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Elternberichte

 

Gebärdeneinsatz in Schulen für praktisch bildbare Kinder

Begonnen hat alles damit, dass wir für einen schwer mehrfach behinderten Schüler (T. 11Jahre) nach einer Möglichkeit suchten, ihn besser auf das, was wir mit ihm vorhatten vorzubereiten, ohne dass Wesentliches einer Sprachaussage verloren ging. Verloren einmal im Hinblick auf die in einer Klasse nicht auszuschaltenden Nebengeräusche - verloren aber auch im Hinblick auf die Sprache selbst, in der die wesentliche Aussage in zeitlich einander nachfolgenden Wörtern eingebunden ist. Wir wollten auch nicht die Kommunikation mit diesem einen Kind auf Einwortsätze reduzieren , da wir nicht einschätzen konnten, wieviel gesprochene Sprache er versteht. Auch reduziert die gesprochene Sprache die Kommunikation mit dem Kind auf einen einzigen Wahrnehmungskanal (Hören), während das Sehen und das Fühlen in Bezug auf das Verständnis einer Aussage nicht miteinbezogen werden. Bei schwermehrfachbehinderten Kindern ist allerdings gerade der taktile Bereich derjenige, über den man am besten die Kinder erreichen kann.

Sokamen wir auf die Idee, immer wiederkehrende Vorgänge (guten Morgen, Tschüss, essen, trinken, anziehen, ausziehen, wickeln, fertig - für das Beenden einer Situation) mit Gebärden aus der DGS zu einzuleiten. Da wir nicht wussten inwieweit, wie viel und in welcher Entfernung T. visuelle Reize aufnehmen kann, begannen wir zunächst damit die Gebärden mit seinen Armen auszuführen (Gebärde "fertig" in seine Hand), um später mit ihm, als auch vor ihm zu gebärden. Es schien, dass T. diese neue Kommunikationsform gut annahm und wirklich mit den Gebärden die entsprechende nachfolgende Situation verbinden konnte. Auch die übrigen Kinder der Klasse ahmten schnell die Gebärden nach, die wir zunächst lediglich in der Kommunikation mit diesem einen Schüler anwandten und gebärdeten lautsprachbegleitend in der Kommunikation mit ihm. Wir wurden neugierig auf die DGS und nahmen an einem Gebärdensprachkurs teil. In unserer Klasse begannen wir nun unsere Morgenlieder, Reime, Sprüche mit Gebärden zu begleiten.

S. (11 Jahre) ein weiterer Schüler dieser Klasse kann Lautsprache zwar sehr gut verstehen, hat aber große Probleme Wörter aktiv abzurufen und anzuwenden. Er hat einen sehr geringen aktiven Wortschatz und spricht zu dem aufgrund seiner Behinderung sehr unverständlich. S. begann sehr schnell Gebärden einzusetzen, wenn er nicht gleich verstanden wurde. Auch merkten wir, dass er Wörter lautsprachlich besser erinnern und reproduzieren kann, wenn sie in Begleitung einer Gebärde dargeboten werden.

M. (11Jahre) ein Schüler, der in diesem Schuljahr neu in unsere Klasse kam, kann zwar hören, reagiert aber kaum auf Ansprache. Sicher hat auch er das Problem, das Wesentliche aus einem allgemeinen Gesprächsbrei heraushören zu können und bei dem immer vorhandenen Geräuschpegel in der Klasse auch noch zu filtern. Seine aktive Lautsprache beschränkt sich im Wesentlichen auf wenige bedeutungstragende Vokallaute. Er versucht sich mit seinem Körper zu verständigen. So nimmt er uns beispielsweise an die Hand, um uns dorthin zu führen, von wo er etwas haben will, wirft Teller und Tassen vom Tisch, um zu signalisieren, dass er nicht mehr weiter essen will, oder rennt einfach weg, bevor ihn jemand an seinem jeweiligen Vorhaben hindern kann. Aus Verzweiflung nicht verstanden zu werden biß er sich in die Hand oder zerriss seine Kleidung. Wir begannen zunächst mit den Gebärden "fertig" für das Beenden einer Situation und "bauen" (er spielt gerne mit Duplo-Steinen). Nach und nach kamen weitere Gebärden dazu, die wir ihm allerdings nicht einzeln beibrachten, sondern einfach in die Kommunikation mit ihm einbauten.

