Die Einladung zur Podiumsdiskussion mit dem Thema: "Was bedeutet das CI für die
Gehörlosen-Kultur" kam für mich völlig überraschend. In der Einladung standen als Podiumsteilnehmer
ausschließlich Hörende, CI-Träger und der ehemalige Präsident des DGB Herr Hase (schwerhörig). Mir
war klar, dass wieder einmal über die Köpfe der Gehörlosen hinweg gesprochen werden sollte. Der
Gedanke an den Mailänder-Kongress schoss mir durch den Kopf.. In einem Telefonat mit Frau Herrmann
bat ich um die Einladung von Gehörlosen, da ich sonst nicht erscheinen würde.
Meine Vorschlagsliste umfasste: Deutscher Gehörlosen Bund, Frau Gerkens oder Vertreter Frau Dr. Ulrike Gotthardt (GL Leiterin der psychatrischen Klinik für Hörgeschädigte, Lengerich) Herrn Dr. Simon Kollien (gehörloser Psychologe) und Menschen aus der Kulturszene der Gehörlosen, zu erreichen über den Deutschen Gehörlosen Bund. Diesem Wunsch wurde teilweise nachgekommen. Aus für mich sehr nachvollziehbaren Gründen, sagten einige Geladene ab. Herr Hase z.B. mit der Begründung, dass er über das Thema als Schwerhöriger nicht referieren könne, er nur mit einem Bein in der Gehörlosen-Kultur lebe. Andere weil sie sich diese Diskussion mit den vorgesehenen Teilnehmern nicht zumuten wollten, andere wegen Urlaub.
Letztendlich saßen nun am 16. August 2002, die oben genannten Teilnehmer auf dem Podium. Meiner Meinung nach eine völlige Fehlbesetzung zu diesem Thema. Entsprechend bereitete ich mein Statement vor und war nach Frau Gerkens an zweiter Stelle dran.
Das Eingangsstatement von Karin Kestner. Mich traf z.T. lautstarke Empörung eines bestimmten Teils des Publikums, wie auch der meisten anderen Podiumsteilnehmer. Wie konnte ich nur diese wohl arrangierte, illustre Runde von Professoren und Doktoren gleich in meinem Eingangsstatement als inkompetent hinstellen, wo man sich doch wohlgesittet und möglichst einvernehmlich zu diesem Thema hier auseinandersetzen wollte.
Das Eingangsstatement und Fazit von Frau Gerkens, die als Erste vor mir an der Reihe war: (hier in voller Länge) Ihr stand leider nicht genügend Zeit zur Verfügung das gesamte Statement vorzutragen. Auch auf die Bitte, Gehörlose seien deutlich in der Unterzahl, wurde seitens des Moderators keine längere Redezeit eingeräumt.
Frau Gerkens, als Präsidentin des Deutschen Gehörlosen Bundes, versuchte mit Nachdruck und Diplomatie zu verdeutlichen, dass die Gehörlosen und deren Verbände dem CI nicht feindlich gegenüber stehen, weil sie vor Mitgliederschwund Angst hätten. Sie fordert die gleichberechtigte und frühe Förderung der Kinder mit CI durch Gebärdensprache, um ihnen den Weg auch in die Gehörlosengemeinschaft zu ermöglichen.
Die Gehörlosenkultur wird in jedem Fall überleben. Lesen Sie auch beim Deutschen Gehörlosen-Bund. Dort ist auch das vollständige schriftliche Statement und das Fazit zu lesen.
Anschließend verlasen die übrigen Teilnehmer ihre Statements, wohlüberlegt und natürlich in distinguierter Rhetorik. Ich wusste zwar vorher, teilweise wörtlich, welche Position jeder einzelne abgeben würde und trotzdem habe ich diese Farce mitgemacht.
