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Gebärdensprache für Kinder und Erwachsene mit ADS

Meine Gründe zum und Erfahrungen beim Erlernen der Deutschen Gebärdensprache von Inge Wasserberg (02.01.2004)

Seit Februar 2002 bin ich als "ADSlerin und von SI-Störungen betroffen" diagnostiziert. Ich erhalte mit gutem Erfolg Amphetamin (kombiniert mit Imipramin) und seit April 2002 Ergotherapie. Ebenfalls seit April 2002 erfülle ich mir meinen Wunsch, die Deutsche Gebärdensprache ( D G S ) zu erlernen. Bei meiner Motivation zum Erlernen der DGS kann ich zwei Hauptthemen kennzeichnen:

1. Das Gebiet meiner "möglichen, weil niemals korrekt diagnostizierten" Hörverarbeitungsstörungen

2. Das Gebiet meiner SI-Störungen im Bereich der Kienästhetik

 

Bereich Hörverarbeitungs-Störungen:

In der Kindheit (*1963) hatte ich oft Erlebnisse, dass während einzelner Gespräche mein Hören Zeit versetzt zum Sehen verarbeitet wurde. Die Wirkung war die eines schlecht synchronisierten Filmes und in der Folge im sozialen Kontakt "die GLASWAND" !. Das alles hat mir fürchterliche Ängste bereitet, besonders weil ich meine Erfahrungen niemandem mitteilen konnte: Ich konnte sie mit niemandem teilen. Weder meine Eltern, noch die weitere Familie, noch Lehrer oder Sporttrainer, Ausbilder, so genannte Freunde und Kollegen oder Ärzte. Keiner wollte / konnte mit diesem Thema belastet werden. Für jeden war es die einfachste Erklärung, mich wahlweise als "noch ein Kind und deshalb phantasiereich", "ungeschickt und dumm", später als "verrückt" und / oder "Hypochonder" zu betiteln.

Um mir selbst Hilfe zu geben, entdeckte ich nach einiger Zeit, dass ich meine Hörprobleme auf zwei Arten regulieren konnte:

1. Möglichkeit: Im Gespräch das Vermeiden von Blickkontakt mit Konzentration auf die Sprachmelodie. Den Sinn des Gesagten erfasse ich auch, aber nur ungenau. Im Gegensatz dazu habe ich ein exzellentes musikalisches Gehör.  Wirkung: Soziale Probleme, da mein Gegenüber meint, ich hörte nicht zu.

2. Möglichkeit: Im Gespräch das Ausblenden des Hörens ("auf taub schalten"). Nun auf Mundbild, Mimik, Körpersprache, Gestik achten. Blickkontakt zum Gegenüber ist nun möglich, d.h. weniger soziale Probleme. Leider geht auch ein großer Teil der Sachinformation verloren.

Aus den Möglichkeiten "1" und "2" entwickelte ich eine Technik, zwischen beidem in schnellem Tempo zu wechseln.

Wirkung: Nun konnte ich dem Gespräch folgen, hatte zeitweise Blickkontakt, bekam ungefähr ¾ der Sachinformation mit.... Und es war äußerst anstrengend! Spontanität unmöglich! Small Talk wurde bzw wird von mir nach Möglichkeit vermieden, um meine Kraft für den Transport von mündlichen Sachinformationen aufzusparen.

Ich entwickelte zusätzlich die Technik, soziale Kontakte soweit wie möglich am Telefon (Blickkontakt nicht notwendig!) oder aber schriftlich (noch besser!) vorzubereiten. Auch für diese Technik brauche ich ungeheure Kapazitäten an Kraft und Zeit. Auch hierbei geht jegliche Spontanität verloren.

Ich suchte nach einem Weg, der es mir gestatten würde, soziale Kontakte "einfach so" und vor allem ganzheitlich erleben zu können...

 

SI-Störungen im Bereich der Kienästhetik:

Als Kind wusste ich nicht, Richtungen zu unterscheiden. Es existierte kaum Gespür für Körperschema / Körperbild.

Nachdem ich schreiben konnte (ca. 7 Jahre alt), entwickelte ich die Technik, mental die Gegenstände im Raum um mich herum "zu beschriften". (Die Decke hatte das Wort "oben", der Fußboden "unten", bestimmte Dinge im Raum "vorne / hinten" bzw. "rechts / links". Das Problem hierbei war, dass Gegenstände im Raum statisch sind und sich nicht mit mir bewegten. D.h. wenn ich mich umdrehte, waren nun "vorne/hinten" bzw, "rechts/links" auf der verkehrten Seite!

