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Was bedeutet das CI für die Gehörlosen-Kultur?

Schriftliches Statement der Präsidentin des Deutschen Gehörlosen-Bundes e.V. zur Podiumsdiskussion am 16.08.2002 in Hannover

von Gerlinde Gerkens 16.08.2002

Sehr geehrte Damen und Herren, zunächst möchte ich mich bei Frau Dr. Lesinski-Schiedat und Frau Hermann von der Redaktion der "SCHNECKE" herzlich für die Einladung zu dieser Podiumsdiskussion bedanken. Vor allem auch deshalb, weil wir erwachsene Gehörlose von den so genannten Fachleuten bisher viel zu selten in die Diskussion um die bestmögliche Förderung gehörloser bzw. hörgeschädigter Kinder einbezogen wurden und werden. Insofern ist diese Veranstaltung etwas Neues und ich wünsche uns allen eine faire und fruchtbare Diskussion!

Nun zum Thema der heutigen Diskussion, den Auswirkungen des Cochlea Implantats:

Leider wissen wir alle darüber noch viel zu wenig. Die Geschichte der Cochlea-Implantation bei prälingual gehörlosen Kindern ist sehr jung. Der (Hör)erfolg einer Operation beim einzelnen Kind kann nicht mit Gewissheit voraus gesagt werden. Vor allem aber fehlen Erfahrungen und Langzeitstudien über die Folgen der Implantation auf die psychische, soziale, kommunikative und kognitive Entwicklung sowie die Identitätsbildung. Erst wenn die operierten Kinder von heute die Pubertät bewältigt und als junge Erwachsene Erfahrungen mit einem eigenständigen Leben in Freizeit, Partnerschaft, Beruf usw. gemacht haben, werden wir mehr über mögliche Folgeschäden wissen.

Was bedeutet das Cochlea Implantat nun für die Gehörlosenkultur? Auch darüber können wir heute nur spekulieren. Denn bisher gibt es in den Gehörlosenvereinen nur wenige erwachsene CI-Träger. Lassen Sie mich hier dennoch einige Hypothesen wagen:

1. Die Gehörlosenkultur wird das CI überleben!

Gehörlosenpädagogen, aber auch Mediziner und Vertreter der Technik haben schon oft das Ende der Gehörlosengemeinschaft und der Gebärdensprache prophezeit, z.B. mit der Einführung der reinen Lautsprachmethode, mit der verbesserten Hörgerätetechnik und der hörgerichteten Frühförderung, mit dem muttersprachlichen Ansatz usw. Die Gehörlosengemeinschaft hat all dies überdauert. Auch das Verbot der Gebärdensprache und die körperliche Züchtigung bei Zuwiderhandlung konnten die Gehörlosenkultur ebenso wenig zerstören wie Zwangssterilisation und Zwangsabtreibungen bei Gehörlosen durch die Nazis.

Gehörlose hat es zu allen Zeiten gegeben, und es wird sie immer geben, auch wenn sie von Medizinern und Pädagogen zu "Resthörigen", an "Taubheit grenzend Schwerhörigen" oder eben zu Cochlea-Implantierten gemacht werden.

Menschen, denen bereits vor Spracherwerb der Hörsinn fehlt, bzw. die nur eine stark eingeschränkte Hörfähigkeit haben, entwickeln alternative, visuelle, Wahrnehmungsstrategien, und spüren, dass die Gebärdensprache ihnen die Möglichkeit einer umfassenden und entspannten Kommunikation bietet. Darüber hinaus schätzen sie die ebenfalls visuell ausgerichtete Gehörlosenkultur mit ihren besonderen Umgangsformen, dem Vereinsleben und Veranstaltungen wie Gehörlosentheater, Erzählwettbewerben, Gebärdensprachpoesie usw.

