Sehr geehrte Frau Kestner,
vielen Dank für Ihr Schreiben vom 24. September 2001 an Herrn Bürgermeister Dr. Scherf, in dem Sie die Informationstagung zum Cochlear Implantat am 21./22. September 2001 in Bremen kritisieren. Er hat mich gebeten, Ihnen zu antworten.
Lassen Sie mich zu Beginn deutlich machen, dass das Land Bremen der Auffassung ist, dass die verschiedenen Wege und Methoden, mit denen gehörlosen Menschen geholfen werden kann, nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. Ein Verdrängungswettbewerb" zwischen medizinisch-technischen Hilfen, sozialen Hilfen und Förderung der Gehörlosensprache und -kultur entspricht nicht der Politik des Landes Bremen. Es geht uns in Bremen zuvorderst darum, gehörlosen oder tauben Menschen in einer überwiegend hörenden Gesellschaft ein möglichst weitgehend selbst bestimmtes Leben zu ermöglichen. Eine Chance hierzu bietet das Cochlear Implantat, eine andere ist die Förderung und gesellschaftliche Anerkennung der Gebärdensprache.
Um Ihnen zu zeigen, dass für Ihre Sorge, die Gehörlosensprache und die damit verbundene Gehörlosenkultur würden in Bremen diskriminiert, keinerlei Anlass besteht, erlauben Sie mir, kurz auf unsere Bemühungen im schulischen Bereich hinzuweisen.
In der "Schule an der Marcusallee" wurden und werden Referendare ausgebildet, die die Deutsche Gebärdensprache auf hohem Niveau beherrschen. Die vier für diese Schule an der Marcusallee eingestellten Sonderschullehrerinnen erreichen diesen Standard ebenfalls und sollen dem entsprechend einen Modellversuch "Bilingualer Unterricht unter Einsatz der Gebärdensprache in der Schule für Schwerhörige und Gehörlose" vorbereiten. Dieser Modellversuch soll zum Schuljahr 2002/2003 beginnen. Ein gehörloser Referendar absolviert derzeit sein Referendariat an der Schule und verständigt sich ausschließlich über Gebärdensprache.
Daneben werden schon seit jeher - beginnend mit dem Schulkindergarten - parallel zur Lautsprache lautsprach begleitende Gebärden konsequent eingesetzt.
Gehörlosen Eltern stehen Dolmetscher für alle Angelegenheiten in der Schule oder mit Behörden zur Verfügung. Hierfür werden vom Senator für Bildung und Wissenschaft Mittel in Höhe von insgesamt DM 5000,-- zur Verfügung gestellt.
Sehr geehrte Frau Kestner, ich hoffe Sie können aus dieser knappen Information erkennen, dass das Land Bremen gehörlose Menschen gerade auch in der Form unterstützt, die Sie für die richtige halten. Allerdings möchte das Land Bremen auch neuen Formen der Hilfe und Unterstützung Gelegenheit geben, ihre Tauglichkeit unter Beweis zu stellen.
Abschließend möchte ich es nicht unerwähnt lassen, dass Herr Bürgermeister Dr. Scherf die Belange der Gehörlosen mit großer Aufgeschlossenheit und in vielen Bemühungen persönlich unterstützt. Dies ist bereits sehr lange der Fall und wird auch so bleiben. Ich bitte Sie um Verständnis dafür, dass er dabei auch neuen Formen der Hilfen der Gehörlosen mit Interesse begegnet.
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag Dr. Schrenk