Die Erziehungsversuche meiner Eltern, mir in den stetig wiederholten stundenlangen Vorträgen und durch Schläge bzw., sonstige phantasievolle Sanktionen, das zu vermitteln, was ich intellektuell längst wusste, aber über den Körpersinn nicht erfassen konnte, erwiesen sich als... (Thema in die Mülltonne!)

Die Unfähigkeit, mir Richtungen und Bewegungen meines Körpers zu merken, war katastrophal für den Sportunterricht, für alle Bewegungs-Abläufe im Alltag. Beispiel: In welche Richtung muss ich nun diese Flasche öffnen oder schließen, jenen Schlüssel im Schloss drehen, habe ich soeben auf- oder zugeschlossen? Täglicher permanenter Kleinkrieg mit Knöpfen, Reißverschlüssen, Schreibschrift. Motto: "Hach, wie komisch, wir haben Mister Bean in der Familie! Kommt mal alle rum und guckt Euch die bescheuerte Inge an, die kriegt die einfachsten Dinge nicht zustande!"

Hilfe war weder für mich, noch für die von mir und meinen "idiotischen Geschichtchen" völlig überforderte Familie möglich!

Sinnvolle Hilfe zum Thema "Bewegungs-Schulung" habe ich durch einen anderen Menschen erstmals während meiner Fahrschulzeit erfahren (1985). Unzählige Male hatte meine Fahrlehrerin mir die Hände geführt, um mir Bewegungsabläufe zu verdeutlichen.

Wirkung: Zum Ende der Fahrschulzeit hatte ich ein internes, körpereigenes Gefühl für rechts und links entwickelt!!

1995 bin ich allein erziehend mit beiden Söhnen in eine neue Wohnung gezogen. Um mir besser merken zu können, in welche Schublade ich irgendeinen Gegenstand gelegt hatte, färbte ich die Holzfronten mit Seidenmalfarbe und beschriftete sie bezgl. des Inhaltes. (Grund: Sonst waren die Sachen immer "verschwunden", weswegen ich alles immerzu und x-mal neu kaufte!). Nach ca. 3 Monaten hatte ich ein inneres Bewusstsein entwickelt, welcher Gegenstand bei welcher Farbe "wohnt".

Um meinen "ADS"-Kindern das "Ordnung halten" zu erleichtern, kam mir die Idee, viele Schuhkartons zu besorgen. Dazu überlegte ich mir, mit welchen Farben ich die "Ordnungs-Themen" codieren könnte. So gilt jetzt für uns drei: rot=Patrick; blau=Ralf; orange=Wohnung; grün= Elternarbeit; weiß= ich Beruf; gelb= ich privat: Dieses Prinzip wird angewandt bei den vielen Büchern, Dokumenten, Ordnern, Fronten der Schuhkartons als Inneneinrichtung von Kleider- und anderen Schränken, Bügel usw.  Wirkung: Ich und die Kinder wissen jetzt die "Adressen" der (codierten ) Gegenstände!

 

Seit April 2002 erfahre ich nun Vergleichbares im Bereich der Bewegung:

Genauso wie die Gegenstände in meinem Leben eine "Adresse" benötigen, damit ich ihren Platz erinnern kann, erlebe ich jetzt sehr positiv: Durch das Training der Gebärdensprache (also visuell / kienästhetische "DGS-Vokabeln" geordnet nach raumgreifender "DGS-Grammatik") werde ich zunehmend befähigt, Bewegungen präzise auszuführen, zu erinnern, sowie nun immer komplexere Bewegungsabläufe der Gebärden-Gespräche zu gestalten.

Ich werde zunehmend geschickter darin, meine Bewegungen zu unterscheiden nach Richtung, Körperebene und im Erfahren des Raumes um mich herum.

So hat das Erlernen der Gebärdensprache für mich etliche positive Wirkungen:

1. Bewegungen können von mir präzise erinnert und ausgeführt werden, sofern sie als "Gebärden-Adresse" codiert sind.

2. Soziale Kontakte sind mir jetzt im Kontakt mit Gebärdensprechern "einfach so" möglich, sofern ich zum Thema genügend Gebärden-Vokabeln beherrsche.

