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Mein neues Leben

Bericht aus dem schwerhoerigenforum.de

ich habe sehr lange hier still gelesen und lange überlegt, ob ich mein leben in kurzer form hier einstelle. vielleicht schmeißen gleich alle dreck auf mich, weil ich erfahrungen schreibe, dich ich gemacht habe.

ich bin kimberly und jetzt 21 jahre alt. ich wurde 1991 auf der rechten seite mit einem ci versorgt, weil ich nahezu an taubheit grenzende schwerhörigkeit geboren wurde. Hg half mir nicht und mein linkes ohr ist ganz taub.

an meine erste zeit erinner ich mich nicht mehr so genau. vielleicht habe ich es verdrängt, dass was ich berichte ist alles andere als schön.

ich wurde immer wieder zu logopäden geschickt. meine nachbarskinder gingen spielen und ich war immer wieder da und musste sprechen und hören üben. wenn ich nicht logopädie hatte, wurde ich eingestellt. immer und immer wieder. mit 11 jahren wurde ich reimplantiert mit einer überholten technik. richtig sprechen und hören konnte ich da noch immer nicht. meinen eltern wurde immer wieder (falscher) mut und hoffnung gemacht und meine eltern schenkten den ärzten ihr vertrauen. ich schenkte dieses meinen eltern, denn sie wollten nur das beste für mich.

seit der reimplantation war nichts mehr wie es war. ich kam mit den geräuschen nicht klar. sie waren nur laut und stress. in der nähe unseres bungalows ist eine kirche und ihr geläute an sonn- und feiertagen konnte ich kaum ertragen und entfernte immer wieder die spule. wieder wurden die akustik angepasst, doch angenehm wurde es für mich nicht. nicht mal akzeptabel. doch der albtraum für mich zog weitere kreise. ich litt unter starkem drehschwindel und übelkeit. immer wieder musste ich mich übergeben. einfach so. mal tagsüber, mal nachts. in der schule oder an wochenenden und in ferien zuhause. hausarzt überweiste mich zum facharzt. nach einer magen- und darmspiegelung war mein verdauungsapparat unauffällig. bekam dann, was mein ständiger begleiter war, gastrosil, motilium und paspertin. das sind magentherapeutika, die die entleerung des magens beschleunigen und das brechzentrum lahm legen. der schwindel blieb. nach absetzen der magenmittel kam auch die übelkeit und brechreiz zurück. allergietest und belastungstest wurden dann auch empfohlen. alle tests waren negativ. ich hatte versäumnisse in der schule und bekam die hausaufgaben von meiner benachbarten freundin und meiner klassenlehrerin nach hause gebracht.. die ersten tage blieb auch immer meine mutter zuhause, wenn es mir schlecht ging.

meine behandelnden ärzte standen vor einem rätsel. sprechen und hören konnte ich noch immer nicht wrklich. mein hausarzt schickte mich zu einem neurologen. wieder unzählige tests und dieser hinterfragte alles rund um das CI. er ließ meinen kopf röntgen und eigentlich lag alles richtig. hatte keinen druck und auch keine blutungen oder sonstiges, dennoch kontaktierte er die ausführende klinik und wurde wie ein schwachsinniger behnadelt. wenn ich krank zu hause war, weinte ich viel, sah ich das leben meiner freundinnen und das, was ich hatte. irgendwann mochte ich gar nichts mehr.

meine eltern schleppten mich wieder in die klinik. dort wurde mir mal anorexie, mal bulimie unterstellt. dass ich noch immer nicht wirklich sprechen konnte, wurde meinen eltern angelastet, sie würden zu wenig sprechen mit mir üben und ich sei nur zu faul zum sprechen. dann war ich mal wieder hysterisch und hätte möglicherweise schulprobeme. meine klassenlehrein und die schulpsychologin konnten das gegenteil belegen. dann wurde der pubertät die schuld gegeben und dann meiner regel. das gibt sich, wenn der körper sich auch die veränderung eingestellt hatte. selbst wenn ich aber nicht meine regel hatte, war mir schlecht, schwindelig und hatte brechreiz. vor der schule aß ich oft nicht, aus angst, mich zu übergeben. trotz vieler fehlstunden waren meine noten nicht schlecht. ich hatte trotz mein rückzug aus dem leben freundinnen. einige ärgerten mich zwar manchmal, musste ich mich auch in der schule übergeben und schaffte manchmal nicht den gang bis zur toilette. ich wär vor scham am liebsten gestorben, als ich auf mein pult erbrach.

