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Gehörlose Schüler lernen in der Gebärdensprache

Johanna Eberhardt, Stuttgarter Zeitung  02.10.2000

STUTTGART. Baden-Württemberg geht neue Wege bei der Ausbildung gehörloser Kinder. Erstmals werden Erstklässler an einer Schule in Neckargemünd (Rhein-Neckar-Kreis) nicht nur in der Lautsprache, sondern auch in der Gebärdensprache unterrichtet.

Von Johanna Eberhardt

Zwei Jahre lang hat eine kleine Gruppe von Eltern dafür gekämpft, den so genannten zweisprachigen Unterricht aus Laut- und Gebärdensprache an einer der Gehörlosenschulen des Landes zu ermöglichen. Denn die Verständigung mit Gebärden war, nach einem heftigen Expertenstreit vor mehr als 100 Jahren, in Deutschland aus dem Unterricht verbannt worden. Seither ist es vorrangiges Ziel der Gehörlosenpädagogik, schwerhörigen oder gar nicht hörenden Kindern in mühevoller Arbeit die normale Lautsprache beizubringen.

Dies jedoch gelingt nicht immer wirklich befriedigend, und es gibt zahlreiche Erfahrungen - vor allem im Ausland -, nach denen viele der betroffenen Kinder den Stoff der Schulfächer schneller und leichter lernen, wenn sie in ihrer "eigenen'', der Gebärdensprache, unterrichtet werden. Vergangenes Jahr hatte daher das baden-württembergische Kultusministerium seine Bereitschaft bekundet, einen Versuch mit einer "zweisprachigen Klasse'' zu unterstützen.

Und das Ministerium hat auch Wort gehalten. An der staatlichen Schule für Gehörlose und Sprachbehinderte in Neckargemünd bei Heidelberg werden von diesem Herbst an gehörlose Abc-Schützen nicht nur in der Lautsprache, sondern auch in der Gebärdensprache unterrichtet. Die Voraussetzungen seien wegen der relativ großen Zahl von Anfängern dieses Jahr gut gewesen, heißt es in der Schule und im Ministerium. So habe man eine konventionelle Klasse von Kindern mit einem so genannten Cochlea-Implantat - das ist eine operativ einsetzbare Hörprothese im Innenohr - bilden können, deren Eltern einen möglichst umfassenden Spracherwerb ihrer Kinder anstreben. Parallel dazu habe man sechs Kinder, deren Eltern sich für einen zweisprachigen Unterricht interessiert hätten. In dieser Klasse sollen die Kinder zwar auch sprechen und schreiben lernen, vorrangig dürfen sie aber, vor allem im Fachunterricht, kommunizieren, wie ihnen "die Hände gewachsen sind''.

Für das Projekt wurde in Neckargemünd, zusätzlich zu den nicht offiziell in Gebärdensprache ausgebildeten bisherigen Lehrern, ein selbst hörgeschädigter Pädagoge eingestellt. Es sei ein Glücksfall, dass dieser Lehrer nicht nur die Gebärdensprache beherrsche, sondern auch eine gute Lautsprachkompetenz habe, erklärt Sönke Asmussen vom Referat Sonderschulen im Kultusministerium. Der Pädagoge werde mit den sprechenden Kollegen zusammenarbeiten, in einzelnen Stunden aber auch alleine unterrichten. Ziel sei es, so viel Wissen wie möglich mit Gebärden zu vermitteln und die Lautsprache begleitend einzusetzen. Dabei handle es sich nicht um einen regelrechten Unterrichtsversuch, sondern um ein Entwicklungsprojekt, "mit dem sich die Schule auf die Kinder einstellt''. Das Ergebnis sei offen, doch gingen alle Beteiligten - Lehrer, Eltern und Ministerium - "mit großen Hoffnungen an die Sache heran'', versicherte Asmussen.

Auch der Neckargemünder Schulleiter Wolfgang Vater zeigte sich zuversichtlich, dass die Kinder von dem zusätzlichen Angebot profitieren werden. "Wie es wirklich funktionieren wird, wissen wir noch nicht, weil es Neuland ist für uns'', sagt er.

Zusätzliche Kenntnisse über die Bedürfnisse junger Gehörloser und darüber, was diese später im Leben brauchen, wollen sich Gehörlosenlehrer in Nordbaden künftig vom Deutschen Schwerhörigenverband vermitteln lassen. Dessen Landesverband arbeitet derzeit an einem Fortbildungsprogramm für die Pädagogen, das im November starten soll.

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