3. Sofern meine Vokabel-Kenntnisse noch unzureichend sind, erlebe ich wiederum die beschriebene "GLASWAND". Doch ist "diese Glaswand" nun "normal", weil sowohl den Gehörlosen die alltäglichen Kommunikations-Barrieren mit Hörenden vertraut sind, als auch alle Kurs-Teilnehmer im Unterricht die Barriere der Gebärden-Sprachlosigkeit und damit "diese Glaswand" erleben. Nun bin ich nicht immerzu nur der komische Vogel, sondern so wie alle anderen auch.

4. Meinen bisherigen Gebärden-Lehrern (Visual Hands: Gunter Puttrich-Reignard, Simone Lönne, Mathias Schäfer) hatte ich frühzeitig, aber voller Angst meine Lern-Probleme offenbart. Für mich zum Glück, hatten bzw. haben sie alle das Talent, weil/obwohl selbst gehörlos, sich in die Fähigkeiten der (hörenden!) Kursteilnehmer einzufühlen.

5. Es ist für mich so heilsam, wenn die "GLASWAND" sich nun in Kontakt und Kommunikation auflöst: Mit dieser neuen Möglichkeit werden bei mir uralte Bedürfnisse gestillt: Endlich!! direkten, unverstellten menschlichen Kontakt zu erleben! Wer weiß, vielleicht werde ich eines Tages sogar Freude daran entwickeln, mich mit anderen Gebärdensprechern in Small Talk zu wälzen und Stunden mit "sinnlosem Geschwätz !?" zuzubringen?

Wieso schreibe ich diesen Text? Welche Wirkung erhoffe ich mir für mich oder den Leser?

1. Gerne hätte ich mit meinen Kindern mehr Kontakt als bisher zu anderen Menschen mit ADS. Wir bieten zum Thema ein breites Angebot:

- Ich (Inge, 40J): mit ADS und SI.

- Ralf, 15J: HKS mit SI und Erfahrung mit extremer Winkelfehlsichtigkeit

- Patrick, 12.J: schwerhörig und SI mit ADS und autistischen Zügen.

2. Anregung zur Themenbezogenen Diskussion der interessierten / betroffenen Personen; ob nun Fachkraft oder nicht.

3. Einladung an ADSler, selbst auch Gebärdensprache zu lernen.

ADSler haben in ihrer Entwicklung meines Erachtens nach so oft Parallelen zur Entwicklung frühkindlich Gehörloser. Beispiele: ausgeprägtes visuelles Denken, Erfahrung der Ausgrenzung und des permanenten Andersseins, Erfahrung, die eigenen Bedürfnisse z.T. über Jahre nicht kommunizieren zu können.

Meiner Meinung nach, sind hörende ADSler prädestiniert, eine Brücke der Kommunikation zwischen der Visuell-Welt der Gehörlosen und den hörenden "Normalos" zu bilden.

Solch eine Verbindung könnte durchaus zu einer Symbiose zwischen ADSlern und Gehörlosen werden: Aus Notwendigkeit hat die Gehörlosen-Gemeinschaft ihre eigene Sprache, Poesie, Traditionen, das Selbstverständnis als Gehörloser o.k. zu sein, entwickelt.

Ein derartiges Selbstverständnis müssen ADSler als Gruppe hingegen erst noch entwickeln. ADSler können von Gehörlosen also viel lernen.

Es ist jetzt ein Jahr her, seitdem ich den Text geschrieben habe.

Damals glaubte ich, den absoluten Schlüssel wegen meiner Bewegungs-Probleme gefunden zu haben.

Kurz danach begann ich meinen ersten DGS 3-Kurs bei Mathias Schäfer und saß voll in der Patsche!!

Genauso wie bei den Stammtisch-Gesprächen verstand ich die ganze Zeit über gar nichts!

Total miserables Gefühl. Fühlte mich absolut fehl am Platze.

Mein ADS spielte mir Streiche. Ließ regelmäßig meine Konzentration zusammenbrechen.

Auch wusste ich nicht, das es längere Zeit brauchen würde, bis ich genügend Kapazität aufgebaut hätte, allein visuell die Sprachsignale wahrzunehmen.

Zusätzlich brauchte ich auch eine Möglichkeit, das "störende Hören" auszuschalten. Per Verstand das Hören auszuschalten, war hier nicht angezeigt. Den Verstand brauche ich, um die Sprache zu lernen. Es helfen mir nun Silikonstöpsel, die sehr schön die meisten "Nebenbei-Geräusche" wegdämmen. Und da ich mit den Stöpseln im Ohr akustisch tatsächlich nur wenig verstehe, ist es für alle in der Lerngruppe ein zusätzlicher Anreiz, auch in der Unterrichts-Pause (mit mir) zu gebärden.