In der Zwischenzeit (nach einem halben Jahr in unserer Klasse) versteht er schon etwa 20 Gebärden und wendet etwa die Hälfte auch in den jeweiligen Situationen auf Nachfragen an . Er beginnt nun bereits die ersten Gebärden spontan zu verwenden, um sich mitzuteilen und überträgt einige bereits sinngemäß auf andere ähnliche Situationen, so dass wir nun sicher sein können, dass er den Bedeutungsgehalt erfasst hat. Seit er mit uns nun eine Kommunikationsform gefunden hat mit Hilfe der er sich mitteilen kann, kommen seine Verzweiflungsakte nur noch in Extremsituationen vor. Auch auf das Zerschmeißen von Tellern verzichtet er meist und gebärdet immer öfter "satt". Er ist insgesamt ruhiger geworden, kann Blickkontakt aufnehmen, und im Weglaufen durch Ansprache gestoppt werden. Denn er weiß inzwischen auch, dass er uns ansehen muss, wenn wir mit ihm sprechen, damit er die Gebärden sehen kann, die für ihn offensichtlich viel informativer sind als das gesprochene Wort - und er weiß auch, dass er nicht mehr nur eingefangen und zurückgebracht wird, denn er hat eine Form gefunden, uns mitzuteilen, was er möchte. Auch lässt er sich ganz willig darauf ein, dass vielleicht erst eine andere Handlung zu Ende geführt werden muss, bevor er sein Vorhaben in Angriff nehmen kann. ( "erst zusehen /sitzen / fertig arbeiten /fertig essen - dann (später) bauen /spielen" ) Auch sein Sprechverhalten hat sich in dieser Zeit verbessert. Er versucht viele Gebärden sprachlich zu begleiten und erste Differenzierungen seiner Laute sind zu erkennen. Auch die anderen Kinder machen begeistert mit und lernen ganz nebenbei eine Unzahl Gebärden, die sie in der Zwischenzeit lautsprachbegleitend auch untereinander anwenden (Nicht immer - aber immer öfter - je nach Situation). Auch als Geheimsprache: "Was heißt das?" - dann folgen eine oder mehrere Gebärden, und ein anderes Kind muss raten, was für diejenigen, die in andere Klasse gehen durchaus nicht ganz einfach ist - zum großen Vergnügen der "Insider".

Seit wir unsere Kommunikation untereinander mit Gebärden begleiten, sind unsere Kinder auch viel aufmerksamer und konzentrierter bei der Sache. Sie können kleinen gebärdenbegleiteten vorgelesenen Geschichten folgen und sie nacherzählen (auch hier helfen die Gebärden). Auch hyperaktive Kinder können einem Unterrichtsgespräch, das mit Gebärden begleitet wird über viel längere Strecken folgen. Ist doch auch bei hyperaktiven Kindern die visuelle Wahrnehmung oft am reizbarsten. Über die Gebärden wird die visuelle Konzentration kanalisiert und die Kinder können sich auf das inhaltliche Unterrichtsgeschehen besser konzentrieren. In unserer Schule haben nun vier weitere Kollegen mit einem Gebärdensprachkurs begonnen, das gesamte Kollegium hat an einer Fortbildung zu "Makaton" (Einsatz von Gebärden und Symbolen) teilgenommen und wir hoffen sehr, dass der Einsatz lautsprachbegleitender Gebärden in unserer Schule selbstverständlich wird.

R. Schinke

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