Statement von Herr Prof. Lehnhardt gab zu, sich noch nie über Gehörlosen-Kultur Gedanken gemacht zu haben, insbesondere damals nicht, als er die ersten Kinder auf Drängen der Eltern hin operierte. Er referierte in Folge dessen sehr wohlüberlegt von den ersten Erfolgen, des CI in seiner Zeit. Nichts gegen einzuwenden, nur das Thema traf der Vortrag nicht im Ansatz. Warum war er also gekommen?
Das Gleich galt auch für Frau Marcetic, (hier ihr Statement) die zugab nur einige Male Gehörlose gebärdend gesehen zu haben, sich aber ansonsten nicht mit dem Thema "Gehörlosen-Kultur" auseinandergesetzt hat. Damit war Ihr Beitrag ein rein persönlicher Bericht über ihre familiäre Entscheidung und Situation. Die persönliche Entscheidung gut zu akzeptieren, nur gehörte es nicht zum Thema. Warum war sie gekommen?
Herr Prof. Diller sprach von "fließender Kultur", die sich schon immer verändert hat und immer verändern wird. Das würde bedeuten, dass die GL-Kultur unabhängig von der (Gebärden-)SPRACHE der Hörbehinderten weiter existieren würde - nur eben in anderer Form.. Zwei Sprachen gleichzeitig könne man nicht lernen, das sei ja schon alles ausprobiert worden in der Geschichte der Gehörlosen und fehlgeschlagen. Hier einige Zitate seiner Rede.
Tatsächlich? Das also kommt dabei heraus, wenn man kein fundiertes Wissen hat von der Gehörlosen-KULTUR, aber meint an einer Podiumsdiskussion teilnehmen zu müssen. Es ist eben nicht genug, gehörlose Verwandte zu haben, um Gehörlosenkultur verstehen zu können, oder gar darüber zu referieren.
Ich glaube Herr Prof. Kruse kennt das Wort Gebärdensprache nur aus Statements bei Podiumsdiskussionen. Das Wort Gebärdensprache wollte ihm nicht mal richtig über die Lippen kommen - man hörte maximal das Wort "Gebärden", stattdessen referierte er über die tollen Erfolge der Medizin gerade auf seinem Gebiet und meinte, Kinder, heute mit den besten Implantaten versorgt, würden Sprache, (gemeint "Lautsprache-sprechen") ganz nebenbei lernen. Das hätte er mal Eltern erzählen sollen, deren Kinder x Jahre schon Lautsprache üben und es nicht geschafft haben. Misserfolge und viele ratlose Eltern kommen in seinem Repertoire nicht vor. Auf meine Frage, was mit den Kindern passiert, bei denen der Laut-Spracherwerb nicht klappt, gab es keine Antwort. Was sollte er auch antworten, nachdem er einer Mutter eines sprachlosen 6-jährigen Jungen dringend von der Gebärdensprache abgeraten hat, als sie damit beginnen wollte, um mit ihrem Sohn endlich kommunizieren zu können - er würde sonst nie die Lautsprache erlernen. Ist das verantwortliches handeln? Ein reiner Pro-CI-Vortrag - Thema weit verfehlt, Herr Prof.Kruse, jeder Student hätte eine 6 bekommen!
(auch auf Nachfrage kam kein Statement von Herrn Prof. Kruse)
Das Statement von Herr Dr. Bertram Er sagte, Kinder die es nicht schaffen in die Lautsprache zu kommen, (immerhin gibt es die schon in seinen Gedanken), könnten dann ja irgendwann LBG lernen, das sei für sie dann ja auch gut so. Ein DGS-Kurs würde ihm nicht schaden, damit er vielleicht doch noch erfährt, welche Vorteile die Gebärdensprache hat, weil sie eben nicht nur ein Zeichensystem als Unterstützung der Lautsprache ist, sondern eine vollwertige SPRACHE. Von Kultur also auch nichts, Thema verfehlt, steht auch unter dem Beitrag des Herr Dr. Bertram. Aber Herr Dr. Bertram scheint etwas offener in seinen Bemühungen den Kindern Sprache, auch Gebärdensprache zu vermitteln. - Ein Anfang für einen Austausch?
