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Restgruppe Mehrfachbehinderter?

Direktor Jacobs untragbar für das Berufsbildungszentrum für Hörgeschädigte in Stegen

Jacobs / Kestner 28.08.2001

Eine Casting -Firma in Köln sucht für einen Tatort gehörlose Darsteller, was liegt also näher als an Hörgeschädigten Schulen und Berufsbildungszentren zu schreiben und nach talentierten jungen Menschen zu fragen.

Doch welche Antwort kommt von Herrn Jacobs vom BBZ Stegen?

Sehr geehrte Damen und Herren,

zu Ihrem Fax vom 13.07.2001 bezüglich der Besetzung mit gehörlosen bzw. schwerhörigen Schauspielern darf ich Ihnen mitteilen, dass wir Ihnen keine konkreten Personen benennen können, weil der Anteil gebärdenkompetenter Hörgeschädigter sehr gering ist und im Laufe der Jahre auf Grund der medizinischen und technischen sowie pädagogischen Entwicklung auf eine Restgruppe Mehrfachbehinderter geschrumpft sein wird. Ich empfehle Ihnen deshalb, sich an den Deutschen Gehörlosenbund, Paradeplatz 3, 24768 Rendsburg, Fax: 04331/589745 zu wenden. Erlauben Sie mir die Bemerkung, dass Schwerhörige grundsätzlich, Gehörlose in der Regel, lautsprachlich in unserer guthörenden Gesellschaft kommunizieren und die Vermittlung der deutschen Laut- und Schriftsprache Ziel der Schulen für Hörgeschädigte ist. Sie werden deshalb in der Zukunft nur noch wenige Kinder und Schüler finden, die eine der deutschen Sprache auch vergleichbare Gebärdenkompetenz besitzen. Vielleicht überlegen Sie bei Ihren Besetzungen, Gebärdendolmetscher einzusetzen, weil sie inder Regel als Guthörende sowohl die deutsche Lautsprache beherrschen, auf Grund ihrer Ausbildung aber auch eine sehr gute und hohe Gebärdenkompetenz haben, die viele erwachsene Gehörlose nicht besitzen. Für Ihre Bemühungen wünsche ich Ihnen viel Erfolg.

Jacobs

hoeren@bbzstegen.de

 

Kommentar Karin Kestner:

Dieses menschenverachtende Schreiben stammt von einem Direktor, der seit vielen Jahren für Hörgeschädigte arbeitet. Für ihn sind gebärdensprachlich - kommunizierende Kinder, die keine Lautsprache erlernen können, mehrfach behindert? Geistig nicht in der Lage Lautsprache zu lernen? Er setzt auf technische und medizinische Hilfsmittel, um aus Gehörlosen gut Hörende zu machen? Wie? Cochlea Implantat rein und schon sind die Kleinen an die hörende Welt anzupassen, sprechen wie die Papageien? Ist das der neue pädagogische Ansatz? So einfach ist es nicht, wird es nie sein. Die schlimmen Folgen der hörgerichteten Erziehung werden die heute schon als Baby Operierten tragen müssen. - Weder Laut- noch Gebärdensprache beherrschend, wie viele Gehörlose in Deutschland, die unter der einseitigen Erziehung hin zur hörenden Welt, noch heute leiden.

Ziel, so schreibt er, für alle Hörgeschädigten Schulen sei es, den Kindern die Laut- und Schriftsprache beizubringen? Mit solchen Äußerungen schreitet er mit weiten Schritten an der Realität vorbei, zieht andere Schulen, die sich auf die Fahne geschrieben haben, hörgeschädigten Kindern Wissen und nicht nur Lautsprache zu vermitteln, in den Dreck. Sein Auftrag und der Auftrag jeder Schule ist es Bildung zu vermitteln und nicht Logopäde zu spielen, nur weil es anscheinend nicht ins Weltbild passt, dass es Menschen wie Gehörlose gibt, für die die Gebärdensprache und nicht die Lautsprache das wichtigste im Leben ist! Sie erlaubt Kommunikation unter Gehörlosen und Schwerhörigen und Kommunikation mit vielen Tausend Anderen, die jährlich Kurse besuchen, um die "schönste Sprache der Welt" zu lernen.

Jahrzehnte wurden Gehörlose mit der Lautsprache traktiert, die meisten lernten sie nur unzureichend. Für Jedermann ist es verständlich, denn wenn Lautsprache nicht über das Gehör wahrnehmbar ist, kann man Lautsprache nur schwer erlernen. Nur anscheinend versteht eben dieser Direktor das nicht. Er, gerade er, sollte in den vielen Jahren seiner beruflichen Laufbahn, das schlechte Niveau der Schulabgänger seiner Schule mitbekommen haben, oder er war geblendet durch die paar verständlichen Worte der Kinder. Die Gebärdensprache verfügt über alles was eine Sprache benötigt, über eine Grammatik und Regeln, ein Lexikon, wie jede andere Sprache auch, mit ihr kann den Gehörlosen Bildung und Selbstbewusstsein vermittelt werden. Dass manche Gehörlose nicht die Gebärdenkompetenz haben, die sie hätten erringen können, liegt an der falschen und diskriminierenden Pädagogik und solchen Pädagogen wie diesem Herrn Jacobs. Solche Menschen, mit solch einer Einstellung, in einer staatlichen Lehranstalt zu belassen, ist verantwortungslos bis kriminell.

Ein Dolmetscher würde es sich nie anmaßen einen Gehörlosen in einem Film zu spielen, nur weil er die Sprache beherrscht. Die Gehörlosigkeit beinhaltet viel mehr, eine Kultur, die sich über Jahrhunderte der Unterdrückung und des Kampfes gebildet hat. So eine Rolle kann nur von Gehörlosen verkörpert werden.

Gut zu wissen, dass immer mehr Hörgeschädigte den Sprung in die Universitäten geschafft haben, Hörgeschädigtenpädagogik und anderes studieren mit Dolmetschern und Gebärdensprache. Gut zu wissen, dass für solch einen Menschen wie Herrn Jacobs bald kein Platz mehr sein wird. Solch ein Mensch, mit so einer Einstellung, ist untragbar, nicht nur in dem BBZ Stegen, sondern in unserer ganzen Gesellschaft.

Karin Kestner

Die Entschuldigung von Herrn Jacobs

 
 
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