Elternhilfe

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Elternberichte

 

Das Kind mit CI in meiner Gruppe

Eine Erzieherin berichtet

Liebe Karin Kestner,

Ich schicke Ihnen den versprochenen Bericht, es ist ein ehrlicher Bericht. Ich habe keine Erlaubnis von meinem Chef erhalten diesen Bericht zu schreiben, deshalb ändern Sie bitte den Namen. (auch den Namen des Kindes)

Ich arbeite seit 1977 in einem Schulkindergarten für körperlich und mehrfachbehinderte Kinder. Selbst habe ich eine mehrfachbehinderte Tochter (Schwerhörigkeit an Taubheit grenzend) habe also selbst viel Erfahrung gemacht, negativ wie positiv.

Darstellung eines Kindes in unserer Einrichtung:

Inge (Name geändert) ist seit 1997 im September in meiner Gruppe. Sie kam 3 Monate nach ihrer CI-Operation zu uns. Inge trug vor ihrem Implantat 2 HDO Geräte, ca. 1 Jahr lang. Sie bekam mit 2 Jahren ihre erste Hörhilfe. Sie kam damit nicht gut zurecht, da auch ihre Eltern kaum richtig über den Lernprozess und die Anpassung der Geräte informiert waren. Die Eltern erhofften sich den Effekt des sofortigen "normalen Hörens". Das Kind war entwicklungsverzögert. Selbst die Frühbetreuung, die nach meinen Erfahrungen immer sehr schnell mit den Eltern fertig waren, die selbst immer den Erfolg sehen wollten, brachten den Eltern nicht die Hilfe, die sie eigentlich brauchten. Besuche waren und sind bei solch schwierigen Kindern heute noch sehr unregelmäßig. Die Eltern, vor allem die Mutter, suchten Hilfe bei einem Arzt und fragten auch die Frühförderung nach anderen Möglichkeiten.

So kam Inge nach kurzem hin und her zum Implantat.

Die Zeit im Kindergarten bereitete sehr viel Mühe und Zeitaufwand für die allgemeine Förderung des Kindes. Die Eltern sind hierbei immer wichtig, ebenso die Geschwister. Ich wurde von einem CI- Zentrum mit einem Kontakt-Heft kurz informiert, was ich bei den jeweiligen Einstellungen des Gerätes beachten muss.

Die Eltern wurden dort in allen Dingen der Anpassung, Gebrauch und Instandsetzung des Gerätes beraten. Kleine Wochenendkurse oder 2-3 tägige Aufenthalte sorgten dafür, das Inge in der Sprache und im Sprachverständnis weiterkam. Zusätzlich hat das Kind bis heute 1 mal wöchentlich Logopädie.

Da mir dies etwas einseitig schien, schrieb ich in dieses Kontaktheft. Ich klärte auf über den allgemeinen Entwicklungsstand des Kindes und dass ich der Meinung wäre, man müsste mehr auf die allgemeine Entwicklung wert legen. Dazu schrieb ich auch, dass ich die Lautsprachbegleitenden Gebärden einsetzen würde. Das war offensichtlich ein Dorn im Auge des CI - Zentrums. Man ließ nichts mehr von sich hören bis auf einen kurzen Bericht, dass die Entwicklung des Kindes sehr zufriedenstellend ist und ich (wir) doch auf das gesprochene Wort mehr Wert legen sollen, denn Gebärdende werden sprechfaul.

Das gleiche ereignete sich wohl auch im Gespräch mit der Logopädin. Sie meldete sich nie bei uns und ich erfuhr über die Mutter, was und wie gearbeitet werden solle. Doch weiter kam nichts zustande. Auf Grund einer Äußerung der Mutter über einen Wechsel des Kindes in den Regelkindergarten im Jahr 1999 zeigte sich, dass die Logopädin ihr diesen Wechsel vorschlug, um die Sprache voranzutreiben.

Ich hielt das für eine krasse Fehlentscheidung.

Ich rief die Logopädin an. Ich versuchte ihr zu erklären, dass es eine Fehlentscheidung sei. Ich erklärte ihr wie sich das Kind bei uns verhält und wie die Entwicklung des Kindes aussieht und vor allem wo es steht. Inge war nicht gruppenfähig, egozentrisch und aggressiv gegenüber anderen Kindern. Meist spielte sie isoliert vor sich hin und suchte Hilfe bei Erwachsenen. Sie mischte sich überall ein, verstand aber nicht was andere sagten oder spielten. Sie sprach zwar, aber nie im Zusammenhang, es waren nur die antrainierten Worte.

Nach den Gesprächen mit den Eltern und der Logopädin merkte ich, dass Inge ihr Gerät immer öfter wieder in Einzelteile zerlegt, was sie anfangs schon oft tat. Wenn sie nichts hören wollte, drehte sie einfach die Spule ab. Meistens kam das vor, wenn sie merkte, dass sie nicht im Mittelpunkt war.

Inzwischen trägt sie ihr Gerät und benutzt die Lautsprachbegleitenden Gebärden. Immer wieder merke ich aber, dass die Eltern von diesen Leuten sehr stark beeinflusst werden, die sehen nur den einen Teil, die Sprachentwicklung, sehen aber nicht die gesamte Persönlichkeitswicklung zu einem selbstständigen Menschen. Ferner ist meine Meinung: Eltern wünschen immer das Beste für das Kind. Sie vergessen aber, dass die Behinderung trotz technischer Hilfsmittel bleibt. Inge wird trotz Implantat immer auf Gebärden angewiesen sein, so dass ich sicher nicht der Einschulung, die im Sommer erfolgen sollte, zustimmen kann. Ich wünsche mir, dass eines Tages der Mensch als ganzes gesehen wird, nicht nur als Ausschnitt. Auch behinderte Kinder sollen Freude am Leben haben, aber wie, wenn man sie als "Normal" mit kleinen Handycaps in die Welt schickt und meint man hätte mit Technik das Beste für das Kind getan. Spätestens als Erwachsene sind sie einsam und können keine Beziehungen erhalten. Dann haben wir die Vereinsamung. Ist das erstrebenswert?

Margot Holzmann (Name geändert)

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