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Rezension zu den CD-ROMs "777 Gebärden 3"

von Bernd Rehling 1999

"Wir wollen eine Republik!" - "Ihr habt doch schon eine!" - "Dann wollen wir noch eine haben!"

Wie in dem bekannten Zitat von Thomas Mann scheint es auf den ersten Blick auch mit den Gebärden-CDs zu sein. Es gibt doch schon zwei, und jetzt noch eine dritte? Und die Hamburger geben CDs heraus, und religiöse Gebärden, und Gebärden-CDs aus Aachen sind im Anmarsch - wo vorher Mangel herrschte, jetzt eine Inflation?

NOCH eine CD macht natürlich nur dann Sinn, wenn sie auch wirklich eine sinnvolle Ergänzung und vor allem eine qualitative Verbesserung bringt. Und für ungeduldige Leser sei es vorweg gesagt: Beides ist den Herausgebern der dritten Gebärden-CD gelungen.

Man muß sich klarmachen, daß die Serie der "777 Gebärden-CDs" letztlich auf einer Privatinitiative basiert. Da kommt eine Dolmetscherin auf die Idee, anderen das Lernen von Gebärden per Computer zu ermöglichen. Gehörlose Freunde helfen, Gebärden auf Video aufzunehmen, der Bruder hat die nötigen Kenntnisse im Programmieren und im Umgang mit dem Computer. Das klingt alles sehr laienhaft und selbstgestrickt, sieht man aber andernorts, daß komplette Produktionen "in den Orkus" gehen, obwohl sie von Profis produziert wurden, kann man die Leistung der "Privatinitiative" erst richtig einschätzen.

Die drei CDs dokumentieren die Entwicklung des Projekts:

*Die erste CD hatte in der ersten Auflage noch arge Programmierfehler, die in der zweiten Auflage aber schon behoben waren.

*Die zweite CD ging über die rein lexikalische Konzeption hinaus und bezog DGS-Phrasen und Erläuterungen zur DGS-Grammatik mit ein.

*Bei der dritten CD sind einige Mängel, die bei den vorigen auftraten, beseitigt worden. So ist die Transkription der DGS-Phrasen nicht nur im fragwürdigen "Türkendeutsch" vorgenommen worden, sondern durch die deutschen Sätze, Hintergrundinfos und Erläuterungen ergänzt worden. Und: Die dritte CD versucht nachträglich, das, was sich im Laufe der Zeit entwickelt hat, unter einen Hut zu bringen und wie aus einem Guß erscheinen zu lassen. Technisch klappt das wunderbar: Von der Installation der dritten CD aus kann man zur ersten oder zweiten CD überwechseln. Es gibt ein Gesamtverzeichnis für alle drei CDs, aus dem man dann auswählen und (ggf. nach Wechsel der CD) den Begriff aufrufen kann. Dieses Verzeichnis ist logischerweise alphabetisch.

Die Kategorisierung der Begriffe, die Einordnung in Themenbereiche, ist nach wie vor laienhaft, teilweise unlogisch und hält natürlich nicht wissenschaftlichen Ansprüchen stand. Das ist aber ja auch gar nicht erforderlich. Die Zielgruppe der CDs sind schließlich nicht Linguisten, sondern hörende Menschen, die Gebärden lernen wollen. Und für die stellen die CDs eine unschlagbare Hilfe dar. Unschlagbar deshalb, weil sie die konkurrierenden Medien Gebärden-Bücher und Gebärden-Videos um Längen schlagen. Man braucht nicht zu blättern oder vorzuspulen - ein Mausklick, und sofort wird der Gebärdenfilm abgespielt.

Niemand wird bestreiten wollen, daß man Gebärden am besten in der Kommunikation mit Gehörlosen erlernt. Dafür können die CDs natürlich kein Ersatz sein. Aber einem/einer Studierenden der Gehörlosenpädagogik den guten Rat zu geben, sich "unter's gehörlose Volk zu mischen", um Gebärden zu erlernen, ist zwar richtig, bei den Massen von Studierenden real aber gar nicht machbar. Insofern können die CDs die Gehörlosengemeinschaft schon ein wenig entlasten.

