört hat, sollte es nachholen, denn sonst hat er wirklich etwas verpasst", so der Kölner Medienpädagoge und Universitätsdozent Studthoff.
Rund 200 Stunden hat allein Roland Müller für die Sendung aufgewendet. "Besonders schwierig war es, Vertrauen zu Gehörlosen aufzubauen. Auf Grund der Tatsache, dass sie nichts hören können, haben sie ständig das Gefühl, dass über sie geredet wird. Viele hörende Mitbürger halten Gehörlose zu dem für dumm oder zumindest ungebildet, nicht fähig am öffentlichen Leben teilzunehmen," so der Witzenhäuser. Dennoch habe sich die Arbeit gelohnt, nicht nur wegen des Preises. Alle Redaktionsmitglieder hätten einen tiefen Einblick in eine sprachliche Kultur erhalten, die faszinierend und ihnen vorher verborgen gewesen sei.
An Aktualität gewann der im Dezember 2001 ausgestrahlte Beitrag durch die Verabschiedung des Gleichstellungsgesetztes im Februar dieses Jahres. Als Folge des neuen Gesetzes wird die Deutsche Gebärdensprache als vollwertige Sprache in Deutschland anerkannt.
Der Projektleiter an der Universität Passau, Prof. Dr. Winand Gellner, hob während er Preisverleihung seinen Wunsch hervor, dass dieses Radioprojekt bundesweit Schule machen sollte und würde sich sehr darüber freuen, wenn es zumindest beim Rundfunk Meißner fortgesetzt würde. Dem wird die Redaktion "Zeitzeichen" entsprechen.
Nähere Information zu diesem weltweit einzigartigem Projekt gibt es im Internet.
Die Adresse lautet: http://www.radiozeitzeichen.de .