Elternhilfe

Hilfe für Eltern gehörloser Kinder

Elternberichte

 

Mercedes trägt ihr CI nicht mehr!

Lesen Sie hier den 2. Bericht von Frau Morkisch und erfahren Sie wie noch heute in Deutschland mit gehörlosen Kindern umgegangen wird.

Mein Bericht kommt etwas verspätet, aber es ist so viel in der Zwischenzeit passiert.

Meine Tochter Mercedes ist mit drei Jahren in die Schule für Gehörlose gekommen. Es war schon ein komisches Gefühl sie "gehen" zu lassen, aber sie hat sich relativ schnell eingewöhnt. Ich war auch so glücklich darüber, dass sie Frau S. als Lehrerin bekam, die mit ihr gebärdete. Eine wirklich tolle Lehrerin. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns auch entschieden das CI endgültig nicht mehr zu benutzen, da es für Mercedes nur eine einzige Tortur aus Schmerzen, ständigen Einstellungen und Nichthören bedeutete. Wir sagten im CI Zentrum Bescheid und gingen mit Mercedes hin. Dort machte ich Herrn B. meinen Standpunkt klar. Ich sagte ihm, dass sie damit nichts hört und als Nebeneffekt nur Schmerzen bekam und panische Angst vor dem CI hat. An diesem Tag war Herr B. das erste Mal ehrlich. Er hat zugegeben, dass Mercedes mit dem CI nichts hört und auch niemals hören wird. Er gab zu, dass er viel früher mit den Einstellungen hätte aufhören müssen. Von da an hat Mercedes das CI nie wieder tragen müssen. Und wird es auch nie wieder tragen!

Ja, dann stand die Frage im Raum, wo wir die Gebärdensprache lernen konnten. In der Schule von Mercedes sollte ein Kurs anfangen, der aber aus finanziellen Gründen seitens der Schule nicht stattfand. Alle Kurse der Volkshochschulen waren im Jahr 2001 belegt. Ich war ziemlich verzweifelt. Wir hatten Tommys Gebärdenwelt, die uns wirklich sehr geholfen hat, aber wo sollten wir die gesamte Sprache lernen? Beim Kulturamt bekam ich dann die rettende Lösung. Im Oktober sollte eine neue Gebärdensprachschule eröffnen -"Visual Hands" . Wir meldeten uns sofort an. Ich war so glücklich, aber auch aufgeregt, da ich wusste, dass der Unterricht von einem Gehörlosen geleitet wurde. Irgendwie hatte ich Angst mich zu blamieren. Aber die Angst verflog ganz schnell, sie war völlig unbegründet. Der Unterricht wurde von Matthias Schäfer geleitet - ganz normaler Sprachunterricht. Wir haben so viel gelacht und Matthias Schäfer ist ein hervorragender Lehrer. So haben wir einen Kurs nach dem anderen besucht. Und plötzlich gab es dann doch noch zwei Kurse in der Schule, die wir dann auch noch besucht haben. Es hat wirklich Spaß gemacht und wir können uns mit Mercedes ganz normal unterhalten. Sie ist selbstbewusst, frech und intelligent. Was möchte man noch mehr. Doch die Zeit meines letzten Berichtes war nicht immer eitel Sonnenschein. Ich dachte immer, meine Tochter sei an der Gehörlosenschule gut aufgehoben…. Ich denke, das muss ich revidieren, auch wenn es für den ein oder anderen unangenehm wird.

Ich war so stolz als Mercedes im Jahr 2004 eingeschult wurde. Dann lernte ich ihre Klassenlehrerin Frau R. kennen und mir wurde ganz anders. Im ersten Gespräch, welches mein Mann und ich mit ihr führten, kamen folgende wörtliche Aussagen: "Was meine Kollegen im Unterricht machen, kommt bei mir nicht vor. Die benutzen LBG während des Unterrichtes. Und das Schlimmste, sie benutzen auch manchmal LBG während der Absehdiktate. Das mache ich nicht, denn die Kinder müssen sich an die hörende Welt anpassen, nur dann haben sie eine Chance in der hörenden Welt." Mir klappte die Kindlade bis auf den Boden herunter. Mein Eindruck, sie sei dem Mittelalter entsprungen, verstärkte sich noch auf der ersten Elternversammlung. Sie sagte: "Über Lernmethoden diskutiere ich nicht, und ändern werde ich sie auch nicht."

