Seit über 15 Jahren wird die Meldung verbreitet, dass das Cochlear Implantat helfen kann aus gehörlosen Kindern hörende zu machen. Mal abgesehen davon, dass es nicht stimmt. Gehörlose Kinder ob durch Unfall, durch Meningitis oder gehörlos geboren, bleiben ihr Leben lang gehörlos! Bewusst wird den Eltern verschwiegen, welch gravierende negativen Folgen das Cochlear Implantat in medizinischer, technischer und psychischer Hinsicht nach sich ziehen kann.
Die Operationsrisiken werden heruntergespielt, nahezu verniedlicht. Eine unter Vollnarkose in dem dem Gehirn nahe liegenden Bereich des Kopfes ausgeführte Operation, Ausfräsen des Schädels bei kleinen Kindern bis an die harte Hirnhaut heran ist keine leichte und einfach auszuführende OP! Operationen in diesem Bereich bedeuten, dass der Geschmacksinn verloren, der Gesichtsnerv geschädigt werden kann. An der Elektrode können postoperativ durch das Mittelohr Keime aufsteigen und eine Hirnhautentzündung hervorrufen.
Gerade bei ertaubten Kindern nach Meningitis gibt es besondere Gefahren, welche bei hinreichender und auch Journalisten zumutbaren Recherche herauszufinden gewesen wären. Das Innenohr verknöchert nach der Meningitis, deshalb wird bei Meningitis-Patienten auf eine schnelle Operation gedrängt, Aber das Innenohr verknöchert auch postoperativ weiter, umschließt die eingeführte Elektrode; diese kann derart verwachsen, dass ein Herausoperieren des Implantates bei Defekt desselben das Innenohr zerstören kann (immerhin liegt die Reimplantationsrate schon über 8 %, bei logischerweise steigender Tendenz bei vermehrter Eingriffshäufigkeit bei Kindern). Eine neue Implantation wäre dadurch nicht mehr möglich, das Kind bliebe auf diesem Ohr taub, trägt vielleicht das defekte Implantat ein Leben lang ohne Sinn mit sich herum, weil es nicht mehr zu entfernen ist.
Derartige Kinder sind weder in der hörenden noch in der gehörlosen Welt zu Hause, sie führen vielfach ein kulturelles Niemandsdasein! Da schon seit 5 Jahren dazu übergegangen wird, Kinder beidseitig zu implantieren, besonders bei Kindern nach Meningitis, kann sich jeder selbst ausmalen, was mit den Kindern in 10 oder 15 Jahren passieren kann.
Eine weitere Problematik spricht der Bericht überhaupt nicht an, dass nämlich vermehrt dazu übergegangen wird, auch Kinder mit einem Restschallhörvermögen oberhalb von 100 dB zu implantieren. Hierbei ist wissenschaftlich in keiner Weise abgesichert, dass das bestehende Resthörvermögen intakt bleibt. Folglich werden hier Menschen zu Hörkrüppeln operiert, bei denen dies gar nicht notwendig ist.
Und da vermeint ein Professor Lenarz, immerhin Ordinarius an der Medizinischen Hochschule in Hannover, behaupten zu müssen: «Wenn alle tauben Kinder rechtzeitig ein Implantat eingesetzt bekämen, müsste es in Zukunft keine tauben Kinder mehr geben.»
Schon die Begrifflichkeit, mit der hier operiert wird, ist entlarvend. Nach der Definition der Befürworter, zu denen sinnlogisch Lenarz gehört, kann es Gehörlosigkeit nicht mehr geben, da bloße Taubheit ja jederzeit reparabel ist.
Gehörlose Kinder wird es immer geben, sie bleiben auch nach einer Implantation taub. Sie bleiben taub, auch wenn manche tatsächlich durch das Implantat etwas an Geräuschen wahrnehmen können, einige wenige tatsächlich zur Sprache kommen. Nehmen die Kinder das Implantat ab, sind sie taub! Fällt das Implantat aus, sind die Kinder taub! Ist eine Reimplantation nicht mehr möglich sind die Kinder taub!
Mit den daraus erfolgenden Risikofolgenabschätzungen setzt sich die positiv bejahende Wissenschaft nicht nur nicht auseinander, sie negiert sie schlichtweg. Vielfach wird den Betroffenen ein Schuldvorwurf daraus gemacht, dass die Geräte nicht funktionieren, da sich die Implantierten nicht genügend bemüht hätten.
Auch der vorliegende Bericht hat mit ordentlicher journalistischer Recherche absolut nichts zu tun, sondern zeugt von geradezu beschämender Inkompetenz!
Es sollte allmählich genug sein mit der Bauernfängerei! Es reicht, immer wieder von nicht sachkundigen, inkompetenten oder unkritischen Journalisten lesen zu müssen, was ein Cochlear-Implantat angeblich alles schafft. Auch wenn ein Herr Prof. Lenarz es gerne hätte, dass es die Gehörlosen nicht mehr gibt, es wird immer Gehörlose geben, Kinder und Erwachsene und das ist auch gut so, stellt die gebärdende Gehörlosigkeit doch einen nicht zu vernachlässigenden Kulturansatz dar! Dringend erforderlich ist vielmehr eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik, die vor allem auch die Betroffenen selbst (demnach also auch insbesondere gehörlose Erwachsenen) intensiv in den Diskussionsprozess mit einschließen muss.
Baunatal/Kassel, den 06.11.2001 Karin Kestner/ Alexander Drewes