Unabhängig vom Grad der Beherrschung der Laut- und Schriftsprache sind Gehörlose und hochgradig Hörgeschädigte in der Gemeinschaft mit Hörenden nie zu 100% integriert, und vor allem ist ihre Teilhabe immer mit persönlichen Anstrengungen für eine gelingende Kommunikation verbunden. Deshalb wird die Gebärdensprachgemeinschaft für Gehörlose mit und ohne CI auch in Zukunft eine wichtiger soziokultureller Rückhalt sein, den sie nicht missen möchten.

Vor diesem Hintergrund möchte ich auch einmal folgendes klarstellen:

Erwachsene Gehörlose und ihre Verbände stehen dem Cochlea Implantat nicht deshalb kritisch gegenüber, weil sie Angst vor Mitgliederschwund oder dem Verfall der Gehörlosenkultur haben. Vielmehr wissen sie aus eigener Erfahrung um die besondere Bedeutung von Gebärdensprache und Gehörlosengemeinschaft für die Erziehung und Bildung gehörloser Kinder.

2. Die Zugehörigkeit zur Gebärdensprachgemeinschaft ist weitgehend unabhängig vom Hörstatus bzw. der Kompensation durch Hörhilfen

Viele junge Schwerhörige wurden auf dem Schulhof bewusst von den gehörlosen Kindern getrennt, und es wurde ihnen eingeredet, dass sie keine Gebärdensprache bräuchten, weil sie ja gut hören und sprechen könnten. Dennoch finden sich viele (hochgradig) schwerhörige Erwachsene heute in den Gehörlosenvereinen wieder bzw. haben gehörlose Partner und Freunde. Einige Gründe dafür habe ich schon genannt.

Übrigens machen Hörgeräte oder Hörprothesen aus einem gehörlosen/ hörgeschädigten Mensch keinen "Hörenden". Denn die Hörqualität ist nur eingeschränkt und von einem "Apparat" abhängig. Wenn die Batterie leer oder das Gerät defekt ist, geht plötzlich nichts mehr. Auch kann die Hörhilfe in vielen Lebenssituationen nicht getragen werden bzw. wäre äußerst unpraktisch, z.B. beim Sport, beim Einschlafen, Schlafen und Aufwachen, beim Duschen/Baden und Schwimmen, bei der Sexualität. Spätestens in diesen Momenten wird auch der Umwelt deutlich, mit wem sie es zu tun haben: mit einem tauben Menschen.

Die Gehörlosengemeinschaft fragt nicht nach dem Hörstatus, sondern nach der Zugehörigkeit zur sozialen Gruppe. Verbindendes Element ist hier die Gebärdensprache. Auch das soziale/politische/kulturelle Engagement für die Gemeinschaft sowie der Kontakt zu anderen Mitgliedern sind entscheidend. Die "Gehörlosen"gemeinschaft wird daher auch als Gebärdensprachgemeinschaft bezeichnet, zu der neben Schwerhörigen, Ertaubten und CI-Trägern auch Hörende gehören können, die die Gebärdensprache benutzen (z.B. Kinder/Angehörige Gehörloser, hörende Freunde und Menschen, die beruflich mit Gehörlosen zu tun haben).

Der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. hat diesem Umstand Rechnung getragen und seiner Satzung eine Präambel vorangestellt, die die besondere Bedeutung der Gebärdensprachgemeinschaft hervorhebt. Und er nennt sich im Untertitel nun: "Interessenvertretung der Gehörlosen und anderen Hörgeschädigten in Deutschland".

3. Die Integrationsfähigkeit der Gebärdensprachgemeinschaft hat auch Grenzen

Aus These 2 ergibt sich, dass die Gehörlosengemeinschaft grundsätzlich bereit ist, auch CI-Träger in ihren Reihen aufzunehmen. Voraussetzung dafür ist aber immer die Beherrschung der Gebärdensprache und eine Identifikation mit der Gehörlosenkultur!