meine eltern und ich beschwerten uns, dass ich noch immer mit den geräuschen nicht klar kam. auch der schwindel und die übelkeit ging nicht weg. mit 17 bekam ich wieder ein neues CI. tolle technik und man versprach mir ein unglaubliches klangerlebnis. nach langem zögern willigte ich in die op ein. ich fragte auch, nach meiner übelkeit und mein schwindel. man versprach mir, mich zu betreuen. das atemberaubende klangerlebnis hatte ich wirklich. geräusche waren nur noch ein brei aus underfinierten krach. wortfetzen nahm ich nur von bekannten stimmen wahr. fernsehgucken oder kino war auch katastrophal. musik war laut, flüstern hörte ich nicht. ich schaltete oft den untertitel dazu, hatte aber das gefühl, etwas verbotenes zu tun. sollte ich ja nicht lesen, sondern hören. den schwindel hatte ich noch immer. auch die übelkeit.

mein schulabschluß schaffte ich mit hängen und würgen und war daurgast in arztpraxen. dazu gesellten sich kopfschmerzen, die fast schon an migräne grenzten. hinzu wurde ich emetophobisch. wenn ich dann in der stadt war, war ich gereizt durch den ganzen krach. war ich immer wieder froh, wenn ich zuhause war. kommunizieren konnte ich noch immer nicht. hören auch nicht. wie sollte ich so eine arbeit finden? oder ein ausbildungsplatz?

mein vater vertraute noch immer den ärzten, meine mutter mittlerweile immer mehr mir und ihrem herzen. so konnte es nicht mehr weitergehen und so wollte ich auch nicht mehr weiter machen. das war kein leben.

2007 entschied ich für mich selber. ich wollte das CI loswerden. im november vereinbarte ich gemeinsam mit meinem arzt eine entfernung. der termin wurde für anfang januar bestätigt.

im dezember, nach einem arztbesuch, meldete ich mich für februar zum DGS kurs an und als ich am bahnhof stand und auf meine s-bahn wartete, den krach der ganzen züge nicht mehr ertragen konnte und auch nicht mehr wollte, machte ich den für mich vielleicht besten schritt. ich nahm die spule ab und warf sie in den mülleimer auf dem bahnsteig, stieg in meine bahn und fuhr heim. am 8 januar wurde mir der rest entfernt und seit februar lerne ich DGS. ich lerne gut und schnell und kann mich auf einmal mitteilen.

gebrochen hatte ich nur noch ein einziges mal, als ich aus der narkose am 8. januar 2008 erwacht bin. seitdem bisher nicht mehr. ich habe auch keinen schwindel mehr. ich bin nur manchmal verwirrt, wei ich die stille in mir und die hektik um mir nicht ganz verarbeiten kann aber mein körper stellt sich noch mal um. ich gucke wachsamer und mein taktgefühl scheint sensibler zu sein.

liebe eltern die hier schreiben. es kann gut gehen, das weiß ich. aber es kann auch nicht so gut gehen und dann ist die kindheit und die jugend weg. ich hatte nicht das, was man kindheit und jugend nennen kann. ärzte freuen sich, wenn ein kind 10 neue wörter spricht. aber ein geringer wortschatz reicht nicht aus. vertraut nicht nur den ärzten, sondern seit wahsam gegenüber den kindern. ich schreibe das hier, damit kein kind genau das durchmachen muss.

im september beginne ich als gehörlose junge frau eine ausbildung und ich freue mich darauf. in foren habe ich ebenfalls sehr nette gehörlose menschen kennen gelernt. im DGS kurs habe ich zum ersten mal einen freund kennen gelernt und unter uns üben wir viel in dieser für mich neuen sprache, die mein zuhause geworden ist.

ich bin angekommen.

kimberly

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