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God Almighty, you still forgot me...

von Thomas Mitterhuber (gl) 20.11.2002

Ja, der Allmächtige hat uns immer noch vergessen. Wir Gehörlosen sind immer noch keine vollwertigen Mitglieder der Gesellschaft. Wir sind immer noch eine zu bemitleidende, wenn nicht ungeachtete Minderheit. Von manchen zurückgewiesen, von manchen als Stümper oder Halbaffen angesehen. Obwohl dies manchmal auch zutreffen mag - ja, ich sehe manche Gehörlose als unhöflich, als minder fähig, sich in der Gesellschaft mit einem akzeptablen Verhaltensrepertoire zu bewegen - meine ich, sie trifft nicht unbedingt die Hauptschuld. Wer sollte dann schuld daran sein? Die Eltern? Die Pädagogen? Die Mediziner? Oder ergibt diese Diskussion keinen Sinn, weil es hier und da genug (nichtgehörlose) Leute gibt, die ebenfalls nicht das volle Ansehen der Gesellschaft haben? Fangen wir trotzdem bei den Eltern an. Sie sind ja schließlich die Menschen, die dem Kind am nächsten stehen. Sie haben die Chance, die Entwicklung ihrer Sprösslinge, besonders in den frühen Jahren massiv zu beeinflussen. Hätten sie sich mehr anstrengen sollen, wenn sie das Beste für ihre Kinder wollten? Dürfen wir ihnen die Schuld zuschieben? Nun, ja... heutzutage kümmern sich nicht mehr viele (hörende wie gehörlose) Eltern um ihren Nachwuchs. Sie sehen vielmehr die Schule als Stätte der Bildung und der Erziehung. Die Pädagogen haben also bereits die Doppelfunktion aufgetragen bekommen - als Lehrer und als Erzieher. Das überfordert sie selbstverständlich. Ob die gesetzten Ziele der Schulpädagogik noch optimal erreicht werden können, ist selbstverständlich fraglich. Ich denke sowieso, nähmen die Eltern den Lehrern einiges an Arbeit ab, könnte das gar nicht schaden. Doch das wäre ein Appell an alle Eltern. Und dieser Appell würde den Rahmen dieses Textes sprengen.

Gehen wir deshalb nun zu Kandidat Numero 2: die Pädagogen. Welchen Sinn hat die Pädagogik eigentlich? Mal allgemein gesehen, würde ich annehmen: die Pädagogik dient dazu, den jungen Menschen Grundhaltungen (Normen, Sitten, usw.) und Grundkompetenzen (Sprache, Bildung, usw.) zu vermitteln und ihnen somit eine gute Lebensführung zu ermöglichen.

Aufgrund der gravierenden Bildungsdefizite, woran viele Gehörlose manchmal unbemerkt leiden, aufgrund ihres allgemein niedrigeren gesellschaftlichen Status und aufgrund der Hilflosigkeit, der Ratlosigkeit, die manche Gehörlose im Regen stehen lässt, darf ich mir die Aussage, die Gehörlosenpädagogik habe bisher ihre Ziele verfehlt, erlauben. Oder hat sie denn ganz andere Ziele als die "normale" Pädagogik? Ich finde, sie sollte dieselben Ziele haben: den Kindern eine gute Lebensführung ermöglichen. Was ich unter "gut" verstehe? Gut, man soll sich gesellschaftlich korrekt unter den Leuten bewegen können; man soll sein Wissen selbstständig erweitern können, d.h. fähig dazu sein, Literatur und Zeitung zu lesen und neues Wissen zu verarbeiten; man soll die eigenen Rechte kennen und durchsetzen können.

Was ich damit klarmachen möchte ist, dass das Artikulieren nicht oberstes Ziel der Gehörlosenpädagogik sein darf. Noch heute ist das Sprechen zu wichtig. Manchen Pädagogen genügt es wohl, wenn das gehörlose Kind Sätze richtig aussprechen kann. Wenn nicht, dann muss eben mehr Zeit für das Ausfeilen der Stimmchen herhalten - kostbarste Zeit, die man für wichtigere Dinge nutzen könnte, wie z.B. für die Wissens- oder Normenvermittlung. Übrigens: die Lautsprache kann nicht von allen gehörlosen Kindern verstanden, wenn nicht wahrgenommen werden.