Ausdrücklich warnen möchte ich vor der Vorstellung, dass die Gehörlosengemeinschaft eine Art "Auffangbecken" für diejenige Gehörlosen sein kann, bei denen Cochlea-Implantation und rein lautsprachliche Förderung nicht erfolgreich waren. Denn eine altersgemäße sprachliche und psychosoziale Entwicklung kann nach Verstreichen der kritischen Phase auch mittels Gebärdensprache nicht mehr erreicht werden.

Nicht zuletzt durch die gesetzliche Anerkennung der Gebärdensprache und ihre verstärkte Anwendung in Bildung und Medien entwickeln sich Gebärdensprache und Gehörlosenkultur ständig weiter. Sie werden noch vielfältiger und differenzierter. Umso schwerer wird es für einseitig lautsprachlich geförderte CI-Träger werden, später Anschluss an diese Gemeinschaft mit ihren Werten und Normen zu finden.

Es kann sein, dass sich rein lautsprachlich geförderte CI-Kinder mit zufrieden stellender kommunikativer und sozialer Entwicklung später außerhalb der Hörgeschädigtengemeinschaft bewegen werden. Oder sie finden Anschluss im Deutschen Schwerhörigenbund bzw. bilden eine eigenständige Gruppe.

Ich sehe allerdings auch die große Gefahr, dass eine nicht unerhebliche Zahl von Betroffenen mit ihrer Situation unzufrieden sein und "zwischen allen Stühlen sitzen" wird.

Gerlinde Gerkens

Fazit nach der Diskussion:

Wir wissen heute noch viel zu wenig über das spätere Leben cochlear-implantierter gehörloser Kinder. Deshalb sollten wir uns vor jeder Entscheidung für oder gegen die Operation fragen, welche Auswirkungen das Implantat, die damit verbundenen Erwartungen und der gewählte Förderweg haben können.

Vor allem aber sollten wir allen hochgradig hörgeschädigten Kindern eine breite und ganzheitliche Förderung ermöglichen. Die Einbeziehung erwachsener Hörgeschädigter, der Gebrauch der Gebärdensprache und/oder visueller Kommunikationshilfen zusätzlich zur Laut- und Schriftsprachförderung sowie die Gemeinschaft mit anderen hörgeschädigten Kindern scheinen mir wesentliche Aspekte zu sein, um möglichen Fehlentwicklungen vorzubeugen.

Besonders die Auseinandersetzung mit der eigenen Gehörlosigkeit und dem breiten Spektrum der verschiedenen Kommunikationsmöglichkeiten und -hilfen dürfen nicht zu kurz kommen. Dazu gehören immer auch die Beherrschung der Gebärdensprache und Sicherheit im Umgang mit Dolmetschern.

So wie es niemals wirklich um die Polarität "Lautsprache oder Gebärdensprache" ging, sollten wir auch nicht über "Cochlea-Implantation oder Gehörlosenkultur" streiten. Betroffene Eltern wollen für ihr Kind immer das Beste und das ist im Zweifelsfall wohl "das Beste aus zwei Welten".

Die Elternberatung und Förderung gehörloser Kinder (gerade auch von CI-Kindern) ist aus Sicht der Deutschen Gehörlosen-Bundes bisher oftmals zu einseitig verlaufen. Vor allem wurden viel zu selten gehörlose Fachleute einbezogen, die Eltern und Kindern die Angst vor der "Behinderung" nehmen könnten.

Die Gehörlosengemeinschaft hat viele Ressourcen, mit denen sie zur bestmöglichen Förderung gehörloser/hörgeschädigter Kinder beitragen kann. Neben dem kritischen Blickwinkel der Betroffenen sind dies vor allem die Gebärdensprache und die Förderung der Sozialisation durch die Gehörlosenkultur.

In einer nächsten gemeinsamen Diskussion sollten wir einmal genauer thematisieren, was die Gehörlosenkultur für gehörlose Kinder mit und ohne CI leisten kann.

Gerlinde Gerkens

 

 
 
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