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Tönt das Martinshorn im Ohr, ist der Notfall erledigt

Im Cochlear-Implant-Centrum Rhein-Main in Friedberg lernen Gehörlose hören / Erweiterung im Frühjahr 

Anke Springer, Frankfurter Rundschau 21.08.2001

FRIEDBERG. Niemand freut sich mehr über den Baulärm als die Bewohner von Haus 7/8. Denn wer zu dem gelben, gesichtslosen Block in der Homburger Straße 20 kommt, ist dankbar für jedes Geräusch. Auf dem Gelände der Johannes-Vatter-Schule für Hörgeschädigte in Friedberg (Wetteraukreis) liegt das zweitgrößte "Cochlear-Implant-Centrum" (CIC) Deutschlands. Im vierten Stock unterrichtet das geschulte Personal selbst während der Sommerferien. Höranfänger bekommen kein Hitzefrei - nicht mal Säuglinge. Wie bitte? Richtig gehört, äh gelesen: Mancher der Patienten hat noch nicht mal den Kindergarten besucht, bevor er seine erste Schulstunde in der Rehabilitationseinrichtung für Gehörlose nimmt.

Wer mit dem Kinderwagen vorfährt, verzichtet nur ungern auf die Eltern am Steuer. Das Therapiezentrum bucht deshalb auf Wunsch für seine Patienten auch ein Doppelzimmer. Eine Woche lang logiert die Familie in einem der Gästezimmer, tägliche Hör-Nachhilfe inbegriffen. Lektion Nummer eins: Immer wenn ein Ton erklingt, den Stein in eine Dose werfen, bitte. Ob der kleine Robin das so genau verstanden hat? Wenn seine Mutter das wüsste. Im November wird der Junge drei, da lässt man sich auf so einen Handel noch nicht so leicht ein. Schon ein Augenaufschlag genügt den Audiologen als Reaktion, sagt Sabine Ruth aus Erlensee bei Hanau.

Ohne das kaum daumengroße Gerät in seinem Kopf hätte er womöglich nicht mal mit der Wimper gezuckt. Es heißt Cochlear-Implant (CI) und wird in der Frankfurter Uniklinik operativ ins Knochenbett eingesetzt. Viel zu sehen ist deshalb nicht - dafür aber um so mehr zu hören. Das Titan- oder Keramik-Implantat ersetzt die Hörschnecke, lateinisch Cochlea.

Robin reagiert nun, wenn seine Mutter "klatscht und pfeift". Das "ruhige, ausgeglichene" Kind ist kontaktfreudiger geworden. "Mama." Sabine Ruth wird bei den Bausteinen verlangt. Zwischen den Therapiesitzungen spielen die Kinder und Jugendlichen im Aufenthaltsraum.

Im Fernsehen läuft ein Film ohne Werbepausen. Regie: Barbara Bumann. Die Hör-Sprach-Therapeutin spielt mit der siebenjährigen Laura Lotto. Gleichzeitig läuft eine Kamera mit. Anneliese Rott sieht ihre Tochter am Bildschirm. Big Mother is watching you. Einmal täglich geht es auf Sendung - nachmittags. Beim Morgenkreis treffen sich alle 12 Patienten, singen oder spitzen die Ohren, wenn ein kleines Säckchen geheimnisvolle Geräusche von sich gibt: "Tatütata." Wer das hört, ist kein Notfall mehr. Das Implantat funktioniert.

Was aber, wenn die Musik plötzlich nicht mehr klingt, sondern die Bässe nur noch im Magen vibrieren? Das CIC Rhein-Main hilft weiter. Der kleine Jonas kommt mit seinen Eltern in den dritten Stock, weil der Empfang seiner Hörprothese gestört ist. Die Hotline zum Therapiezentrum reißt nie ab. Bei Anruf gibt es einen Termin. 365 Tage im Jahr justiert das CIC den Sprachprozessor - auch an Heiligabend.

Es ist schon vorgekommen, dass Patienten an Weihnachten zwei Stunden Fahrtzeit in Kauf nahmen, "nur um ein Kabel auszutauschen", schildert Professor Gottfried Diller. Das kann sich keiner aussuchen: "Jedes technische Teil unterliegt einem Verschleiß", sagt der Leiter des CIC, "selbst ein Mercedes 600 geht einmal kaputt". Der Vergleich kommt nicht von ungefähr: "40000 Mark kostet allein das Implantat", berichtet der Mediziner, "die Rehabilitation im Therapiezentrum noch mal so viel".

Die Krankenkassen übernehmen die Kosten, doch die Verantwortung liegt bei den Eltern. Nicht alle stimmen der Operation am Kopf bedenkenlos zu. "Das Risiko ist nicht größer als bei einer Mandeloperation", sagt Gottfried Diller. Anneliese Rott zögerte trotzdem. "Das Kind fällt hin und dann muss reimplantiert werden." Heute denkt sie: "Hätten wir es nur schon früher gemacht. Mit dem CI hört Laura viel besser."

230 Kinder hat das CIC Rhein-Main seit seiner Eröffnung im März 1995 therapiert. "Es ist sehr eng hier", sagt Gottfried Diller. Den kleinen Besprechungs- und Aufenthaltsraum fürs Personal teilen sich zwölf Mitarbeiter: Logopäde, Psychologe, Audiologe und, und, und. Wenn alle da sind, wird die Luft dünn. Ein kleiner Trost hängt deshalb schon an der Wand: der Entwurf für den Neubau. Der Diplom-Ingenieur Rolf Kleer aus Ortenberg teilt über 2500 Quadratmeter für Verwaltung, Therapie und Wohnen neu auf. Im kommenden Jahr heben die Bagger das Fundament für den U-Bau aus: "Wir hoffen sehr im Frühling", sagt der Leiter der Einrichtung. 5,6 Millionen Mark verschlingt das Projekt bis das CIC Rhein-Main in die neuen Räume umzieht.

Von seinem jetzigen Büro kann Gottfried Diller die Bauarbeiten gut beobachten - und hören. Fragt sich bloß, ob er sich darüber dann genauso freut wie die Bewohner im vierten Stock.

 

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Dokument erstellt am 20.08.2001 um 23:58:22 Uhr

Erscheinungsdatum 21.08.2001

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