Welche Lernmöglichkeiten bieten sich bei den CDs? Die erste Funktionalität besteht darin, ganz einfach zu stöbern, sich Gebärdenfilmchen anzuschauen und nebenher zu lernen. Im zweiten Schritt lassen sich dann individuelle Lernlisten erstellen, Begriffe etwa, die neu sind oder die man immer wieder vergißt. "Steter Tropfen höhlt dann das Hirn" - und es entnervt keinen Lehrer. Die Geduld des Computers ist grenzenlos. Wie geht man dabei vor? Man wählt aus den verschiedenen Themenbereichen Begriffe aus und fügt sie in eine Lernliste ein. Diese Lernliste kann man abspeichern, um sie bei Bedarf wieder aufrufen zu können. Von diesen Lernlisten kann man natürlich beliebig viele anlegen. Ein Klick auf den ausgewählten Begriff in der Lernliste, und der Film läuft ab. Ein Klick auf das Fragezeichen dagegen läßt einen beliebigen Begriff aus der Lernliste als Filmchen abspielen, und man muß durch Anklicken des Wortes beweisen, daß man die Gebärde verstanden hat. Darüber wird dann auch Protokoll geführt, so daß der Lernende seinen Leistungsstand und seine Fortschritte kritisch begutachten kann.

Wie bei der zweiten CD sind 40 DGS-Phrasen hinzugefügt. Nun mag man sich fragen, wie die Auswahl dieser Sätze wohl zustande gekommen ist und wie realistisch der Satz "Ich lese im Moment viele Bücher." für den Durchschnittsgehörlosen ist. Und welcher Gehörlose (oder auch Hörende) stellt wohl fest: "Die Doktorarbeiten meines Kollegen lese ich ohne Interesse"? (Und wer schreibt schon gleich mehrere Doktorarbeiten?) Für einen "Langenscheidt's Sprachführer in DGS" wäre das wohl unsinnig. Wenn man allerdings nur ein wenig in die einzigartige Struktur dieser visuellen Sprache hineinschnuppern will, dann ist es schon fast gleichgültig, um welche Inhalte es geht. Aufbau und Gestaltung einfacher Sätze inklusive Mimik und Körpersprache lassen sich so auf einmalige Weise unter die Lupe nehmen. Und das auch im wahrsten Sinne des Wortes, da bei der dritten CD eine Zeitlupenfunktion eingebaut wurde.

Installation, Benutzerführung und Handhabung der CDs sind so übersichtlich und einfach, daß auch ein Computerlaie damit spielend fertig wird. Und ein Gerät oder ein Programm ist umso besser, je dünner die Bedienungsanleitung ist. Für diese CDs braucht man eigentlich keine!

Sicherlich: Nobody is perfect, und alles läßt sich noch verbessern. Für meinen Geschmack ist der permanente Loop-Modus der Filme störend. Die Filme laufen mit ständiger Wiederholung, und wenn man genug hat, muß man halt die Stop-Taste anklicken. Nun ist dieser Modus sicherlich derjenige, der von den meisten bevorzugt wird. Aber schön wäre es schon, wenn man die Grundeinstellung vorab selber vornehmen könnte. Angenehm wäre es auch, wenn man nach der Auswahl eines Begriffes aus der Gesamtliste nicht die CD wechseln müßte. Das wird sich aber erst dann vermeiden lassen, wenn die CDs (und evtl. noch weitere) zu einem echten Gesamtwerk verschmolzen und auf DVD gebrannt werden. Zukunftsmusik? Sicher, alles nur eine Frage der Zeit!

Die anfängliche Frage "Ich hab doch schon zwei, wozu dann noch die dritte?" läßt sich so beantworten: Löschen Sie die Installationen der ersten beiden CDs und installieren Sie statt dessen die dritte. Dann haben Sie nicht nur eine wertvolle Ergänzung, sondern auch eine Übersicht (samt Suchfunktion) über alle drei CDs - und zudem eine merkliche Qualitätssteigerung.

1999 Bernd Rehling (taubenschlag.de)

 

 
 
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