Meine Technik, mir die DGS-Vokabeln zu notieren, funktionierte in diesem Kurs nicht! Warum? Wir begannen, den Umgang mit Klassifikatoren zu lernen.

Was sind Klassifikatioren?

Das sind tradierte DGS-Vokabeln, die außerdem mit einer oder mehrerer Eigenschaften zu einer einzigen, neuen Gebärde verknüpft sind.

Die Hände zeigen dabei eine bestimmte tradierte Gebärde an, aber variiert durch die Zusatz-Eigenschaften. Da gibt es zum Beispiel nicht nur ein "Auto". Es gibt langsame Autos, welche mit kaputtem Motor, im Stoßverkehr, rasend auf der Autobahn, auf Serpentinen kurvend oder bergab bei Glatteis rutschend.

Die Mimik zeigt an, ob die Situation zB anstrengend oder locker ist, witzig oder traurig ist.

Der Körper zeigt an, ob der Sprecher sich mitten im Rollenwechsel befindet.

Das alles innerhalb von Sekunden und für jede einzelne Modifikation neu zu notieren, ist mir nicht möglich.

Und ich hatte zu der Zeit noch nicht die Geschicklichkeit, aufgrund meines neu erworbenen DGS/Vokabel-Gerüsts mich an die erforderlichen Bewegungs-Abläufe für die Klassifikatoren zu erinnern.

Steckte deshalb also absolut in einer Sackgasse. Und ich war so enttäuscht! Weil, ich fühlte der Weg war gut.

Ich fühlte, DGS-Vokabeln helfen mir, warum kommen die mir dann mit ihren blöden Klassifikatoren in die Quere?

Andererseits spürte ich die Schönheit, die Eleganz der Gebärdensprache.

Ich spürte auch die Pflicht, da mir durch DGS, die Sprache der deutschen Gehörlosen, geholfen worden ist, meinerseits etwas zurückzugeben.

Mit solchen Gefühlen erlebte ich das vergangene Jahr 2003. Seit Herbst 2003 beginnt sich bei mir eine neue Fähigkeit herauszubilden:

Meine Fähigkeit, mich an Bewegungen aufgrund des nun vorhandenen "DGS-Gerüstes" zu erinnern, gestattet es mir zunehmend, eine Gebärden-Bewegung nicht nur in einer einzigen Form zu erinnern und auszuführen. Sondern ich kann jetzt Bewegungen bereits in der Planung variieren. Somit sind mir erste, zaghafte "Modifikationen" von tradierten Gebärden möglich.

Es ist mir ebenfalls erstmals möglich, meinen Körper in von mir bestimmte Richtungen zu drehen, wie dies für den Rollenwechsel (eine Form der DGS-Grammatik) notwendig ist.

Diese Fähigkeiten sind allesamt noch stark in ihren Anfängen und ich werde in "echten" DGS-Gesprächen noch oft auf die Nase fallen, weil mein Gegenüber nicht weiß, was bei mir das Problem ist.

Denn es ist schwer für mich, zu vermitteln, dass ich zwar hörend bin, aber meine Motorik von mir im Kopf nur mit großen Schwierigkeiten geplant werden kann.

Diese Kommunikationsprobleme erlebe ich im Kontakt mit Hörenden aber mindestens genauso oft wie mit Gehörlosen.

Ich hoffe, es wird mir weiterhin möglich sein, diese schöne Sprache zu lernen. Und ich hoffe, ich darf immer im Kontakt mit Gebärdensprechern sein, die genügend Geduld aufbringen, mich im Gespräch mit ihnen ihre Sprache zu lehren, obwohl es etwas länger dauert, bis ich meinen Satz formuliert habe, ich aber schon so lange Unterricht nehme. Ich danke den Lesern dieses Textes für ihre Geduld.

Inge Wasserberg.

Kontakte:

Gebärdensprachschule

Visual Hands Schäfer & Schick

Schulzestraße 1 Berlin-Pankow / S-Bhf Wollankstr.

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FAX: 030 - 44 32 85 01

Tel: 030 - 44 32 85 00

Sprechzeiten am Telefon: Di + Do, 10-13 h

Verfasserin dieses Textes: Inge Wasserberg

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