Trotzdem haben viele Konzepte der Gehörlosenpädagogik seit Jahrzehnten kaum einen Umbruch gefunden - ungeachtet der vielen Gehörlosen, die nun ihrem (oft recht einfachen) Beruf nachgehen und "Ja, Chef!" richtig aussprechen können, sich aber im Wörterlabyrinth vieler Zeitungen verlieren. Was war dann noch mal der Zweck des Sprechtrainings, wenn er die Zeitung nicht versteht und wohl auch keine vernünftige Diskussion vollbringt? Zweifelsohne gibt es aber auch Lichtgestalten, die den Durchbruch schafften, aber: Sind es wirklich genug, um jene lautsprachlich orientierten Konzepte als erfolgreich bezeichnen zu dürfen?

Ich würde es als die "Ohnmacht der Gehörlosenpädagogik" bezeichnen. Ich verstehe gar nicht (und ich werde schon ärgerlich), dass viele Pädagogen Jahr für Jahr zusehen, wie ein Großteil der gehörlosen Schüler immer noch relativ unvorbereitet ins Alltagsleben entlassen wird und dennoch nicht viel dagegen getan wird. Ja ja, manche Lehrer zeigen beharrlich auf jene Lichtgestalten. Wär das nicht eine neillistische1) Erwartungshaltung? "Die guten Beispiele, die werden mir schon in den Schoß fallen" Und die Vielzahl der Schattengestalten wird weiterhin gar nicht beachtet... Doch es gibt neben den Pädagogen auch weitere Schuldige. Kandidat Numero 3: die Medizinmänner.

Wohl wollen die meisten, dem hippokratischen Eid nicht mehr folgenden HNO-Heilkünstler immer wieder prophezeien, das CI wäre des Rätsels einzige Lösung und erzählen fast nur theoretischen Krimskrams. Bei den Eltern besteht dann natürlich Hoffnung, ihr Kind mal sprechen zu hören, denn sie sind oft nur ungenügend darüber informiert, dass bei Gehörlosen gutes Sprechen nicht unbedingt mit Intelligenz zu tun hat. Hier wird der Wunsch der Eltern, das Kind als vollwertigen Menschen zu sehen, und das fehlende Wissen über die Gehörlosen von den Ärzten oft schamlos ausgenutzt. Es gibt kaum Statistiken, die den positiven Effekt lautsprachlich-auditiv orientierter Erziehung beweisen. Ich meine: keiner kann die Tatsache abstreiten, dass bei vielen Gehörlosen jene Erziehung fehlgeschlagen ist, wenn man die Intelligenz und ihren sozialen Rang einkalkuliert. Die Halbgötter in Weiß bläuen den Eltern das Sprechen als oberstes Ziel ein, nicht das Menschsein überhaupt. Und wieso, Gott verdammt noch mal, haben sie ihre Finger in der Gehörlosenpädagogik? Sehen sie sich denn dazu auserkoren, die Gehörlosigkeit aus Mutter Erde zu verbannen? Solange sie nicht viel Ahnung von den Gehörlosen haben und nicht über deren bestmögliche Ausbildungsmethoden im Hinblick auf das Menschwerden Bescheid wissen, sollten sie sich da raushalten. Doch noch einmal zurück zur pädagogischen Abteilung.

Wohl fehlt der Mut zu einer Revolution. Wartet die Gehörlosenpädagogik immer noch auf das optimale Konzept? Auf Kosten der gehörlosen Kinder weiterer Jahrzehnte? Nein, das darf nicht so weiter gehen! Es darf doch kein Erstaunen auslösen, wenn Eltern vom erbärmlichen System der hiesigen Gehörlosenpädagogik abgeschreckt werden und technische "Notlösungen" bevorzugen; sprich: ihre Kinder bekommen Implantate. Und kommen gar nicht auf Gehörlosenschulen.