Ab diesem Zeitpunkt war mir klar, dass wir wieder für Mercedes kämpfen müssten. Leider hat uns Frau R. auch noch dazu überredet, eine Einzelfallhelferin zu nehmen, die sie ausgesucht hat und mit der sie schon Jahre zusammenarbeitet. Wie sagten damals leider daraufhin einem gehörlosen Einzelfallhelfer ab. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle von ganzem Herzen entschuldigen. Heute weiß ich, dass es eine falsche Entscheidung war!

Frau R. führte dann auch den Unterricht wie sie angekündigt hatte. Ab der ersten Klasse mussten die Kinder Absehdiktate schreiben und vom Mund absehen. Natürlich konnte Mercedes das nicht so ohne weiteres. Ihre Muttersprache ist DGS und wird es auch immer bleiben! Jeden Tag musste Mercedes 1,5 bis 2 Stunden Hausaufgaben machen, und sie hat ein zügiges Arbeitstempo. Ich frage mich, was eine solche Lehrerin an einer Schule für Gehörlose zu suchen hat? Ich meine: gar nichts!!

Mercedes kam oft wütend und stinksauer aus der Schule und beschwerte sich darüber das Frau R. immer nur sprechen würde, ganz selten würde sie mal wenigstens auf Dinge zeigen. Mercedes verstand nicht, wenn Frau R. immer nur vor sich hin plapperte und nicht gebärdete. Wir haben versucht mit Frau R. zu sprechen, doch es hat nicht geholfen. Sie hat immer nur alles heruntergespielt und abgewiegelt, so als wenn unsere Tochter nicht nur gehörlos, sondern auch noch blöde wäre. Mercedes weiß genau was sie sagt. Die Lage spitzte sich immer mehr zu. Meine Tochter machte Hausaufgaben und sollte Fragen beantworten, sie hat sich so Mühe gegeben in ganzen Sätzen zu schreiben. Anscheinend war es falsch, sie sollte nur Zweiwortsätze schreiben und so wurden fast die gesamten Hausaufgaben mit einem roten Stift durchgestrichen, obwohl sie grammatikalisch richtig waren.

Zur zweiten Klasse haben wir dann die Einzelfallhilfe auslaufen lassen, da es nichts gebracht hat. Sie konnte den Sinn der gestellten Hausaufgaben auch nicht enträtseln, die Frau R. aufgab, obwohl sie doch schon lange mit Frau R. zusammen arbeitete. Außerdem hatte sie gerade mal einen DGS 1 Kurs gemacht und ich musste immer neben ihr und Mercedes sitzen, um zu übersetzen. Ja und jetzt ist eigentlich die Spitze des ganzen Dramas erreicht. Mein Mann war unangekündigt zum Hospitieren in der Schule, was ihr gar nicht Recht war, sie lies es aber dann zu. Im Gespräch mit meinem Mann ist sie dann laut geworden und meinte, dass unsere Tochter dann wohl mental nicht in Ordnung wäre….Die Situation entspannte ich auch nicht mehr. Mein Mann beobachtete im Unterricht, dass die Kinder eins nach dem anderen nach vorne an die Tafel gerufen wurden, um nur anhand des Mundbildes Fragen zu beantworten. Für einige Kinder mit Restgehör war es ein kleineres Problem, doch unsere Tochter ist völlig gehörlos. Frau R. zeigte auf ein Heft und fragte was da stehen würde. Dort stand "Tafel". Mercedes sagte "Taf" Dann wurde sie ohne jegliche Gebärde aufgefordert, sie solle die Tafel zeigen. Sie zeigte auf das Wort im Heft, nicht auf die Tafel, wie Frau R. es wollte.

