Diverses

Presse & Berichte

 

 

Stellungnahme von Karin Kestner zu IPU (Initiative pro Untertitel) Aktion 500000

Karin Kestner 27.05.2000

Bei der Unterschriftensammel-Aktion 500000 handelt es sich um eine Internetaktion von dem Verein IPU, gegründet von Hörgeschädigten und Hörenden zur Forderung von mehr Rechten für Gehörlose & Schwerhörige. SusiaFLY (Susan van de Leent Sturhan) zeichnet für alles verantwortlich und präsentiert die Aktion im Internet.

Die Aktion 500000 umfasst folgende Forderungen:

1. Senkung der Dolmetscherkosten, dafür jedoch höherer Einsatz , durch mehr finanzielle Übernahme von staatlicher Seite. · Einführen eines geregelten Gebührenkataloges

Einführen eines einheitlichen Gebührenkataloges für Dolmetscherleistungen! Übernahme der Kosten von Dolmetscherleistungen durch staatliche Stellen ( soziale Kostenträger, Ämter, Gerichte usw...) bzw. Bereitstellung eines Dolmetschers! Berufsanerkennung von Dolmetschern.

Einheitliche Ausbildungsverordnung und staatliche Anerkennung des Berufsbildes.

Ausbildung auch über 3 - jährige Ausbildung an einer Berufsfachschule, an Volkshochschulen oder Abendschulen und nicht nur über Hochschule.

2. Quotenuntertitelung gesetzlich verankern d.h jeder TV Sender muss 70 % seiner Beiträge, Sendungen, Unterhaltung untertiteln. Grundsätzliche Pflicht zur Untertitelung bei Nachrichten und Informationssendungen. Auch die Blinden müssen den Hörgenuss der TV Sender bekommen, daher auch eine Quoten für diese Beiträge.

3. Einrichten einer bundesweite einheitlichen Notruf- Fax-Nummer, SMS, Schreibtelefon und Bildtelefon die ständig besetzt ist, z.b unter der Nummer 114 oder 115

4. Gebärdensprach-Anerkennung 100 % aber richtig!

5. Bildtelefon müssen in die Hilfskataloge der Krankenkassen eingetragen werden.

Karin Kestner:

Als Gebärdensprachdolmetscherin arbeite ich täglich für Gehörlose und trete, wo immer es geht, für die Rechte der Gehörlosen ein und betreibe in zahllosen Telefonaten, Gesprächen mit Behörden, Firmenvertretern und Privatpersonen Aufklärung über die Situation und besonderen Bedürfnisse der Gehörlosen. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, dass ich nicht prinzipiell gegen Forderungen von mehr Rechten für Gehörlose bin und insbesondere auch nichts persönlich gegen SusiaFly habe. Ich möchte an dieser Stelle deshalb nur zur Forderung 1 Stellung nehmen, da sie mich als Gebärdensprachdolmetscherin persönlich betrifft.

Senkung der Dolmetscherkosten

Klartext: GebärdensprachdolmetscherInnen verdienen i.d.R. zwischen DM 45,- und 90,-/Stunde. Dieser Stundenlohn ist im Vergleich mit anderen freischaffenden Berufsgruppen, wie z.B. anderen Sprachen-Dolmetschern höchstens die Hälfte bis z.T. nur ein Viertel! Die Stundensätze sind unter anderem auch deshalb so niedrig, weil soziale Einrichtungen, wie Sozialamt, LWV, Hauptfürsorgestelle, Kirchen, Arbeitsamt, etc. nicht mehr bezahlen wollen oder können. Und nun will IPU diese für den Lebensunterhalt nicht ausreichenden Stundensätze auch noch kürzen (lassen). Offensichtlich ist der IPU auch nicht bekannt, was es heißt, freiberuflich zu arbeiten. Der direkte und sichtbare Dolmetschereinsatz ist nämlich oft nur ein Teil der Arbeitszeit, die eingesetzt werden muss. Es gibt viele Situationen, auf die sich ein Gebärdensprachdolmetscher vorbereiten muss. Bei Theaterveranstaltungen, wissenschaftlichen Vorträgen, technischen Lehrgängen, Arzt- oder Polizeibesuchen kann das optimale Ergebnis für den jeweiligen Gehörlosen nur dann erzielt werden, wenn der Gebärdensprachdolmetscher sich in das Thema und die Terminologie eingearbeitet und auf den spezifischen Teilnehmerkreis vorbereitet hat. Dies umfasst bei mir persönlich schon mal bis zu einer ganzen Woche für einen zweistündigen Dolmetschereinsatz.

Astronomische Honorarrechnungen einer Gebärdensprachdolmetscherin über DM 450,- für einen halbstündigen Dolmetschereinsatz, wie von IPU als Beispiel der Einkünfte von Gebärdensprachdolmetschern angeführt, sind daher völlig haltlos und frei erfunden, oder aus einem ganz individuellen Zusammenhang herausgerissen.

