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Implantate statt Gebärdensprache

Leserbrief an Mindener Tageblatt

Karin Kestner 21.10.2000

Führende Forscher raten Eltern hörgeschädigter Kinder, auf die Technik zu setzen

Der Artikel Ihres Reporters Stefan Lyrath ist das beste Beispiel für schlechte oder gar keine Recherche! Die angeblich namhaften Wissenschaftler, die beim Kongress in Porta Westfalica eingeladen waren, sind Relikte aus grauer Vorzeit und spiegeln nicht im Geringsten den Stand der Dinge.

" Löwe warnte: "Gebärdensprache behindert den Erwerb der Lautsprache."

Herr Prof. Löwe hat und konnte noch nie wissenschaftlich belegen, dass der Erwerb der Gebärdensprache den Lautspracherwerb behindert. Das Gegenteil ist der Fall.

Auch stimmt folgender Satz noch nicht mal im Ansatz:

"So stehe die Hamburger Gehörlosenschule, die als Versuchsschule für Gebärdensprache gestartet war, vor dem Aus. Die Eltern hätten "mit den Füßen abgestimmt" und für ihren Nachwuchs lautsprachlichen Unterricht gefordert"

Anfrage bei Herrn Prof. Günther Hamburg (er begleitet das Projekt wissenschaftlich) ergab, dass das Modellprojekt in der Hamburger Samuel-Heineke-Schule ganz und gar nicht vor dem "aus" steht! Im Gegenteil, der Zwischenbericht war äußert positiv und der Abschlussbericht, der Ende des Jahres veröffentlicht wird, wird belegen wie groß die Fortschritte der gehörlosen Kinder in diesem Projekt im Vergleich mit anderen gehörlosen Kindern sind. Die Eltern tragen nach wie vor dieses Projekt und sind sehr zufrieden mit der Entwicklung ihrer Kinder.

"Früher wurde alles Mögliche versucht", sagte Professor Löwe dem MT: "Dabei ging zuviel Zeit verloren."

Stimmt es wurde früher alles mögliche versucht, besonders den gehörlosen Kindern durch die verschiedensten technischen Methoden die Lautsprache und Hören beizubringen Diese Versuche sind bis auf wenige Ausnahmen kläglich gescheitert. Und jetzt wollen diese "Wissenschaftler" wieder auf neue Technik setzen, wieder an Kindern rumexperimentieren. Wissensvermittlung durch Gebärdensprache soll wieder auf der Strecke bleiben unter dem Deckmantel der besseren Integration? Zum Wohle von wem? Herr Prof. Löwe wird weiter zitiert:

Diese (Kinder mit Cochlear Implantat) könnten durchaus gemeinsam mit nicht behinderten Altersgenossen zur Regelschule gehen, hieß es. Löwe: "Mit Gebärdensprache wäre das undenkbar."

Herr Löwe und Schreiber sollten ab und zu die Presse lesen. In Frankfurt gehen 4 gehörlose Kinder, aufgewachsen mit der Gebärdensprache, mit Dolmetschern begleitet in die Regelgrundschule. Und das ist erst der Anfang!

Eltern von behinderten Kindern wurde hier durch die Selektion der Referenten eine Welt vorgespielt, offensichtlich geblendet glaubte es auch der Schreiber des Artikels. Die Wissenschaftler, die seit Jahren auf den Gebieten Bilingualismus und Gebärdensprache forschen waren weder eingeladen noch im Publikum, auch Gehörlose waren nicht anwesend.. Wie viele Eltern, Pädagogen und Therapeuten werden jetzt durch diese Veranstaltung und diesen Artikel in die Irre geleitet? Wenn man wirklich Kindern und Eltern bei der Bewältigung der Anfangsphase nach Diagnosestellung helfen will, muss man umfassend und nicht einseitig aufklären.

Karin Kestner

 
 
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