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Rezension zu den CD-ROMs "777 Gebärden 1 und 2"

von Bernd Rehling 1999

Die 7 ist eine magische Zahl, und dreimal die 7, das muß ja dreifach magisch sein! Aber so wörtlich sollte man es nicht nehmen mit der Zahl 777. Sieht halt gut aus auf einer Titelseite! Es sind sogar mehr Gebärdenfilmchen auf den CD-ROMs, insgesamt etwa 1600. Die CDs lassen sich als digitales Gebärdenlexikon benutzen, aber auch als Lernprogramm. Die Menüführung und Bedienung ist recht einfach gestrickt - was für den Benutzer nur nützlich sein kann. Das Programm basiert auf Microsoft Access, und sämtliche Videoclips liegen im AVI-Format vor. Bei der zweiten Auflage der ersten CD sind offensichtlich auch einige Kinderkrankheiten der ersten Auflage kuriert worden. Bei uns lief sie zumindest problemlos. Und die zweite CD läuft im anschluß an die erste ohne Neuinstallation.

Die CDs erheben sicherlich keinen wissenschaftlichen Anspruch. Schwierig ist natürlich die Auswahl für einen Grundwortschatz. Wer bestimmt schon, was zum Grundwortschatz gehört? Für den Neuling sind kurze erläuternde Texte zur Gebärdensprache abrufbar, und die Gebärden sind in Kategorien gegliedert. Man kann sich individuelle Listen der zu erlernenden Gebärden zusammenstellen, und im Quiz-Modus werden nach dem Zufallsprinzip Gebärden gezeigt, die man erkennen und in der Liste anklicken muß. Über die Lernerfolge wird Buch geführt. Das alles ist natürlich recht schematisch, und es kann und soll sicherlich auch nicht Gebärdenkurse oder den Kontakt zu Gehörlosen ersetzen. Im Vergleich zu Gebärdenbüchern, in denen Bewegungsabläufe nur mit Pfeilen und Kommentaren angedeutet werden können, oder auch zu Videocassetten, bei denen man zum Auffinden bestimmter Gebärdensequenzen lange Vor- und Rücklaufzeiten in Kauf nehmen muß, ist das Medium CD-ROM aber sehr vorteilhaft. Von "offiziellen Stellen" wie dem "Institut für Gebärdensprache..." in Hamburg gibt es bisher nur CD-ROMs mit Fachwortschatz wie z.B. das "Lexikon für Computerbegriffe", nicht aber einen Grundwortschatz. Insofern füllen die "777 Gebärden" in begrüßenswerter Weise eine Marktlücke.

Die zweite CD enthält zusätzlich zu Einzelgebärden 40 Beispielsätze in DGS. Diese Sätze sind für einen ersten Einblick in die "echte Gebärdensprache" sicherlich hilfreich. Methodisch sinnvoll ist es auch, daß die Gebärdenfilme wohl das Mundbild zeigen, aber keinen Ton haben. Man muß sich schon auf das Visuelle konzentrieren, wie die Gehörlosen selbst eben auch. Was in diesem Zusammenhang die (Firmen-?) Bezeichnung "Manual Audio Devices" bedeutet, bleibt allerdings rätselhaft. Methodisch fragwürdig ist die laienhafte Transkription von Gebärdensätzen. Sicherlich, beim Betrachten einer DGS-Sequenz hilft es, wenn die einzelnen Gebärden in ihrer Reihenfolge schriftlich dargestellt werden. Aber ob die "Transkription" von "Hallo, wie geht es Dir?" zu "Hallo, Du gut?" zur Förderung der Akzeptanz der Gebärdensprache beiträgt oder bei Gegnern nur die Vorurteile von "türkendeutsch-ähnlicher" Primitivsprache bestätigen? Diese Tanskription hätte in geeigneterer Form erfolgen sollen.

Sieht man von solchen Schwachstellen ab, muß man anerkennend feststellen, daß beide CDs wirklich gelungen sind - als "tool" zum Erlernen und/oder verfestigenden Üben von Gebärden und einfachen DGS-Strukturen. Der Autorin und Produzentin gebührt ob ihrer Initiative und ihres Engagements ein dickes Lob.

1999 Bernd Rehling (taubenschlag.de)

 

 
 
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