...dafür jedoch höherer Einsatz

Klartext: Immerhin billigt IPU anscheinend den Gebärdensprachdolmetschern den heutigen monatlichen Verdienst weiterhin zu. Gekürzte Stunden-Honorare "dürfen" die Gebärdensprachdolmetscher dann großzügigerweise durch entsprechende Mehrarbeit ausgleichen. Die IPU hat offensichtlich überhaupt keine Vorstellungen davon, was den Beruf der Gebärdensprachdolmetscher ausmacht. Seit einiger Zeit gibt es in der Berufsgruppe und Verbänden der Gebärdensprachdolmetscher Bestrebungen die Dolmetschzeit eines Gebärdensprachdolmetschers auf ca.4 Stunden pro Tag und dies auch nur in Doppelbesetzung zu begrenzen. Warum? Selbst ein Spitzen-Gebärdensprachdolmetscher kann nur eine begrenzte Zeit mit höchster Konzentration auf hohem Niveau dolmetschen. Die zu übersetzenden Inhalte sollen möglichst exakt und nicht nur irgend wie übermittelt werden. Fremde Inhalte, Themen und Gesprächspartner erfordern ein hohes Maß an Flexibilität, Wissen und Konzentration. Die Top-Konzentrationsfähigkeit eines Menschen ist wissenschaftlich nachgewiesenermaßen auf wenige Stunden begrenzt. Danach sinkt zwangsläufig die Qualität und Leistung auf ein für den Gehörlosen unbrauchbares Niveau. Dies kann doch nicht im Ernst die Forderung der IPU im Sinne der Gehörlosen sein!

Davon abgesehen ist die körperliche Beanspruchung insbesondere der Rücken- und Schulterpartie eines Gebärdensprachdolmetschers durch Konzentration, Anspannung, Haltung und die entsprechenden Bewegungsabläufe aufs Höchste belastet. Dies kann bei Überbeanspruchung bis zur Berufsunfähigkeit führen.

...finanzielle Übernahme von staatlicher Seite

Prima Vorschlag, aber leider nicht neu. Ich würde eine häufigere oder gar generelle Übernahme der Kosten von staatlicher Seite sofort begrüßen, denn dann müsste ich nicht einen Teil meiner Arbeitszeit mit endlosen Mahnverfahren säumiger Zahler vertun.

...Einführung eines geregelten Gebührenkatalogs

Ohne inhaltliche Erklärungen ist dieser Forderung leider ein zu großer Interpretationsspielraum gelassen. Was sollen die 500000 Menschen hier unterschreiben?. Erst einmal Unterschriften sammeln und dann mal sehen, was man fordert?

Einheitliche Ausbildungsverordnung: Auch nichts Neues. Durch die jetzt auf hohem Niveau eingeführte staatliche Prüfung zum/zur Gebärdensprachdolmetscher In sind die Voraussetzungen für einheitliche Ausbildungsanforderungen schon auf den Weg gebracht.

...Anerkennung des Berufsbildes

Prima Vorschlag, aber leider nicht neu. Kann ich nur unterstützen...

...Ausbildung ... an Volkshochschule....

Offensichtlich ist IPU das Wesen und der Auftrag von Volkshochschulen nicht bekannt. An Volkshochschulen gibt es keine Berufsausbildungen! Wie verträgt sich diese Forderung mit der Vorherigen (Anerkennung des Berufsbildes)?

 

Fazit:

Für mich ist die ganze Aktion eine wahllose Aneinanderreihung nicht durchdachter, teilweise sachlich und fachlich falscher Forderungen alleine zu Punkt 1. Mir ist die Zeit zu schade, die weiteren Punkte auch noch zu kommentieren. Da frage ich mich, warum IPU diese ganze Aktion überhaupt gestartet hat. Warum fordern intelligente, junge Menschen in einer solchen "spektakulären" Internetaktion solche zum Teil unsinnigen Dinge, springen zum Teil auf fahrende Züge auf und propagieren bekannte Parolen? Ich sehe hinter der ganzen Aktion nur einen Sinn:

Steigerung des Bekanntheitsgrades der Initiatorin SusiaFly und damit Steigerung des Traffics auf ihren kommerziellen, nicht jugendfreien Seiten. Dazu muss man wissen, dass zusätzlicher Traffic auf ihren eigenen, durch diese Kampagne verknüpften Seiten, ihre Werbeeinnahmen deutlich erhöht. Ich habe nichts gegen Susias "Selbstdarstellung" im Netz. Dies jedoch mit einer Scheinkampagne zu verknüpfen, um Kohle zu machen, halte ich den weniger gut informierten Gehörlosen gegenüber schlichtweg für unmoralisch und nicht akzeptabel. Hier wird mal wieder - siehe Benetton, etc. - eine Behindertengruppe für eigene Zwecke ausgenutzt.

Des weiteren halte ich es für eine Anmaßung der IPU einer ganzen Berufsgruppe Regelungen ihrer Berufsausübung vorschreiben zu wollen. Damit meine ich insbesondere die Ausbildungs-, Honorar-/ und Arbeitszeit-Regelungen. Dererlei "Anregungen" oder gar Forderungen stehen in keinem Fall einem Verein, oder gar einer Privatperson zu, sondern höchsten der Legislative in Absprache mit den betroffenen Berufsverbänden. Dies geht schlicht weg die IPU nichts an und entzieht jeglicher sachlicher Diskussion die Grundlage durch Selbstdisqualifikation seitens IPU. Oder wie würden Sie reagieren, wenn ich einen Verein gründe, der Gehörlosen den Beruf des Straßenkehrers vorschreibt, damit bei uns die Strassen sauberer werden?

Ich schließe mich auch der Beurteilung im Taubenschlag an, sehe die Aktion als kontraproduktiv für die Sache der Gehörlosen und disqualifizierend für Susia & Co.

Karin Kestner

 
 
Copyright © 1999-2011 Verlag Karin Kestner | Impressum | AGB