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch folgendes beschreiben, was an dieser Schule/in dieser Klasse passiert: Gleich zu Beginn der 2. Klasse ließ uns Frau R. wissen, dass es mit den Hausaufgaben von Mercedes nicht mehr klappt. Wie auch? Frau R. ist der Meinung die Kinder müssten schon auf alles selbst achten, richtige Bücher, richtige Arbeitshefter usw. ohne dass sie es kontrolliert. So kam es, dass Mercedes ein Rechenbuch nicht dabei hatte oder das Arbeitsblatt noch in der Schule war, in das sie eigentlich Hausaufgaben machen sollte. Sie hat es dann zum Ausgleich in ein anderes Heft geschrieben. Ergebnis war, dass alle Sätze ausradiert wurden und geschrieben wurde, "Hausaufgaben vergessen!!" Was ist das für eine Lehrerin?? Wir haben uns dann bei der Schulleitung über alles beschwert, auch darüber dass weder LBG noch DGS benutzt wird und über die hartnäckige Verteufelung von Gebärden im Unterricht. Ich habe lange überlegt, ob ich das alles schreiben soll, da uns die Schulleitung um Geduld bat, sie wüsste Bescheid und würde das versuchen intern zu regeln. Die Schulleitung sagte uns, dass Frau R. sich überfordert fühlt. Und der Sache, sprich dem Unterricht von gehörlosen Kindern nicht gewachsen sei. Eine zweite Person wurde schon zeitweise in den Unterricht zur Unterstützung geholt, weil Frau R. den Unterricht manchmal verlassen würde. Aber nichts wurde geregelt. Die Schulleitung unternimmt bisher nichts. Meine Meinung ist, dass Frau R. aus dem Schuldienst für Gehörlose entlassen werden sollte. Warum arbeitet sie nicht an einer Schule für hörende Kinder? Ich verstehe nicht, wie man eine solche Lehrerin an einer Gehörlosenschule akzeptieren kann. Mein Mann hat nun aus lauter Verzweiflung bei Frau Kestner angerufen und um Hilfe gebeten. Und wenn mein Mann um Hilfe bittet, dass weiß auch Frau Kestner, dann muss es schon hart sein. Ich habe mich zu dieser schonungslosen Offenheit entschlossen, weil sämtliche Bitten und Anregungen stets auf Widerstand gestoßen sind und ganz besonders in Bezug auf Gebärden absolut erfolglos blieben. Diese Verweigerung Gebärdensprache einzusetzen eskaliert besonders in den letzten Wochen. Hausaufgaben werden an die Tafel geschrieben, ohne etwas mit Gebärden zu kommentieren. Sie weiß genau, dass sich die Kinder nicht den Sinn, die Satzinhalte, erschließen können und auch wir Eltern zu Hause rätseln müssen, weil sie nicht ausreichend formuliert sind. Wo, so frage ich, soll ein gehörloses Kind denn unterrichtet werden, wenn nicht an einer Gehörlosenschule und wenn eine Lehrerin stur bleibt und den Kindern die Muttersprache verweigert. Warum verlässt die Lehrerin nicht die Schule, warum wird sie nicht von der Schulleitung gezwungen. Ja, alles Fragen, die wir haben und bei denen uns jetzt, Gott sei Dank, Frau Kestner hilft. An dieser Stelle ein ganz liebes Danke schön! Mit gebärdenfreundlichen Grüßen Familie Morkisch

Anm. Karin Kestner Ich habe nun schon etwas unternommen und werde weiter berichten, wie sich das alles entwickelt. Da haben Eltern ihr Kind implantieren lassen, das blaue vom Himmel wurde versprochen, geklappt hat es nicht. Und nun werden den Eltern und vor allem dem Kind noch mehr Schmerzen zugemutet und Steine in den Weg gelegt. Da schaue ich nicht zu! Es muss sich endlich hier in Deutschland rum sprechen, dass gehörlose Kinder Gebärdensprache brauchen und sie ein Recht auf ihre Sprache haben. Namen aller Beteiligten Personen sind mir bekannt und ich scheue mich nicht alles Details zu veröffentlichen, sollte sich nichts an der Situation von Mercedes ändern!
Kontakt über Frau Kestner

22.09.2005

Eine schöne Nachricht erreichte mich 8 Tage nach der Veröffentlichung des Elternberichtes. Die kleine Mercedes bekommt  nach den Herbstferien 05 eine gehörlose Pädagogin in den Unterricht. Sie wird den Unterricht gleichzeitig in DGS führen. Ich freue mich sehr für die kleine Mercedes!

Karin Kestner

01.10.2005

zurück zur Übersicht der Elternberichte

zurück zur Übersicht der Schulberichte

 

 
 
Copyright © 1999-2016 Verlag Karin Kestner | Impressum | AGB