Das Statement von Dr. Zeh, selbst beidseitiger CI Träger, leider nie so richtig in die Gehörlosengemeinschaft hineingewachsen, er sprach von den Vorteilen des Hörens. "Es ist unverantwortlich seinem Kind kein CI zu geben", war seine Äußerung, die er selbst aber in einem privaten Gespräch als provokativ zurechtrückte. Man kann wohl privat einiges mehr sagen, als öffentlich auf einem Podium. Herr Dr. Zeh ist übrigens neben meiner Person, der einzig Anwesende, der sich in seiner Reha-Klinik mit den vielen "Gescheiterten" auseinander zu setzen hat.
Frau Stein war nicht sehr eindeutig in ihren Aussagen, sie sitzt irgendwie zwischen zwei Stühlen, einerseits als Gehörlose geboren, Lautsprache als ihre Muttersprache benennend, andererseits mit CI versorgt. Sie gab sich Mühe ausgewogen zu sprechen, für die eine, aber auch für die andere Seite. Nur so richtig den Einfluss des CI auf die Gehörlosen-Kultur zu erklären, war ihr nicht möglich. Ihr Resümee: "Jeder nach seiner Facon".
(Frau Stein möchte nicht, dass ihr Vortrag auf meiner Seite veröffentlicht wird)
Frau Hartmann-Börner versuchte sich als sehr offen und tolerant darzustellen. Die Kinder könnten doch, wenn sie es nicht schaffen zu sprechen und zu hören, später noch Gebärden lernen, sie hätte nichts gegen Gebärdensprache. Gebärdensprache als Notlösung? Zum Abschluss wenigstens noch ein Satz zum eigentlichen Diskussionsthema: "dass CI hätte keinen Einfluss auf die Gehörlosenkultur und würde sie auch nicht zerstören".
Zusammenfassend kann ich sagen, dass meine Meinung und damit auch mein Eingangsplädoyer weitgehend zutrafen, auch und trotzdem ich als Enfant Terrible abgestempelt wurde. Wer, außer Frau Gerkens und Frau Stein, hätten denn überhaupt etwas zum Thema Gehörlosenkultur referieren können, wenn das Thema maximal auf das Thema Gebärden reduziert wird?
Nach vielen anschließenden Gesprächen mit dem Publikum muss ich mal wieder ein trauriges und doch immer wieder gleiches Fazit ziehen. Die CI-Befürworter treten dem nicht hundertprozentig informiertem Zuhörer mit medizinisch-wissenschaftlich scheinbar absoluten Erkenntnissen auf, die ein Laie nicht hinterfragen kann. Sie treten ja ach so tolerant auf. "Wir haben doch nichts gegen Gebärden!","Wir sind doch für ein miteinander" Keiner würde Gebärden behindern, die könne man ja immer noch lernen. Nur die Lautsprache könne man in den ersten 3 Jahren lernen. Absolut, unumstößlich und undiskutierbar. Nichts von Risiken für Klein- und Kleinstkinder, nichts von der seit langem erfolgreich praktizierten bilingualen Erziehung z.B. in Dänemark und Finnland. Haben Finnen andere Anbahnungsmechanismen der Sinnesnerven als Deutsche - Herr Dr. Kruse? Aber wie denn auch, wenn man sich nur auf sein Wissensgebiet zurückzieht, mit Scheuklappen durch sein Leben als Wissenschaftler geht. Gleichzeitig wird mit dem Finger auf die Gehörlosen (und die Frau mit den roten Haaren) gezeigt, wie "intolerant", "respektlos" und teilweise "militant" die seien. Die seien es, die keine Verständigung und kein Miteinander wollten. Immer wieder, auch heute werden alte Klamotten unterm Tisch hervorgeholt "Die Gehörlosen hätten nur Angst, dass die "CI-ler" ihnen ihre Kinder wegnehmen würden.."
