An:
news and pictures Fernsehen GmbH
Redaktion Planetopia z. Hd. Frau Düssel
Otto-Schott-Str. 9
55127 Mainz
Frankfurt am Main, 27.02. 2001
Sehr geehrte Frau Düssel,
wie möchten uns herzlich für den mutigen und kritischen Film betreffs Cochlea-Implant bedanken. Schon lange warten wir auf einen Film, welcher das CI als eine Möglichkeit unter vielen zeigt, hörgeschädigte Kinder zur Lautsprache zu führen. Dies mag in Fällen der Spätertaubung (nach dem Lautspracherwerb) auch sinnvoll sein, ist jedoch im Fall eines vor dem Spracherwerb ertaubten Kindes sehr kritisch zu beurteilen.
Entgegen der Praxis in anderen europäischen Ländern bedeutet die Implantation eines CI`s in Deutschland für die Kinder Gebärdensprachverbot. Während in den skandinavischen Ländern, der Schweiz Australien und den USA den Eltern von der HNO-Medizin empfohlen wird, zusätzlich Gebärdensprache anzuwenden, ist dies in Deutschland verpönt. Hier gilt, wenn das gehörlose Kind aural/oral erzogen wird, darf die Gebärdensprache nicht eingesetzt werden. Erst im späteren Lebensalter, ab der Pubertät, wird den Kindern die Gebärdensprache zugestanden.
Dies hat in den meisten Fällen schwerwiegende Folgen: Isolation fast unlösbare Identitätskrisen, Sprachverarmung, psychische Schäden. Wir kennen aus unserem Alltag diese Hörgeschädigten, die nur mit großen beidseitigen Anstrengungen in Gehörlosengemeinschaften einzugliedern sind. Viele sind zu echten sozialen Kontakten nicht fähig, da sie zu stark oder ausschließlich auf ihre Hörschädigung fixiert sind und weder bei den Hörenden noch in der Gebärdensprachgemeinschaft heimisch werden können.
Der hörgeschädigte Mensch ist nicht nur über sein defizitäres Gehör zu verstehen, er ist in erster Linie Mensch, der eigentlich nur zum Behinderten wird, weil er eine andere Kommunikationsart (Gebärdensprache hat.
Eine bilinguale Erziehung hörgeschädigter Kinder (in Laut- und Gebärdensprache) in welcher beide Sprachen gleichberechtigt nebeneinander existieren, ist zwar in vielen Ländern üblich, nur leider nicht in Deutschland. Hier müssen sich die Eltern zu einem Zeitpunkt für ein CI entscheiden, bei welchem sie noch keine Vorstellung von den Folgen dieser Entscheidung haben. Immer noch gibt es in Deutschland ergebnisoffene Beratung für Eltern mit hörgeschädigten Kindern.
Ihr Filmbeitrag über das CI hat hier erfreulicherweise Eltern hörgeschädigter Kinder darauf hingewiesen, dass betroffene Eltern mehr brauchen als Technik.
Wie gebärdete Frau Kestner am Ende des Films?
"Gehörlose Kinder brauchen Gebärdensprache."
So ist es.
Mit freundlichen Grüßen
Christina Kubczak (Sozialpädagogin)
Daniela Happ (Linguistin gl)
Elke Menges (Linguistin-Studentin gl)
Sabine Voss (Gebärdensprachdolmetscherin)
Sabine Schall (Linguistin)
und weitere...