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Bahnbrechendes Gebärden

Die erste durchgehend bilinguale Klasse für gehörlose Kinder in Donaustadt 

Roman Freihsl, Wien 11.06.2001

Wien - "Bitte sorgt dafür, dass es hier nicht zu laut wird", bittet eine Lehrerin während der Pause im Gang. Für den Schüler ist es keine Frage, warum gerade er angesprochen wurde: "Wir sorgen schon dafür - weil wir können Gebärden." Das gemeinschaftliche Leben von Hörenden und Gehörlosen ist in der Volksschule 1 Georg-Bilgeri-Straße in Wien-Donaustadt zur Selbstverständlichkeit geworden. Auch wenn es im Unterricht in der 1B-Klasse etwas zu kommunizieren gibt, wird ohne viel Aufhebens zwischen Deutsch und Gebärdensprache gewechselt.

 

Die Muttersprache

Was hier mit diesem Schuljahr Alltag wurde, ist allerdings österreichweit ein bahnbrechendes Projekt und auch international eine Besonderheit: Erstmals wird in einer Klasse vollständig und durchgehend bilingual unterrichtet - in Deutsch und in österreichischer Gebärdensprache. Zwei Lehrerinnen sind ständig bei den Kindern: die hörende Martina Klein und die gehörlose Helene Jarmer. Für zwölf weitere Unterrichtseinheiten und vier Sprachheilstunden kommt eine Dolmetscherin dazu.

Nur gelegentlich erhalten die gehörlosen Kinder Einzelunterricht - zum Erlernen ihrer Muttersprache, der österreichischen Gebärdensprache. Dann wird etwa eine Geschichte aus dem Deutschbuch erzählt: Der Hase und der Igel. Anschließend wird der Inhalt besprochen und überprüft und das Märchen mehrfach nachgespielt. Wobei die gehörlosen Kinder die Rollen und damit ihre Perspektive wechseln. Ein gehörloses Mädchen ist niedergeschlagen - weil der Hase stirbt, erklärt sie. Helene Jarmer erklärt ihr gebärdengewandt, wie das so ist, wenn man nicht verlieren kann.

Oder aber, eine Geschichte wird in der ersten Fremdsprache gelesen - in Deutsch - und dann übersetzt. Anschließend werden wie beim Memoryspiel Vokabeln Bildern zugeordnet, um gleichzeitig das Lippenlesen zu üben. Aber eben spielerisch - nicht wie in anderen Schulen, wo Lippenlesen der anstrengende und über weite Strecken unverständliche Alltag für die gehörlosen Kinder ist.

In der Bilgeristraße läuft das vollkommen anders ab: Als einmal ausnahmsweise weder die gehörlose Lehrerin noch die Dolmetscherin im Unterricht war, begannen sich die gehörlosen Kinder bald frustriert zu unterhalten: Was das denn soll - sie verstehen ja kein Wort! "Es ist entscheidend, dass die gehörlosen Kinder das Recht auf einen normalen Unterricht haben", erläutert Jarmer. "So sollen die Kinder in allen drei Sprachsystemen - Gebärden-, Schrift- und Lautsprache - höchstmögliche Kompetenz erhalten." Hier ist die Normalität so weit fortgeschritten, dass sich Eltern hörender Kinder beschweren, warum die Gebärdensprache nicht im Zeugnis beurteilt wird.

 

Doppelte Integration

Denn hier wird doppelt integriert: Auch die hörenden Kinder lernen die Gebärdensprache mit: Wenn zwei Schüler nebeneinander sitzen und nach der gelben Mappe gefragt wird - weil in die gehören doch die Aufgabenblätter hinein -, muss man schon wissen, welches von den beiden Kindern gehörlos ist.

Der Modellversuch soll im nächsten Schuljahr jedenfalls fortgesetzt werden. Wobei auch für gehörlose Kinder noch ein paar Plätze frei sind.

Quelle:© DER STANDARD, 11. Juni 2001 (mit freundlicher Genehmigung)

 
 
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