Und warum ich mich angeblich so gegen CI engagiere, wäre ja eh klar - wie ein Zwischenruf aus dem Publikum eine weit verbreitete Meinung wiedergab: "Die Kestner will ja sowieso nur ihre CDs verkaufen". Der Herr mit dem schwarzen Bart im Publikum, müsste es eigentlich besser wissen, denn ich habe auf meiner Elternhilfeseite auf www.kestner.de öffentlich ein Statement in eigener Sache abgegeben, warum ich mich so engagiere. Wer es trotzdem nicht glaubt und mir kommerzielle Interessen unterstellt, wie auch der Herr mit den blonden Haaren von der europäischen CI-Gesellschaft, dem würde ich gerne ein paar wenige meiner täglichen Telefonate mit ratlosen Eltern weiterleiten.
Ein Vater aus dem Publikum sagte mir anschließend folgendes: Die CI-Fraktion tut unglaublich
tolerant, völlig offen gegenüber anders Denkenden. Sie wären mit den absolut geltenden medizinisch,
wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgestattet, wären Gebärdensprachbefürworter, für jedes Gespräch
offen und Zweifel oder gar Probleme gäbe es einfach nicht - ergo sie würden unter dem Deckmantel der
Wissenschaft einfach ein sehr gutes Marketing in eigener Sache machen. Der uninformierte Zuhörer
könne überhaupt nicht verstehen, warum oder was denn die Gehörlosen oder auch Frau Kestner dagegen
haben. Doch er weiß von der täglichen Praxis in den Frühförderstellen, Kliniken, Kindergärten und
pädagogischen Instituten, die gar nicht mit den rosaroten Wolken übereinstimmt. Für mich zeigte
dieses Gespräch, wie weit der Weg noch ist, eine gleichrangige Aufklärung zu bekommen.
Die überwiegende Mehrzahl des Publikums widersprach der Meinung der hd. Pädagogen, Doktoren und Professoren auf dem Podium. Wie z.B. dass es nicht möglich sei über zwei verschiedene Kanäle (visuell und auditiv) gleichzeitig zwei Sprachen zu lernen. Es scheint da nicht weit genug gedacht zu werden, denn Kinder mit CI haben doch durch das CI auch den auditiven Kanal zur Verfügung, wenn auch individuell eingeschränkt. Es gibt kein Argument gegen die bilinguale Förderung von Kindern, mit CI! Alle Kinder hätten den Vorteil, egal ob sie nun mit dem CI gut hören oder schlecht, mit DGS Wissen zu erwerben.
Ich hätte gern noch Frau Dr. Lesinski-Schiedat gefragt, die mir Wochen vor der Veranstaltung
sagte, dies Thema würde sie persönlich interessieren, was sie von dieser Veranstaltung erwartet hat?
Vielleicht sollte man das nächste Mal doch Experten - nämlich die Gehörlosen - zu diesem Thema
befragen und nicht das Podium mit Professoren und Doktoren auffüllen, die nichts zu diesem Thema
beitragen können, nur um eine Veranstaltung aufzuwerten. So ging es mal wieder nur um das Thema CI..
Ich finde es verachtenswert, Menschen, die anderen helfen, zu unterstellen, sie würden ihren eigenen Vorteil suchen. Solche Geisteshaltungen müssen in der Öffentlichkeit bloßgestellt werden. Können wir es (als Eltern) verantworten, dass unsere Kinder von solchen Hochschullehrern ausgebildet werden? Können wir es gutheißen, dass Menschen von solchen Medizinern behandelt werden?
Hier ein Statement von einem Gehörlosen
Um der Wahrheit genüge zu tun, würde ich noch gern die anderen Statements hier an dieser Stelle veröffentlichen. Leider wurden Sie mir von der Veranstaltungsleitung nicht zur Verfügung gestellt. Wenn mir die Statements zugesandt werden, bin ich gerne bereit sie nachträglich zuzuordnen.
Karin Kestner
Internetseiten zum Thema Gehörlosenkultur:
http://www.taubenschlag.de/kultur/geschichte/index.html