Hallo Joana
Also ich stelle mal meine Familie vor. Mein Mann ist hörend, da seine Eltern gehörlos sind, ist er mit der Gebärdensprache aufgewachsen. Stephanie ist 8 Jahre alt, sie hört normal und geht in die 2.Klasse Volksschule, bei ihr merkten wir von Anfang an, dass sie hört. Meine Große beherrscht beide Sprachen gleich gut. Die Kleine wird 16 Monate alt, bei ihr wussten wir lange nicht, ob sie hört, gehörlos ist oder schwerhörig, sie entwickelte sich ganz anders als ihre große Schwester. Wir lehnten einen Hörtest ab, weil wir von anderen Freunden erfahren haben, dass diese nicht einmal unter Narkose 100%tig sicher sind. Zum Beispiel wurde der Sohn eines befreundeten Ehepaares 3 mal unter Narkose untersucht, jedes Mal sagte der Arzt, dass die Diagnose so lautet: beidseitige Taubheit. Und dieser Junge ist jetzt 21/2 Jahre alt und hört normal, nicht auszudenken, was mit ihm passiert wäre, hätten sich die Eltern für ein CI entschieden.
Mittlerweile haben wir erkannt, dass Johanna auch hört, wenn sie auch kaum spricht! Sie bevorzugt die Gebärdensprache.
Ich bin gehörlos und in einer hörenden Familie aufgewachsen, habe eine GL Schule besucht, anschließend an einer "normalen" Mittelschule, als einzige GL. in der Klasse mit 40 Hörenden maturiert. Nach der Matura studierte ich an der Pädagogischen Akademie Lehramt, nun arbeite ich wieder als Lehrerin in einer Gehörlosenschule. Dass ich soweit vorangekommen bin, habe ich in erster Linie meinen Eltern zu verdanken. Sie haben mich so genommen wie ich bin und mich individuell gefördert. Damals, war es verpönt dass Eltern die GS lernten (ich bin jetzt 28 Jahre alt)- so versuchten meine Eltern mich besonders mit lesen zu fördern. Mein Vater gab mir oft Bücher und sagte: "Nun, das liest du jetzt, wenn du was nicht verstehst, fragst mich, oder schau im Wörterbuch nach. Und wenn du fertig bist erzählst du mir die Zusammenfassung". Und so lernte ich Bücher kennen und lieben und diese Liebe besteht noch heute.
Euere Stella ist noch zu klein, um Bücher zu lesen, aber wie ich sehe, lernt ihr auch die GS. Ich würde euch empfehlen Kinderbücher mit zu Gebärdensprachkursen zu nehmen und mit diesen Bildern und Geschichten Gebärden zu lernen- so könnt ihr mit Stella daheim auch Bücher anschauen und gebärden. Es ist wichtig sie visuell zu fördern. Man kann dies auch mit Video aufnehmen und dann immer wiederholen, je nach Bedarf, Lust und Laune.
Vielleicht kennt ihr eine gehörlose Person, die gerne 2mal oder mehrmals in der Woche für einige Stunden zu euch kommt, mit Stella gebärdet- das fördert ihre Identität und mit euch kann sie Schritt für Schritt in GS kommunizieren. Langsam, aber sicher, denn alles braucht Zeit.
Vielleicht kennt ihr Montessori Pädagogik, es gibt sehr viel Material, das sehr praktisch ist, ich weiß nicht ob man es sich in Deutschland auch ausborgen kann. Was Frühförderung betrifft, solange ein Betreuer die GS nicht kann, kann er das gl. Kind nicht wirklich fördern! Versucht einmal, eine gl. gebärdensprachkompetente Person zu finden, die mit Stella und euch arbeiten möchte, dies Möglichkeit muss es auch in Deutschland geben!
Ich hoffe, dass ich euch ein bisschen helfen konnte.
Ich möchte euch noch etwas schreiben, oft sagen mir verschiedene Personen, dass ich froh sein soll, dass meine Kinder hören. Ich schüttele dann nur den Kopf und erkläre ihnen, dass gehörlose Kinder genauso gesund sind, und wenn man sie nicht mit dem CI zu Dauerpatienten macht, werden sie ein genauso glückliches Leben führen, wie ich, immerhin bin ich auch gehörlos. Und man weiß nie was morgen ist, ich kenne genug Personen, die erst später ihr Gehör verloren haben!
Ich wünsche euch allen viel Spaß, die Gebärdensprache zu lernen, meine Eltern bereuen es immer wieder, sich damals nicht durchgesetzt zu haben, sie zu lernen, weil manchmal gibt es Situationen, wo ich dann einfach den Kopf weg drehe und nichts von den Lippen lesen will, in diesen Situationen wäre es ein großer Vorteil, die Gebärdensprache zu können.
Darum gebe ich meinen Mädchen meine Sprache mit, damit wir auch in schweren Zeiten miteinander "reden" können, ohne dass man sich missversteht, weil Lippenlesen allein nicht 100% wiedergeben kann.
Eurer Stella alles Liebe und Gute