Möchte die Gehörlosenpädagogik eine ernstzunehmende, gute Alternative zu den Implantaten werden, so muss sie schleunigst reagieren. Ein gutes Bildungsniveau muss angestrebt werden. Die Kommunikation muss frisiert werden. Hierfür müssen eben laut-, aber nicht schriftsprachliche Einbußen herhalten. Was ich vorschlage: die Gebärdensprache soll als Primärsprache verwendet werden. Die Lautsprache aber soll hier noch einen gewissen Wert bekommen. Sie ist schließlich das Bindeglied zur Schriftsprache. Außerdem muss dann der gehörlose Mensch nicht immer zu Pen & Paper greifen, wenn er einigermaßen gut sprechen kann. Ja, das gehörlose Kind soll Sprechtraining bekommen. Aber Vorrang muss sicherlich die Wissens- und Normenvermittlung genießen.

Im Detail: die Frühförderung soll die Aufgabe, die Eltern auf die zweisprachige Erziehung vorzubereiten, aufgetragen bekommen. Die Vorschulkinder sollen primär in der Gebärdensprache kommunizieren. Nebenbei sollen sie im (Ab)Lesen eingeübt werden, was selbstverständlich eine gute Basis für die Schriftsprache hervorbringt. Geschichten in Textform werden gemeinsam gelesen und in Gebärdensprache übersetzt. So lernt das Kind, die Gebärden- von der Lautsprache zu unterscheiden. Wenn hier aber manche aufschreien, dass hörende Eltern erst die Gebärdensprache erlernen müssen, dann weise ich darauf hin, dass sich die Eltern nach einer CI-Operation ebenfalls um eine gute Lautsprachkompetenz bemühen und mit ihren Kindern sprechen üben müssen.

Wenn die Kinder die Gebärdensprache als Muttersprache beherrschen, mit der sie ihre Gedanken, ihre Eindrücke und ihre Wünsche ausdrücken können, dann sind sie fähig dazu, eine Zweitsprache zu erlernen. Die angeblich renommierteste Spracherwerbsforscherin Deutschlands hat bereits einleuchtend gesagt, dass "man mit der Zweisprachigkeit gar nicht verlieren könne" und dass eher ein "Schaden für die intellektuelle und soziale Entwicklung möglich wäre, wenn ein kleines Kind zu lange kein voll funktionierendes Symbolsystem" beherrsche. 2)

Betritt das Kind die Schule, so soll die Inhaltsvermittlung vorwiegend in der Gebärdensprache erfolgen. Doch sollen die Kinder auch Unterricht in der Schriftsprache bekommen. Selbstverständlich muss die Artikulation der Kinder in einigen Extrastunden pro Woche geschult werden, jedoch nicht in der regulären Unterrichtszeit.

Ja, es hat hier und da in Deutschland Modellversuche zum bilingualen Unterricht gegeben, die nicht ganz einschlugen oder nicht weiterhin gefördert wurden. Doch wäre das nicht Grund dazu, sich die Mühe zu machen, das Beste für das gehörlose Kind zu geben und die Konzepte weiterzuentwickeln? Und nicht gleich jene Ideen über Bord zu werfen und am uralten Konzept festzuhalten. Die Technik schreitet rasant schnell voran und wir müssen eben mithalten - da heißt es nichts anderes als Modernisierung. Es gibt schließlich auch das Gegenstück zum technischen Fortschritt: den sozialen Fortschritt.

Gelänge uns das, müssten wir nicht mehr bei unserem lieben Allmächtigen Vater am Gewand zupfen, um endlich in seinen Kreis zu kommen. Amen.

Thomas Mitterhuber

Kontakt mit dem Autor

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1) Alexander S. Neill (1883-1973); Gründer der Summerhillschule; lehnte die "klassische" Pädagogik ab und ließ den Kindern absoluten Freiraum

2) Prof. Dr. Gisela Szagun; Autorin des Buches "Wie Sprache entsteht" Die Zitate in diesem Text sind aus ihren Interviews in www.kestner.de entnommen worden

 

 
 
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