Elternhilfe

Hilfe für Eltern gehörloser Kinder

Elternberichte

 

So geht es mir heute

Ein Brief an Eltern von Frau M. B.

Liebe Frau Kestner,

mit großem Interesse habe ich Ihre Elternberichte gelesen und ich möchte auch dazu ein paar Zeilen schreiben. Ich bin 46 Jahre und habe seit meiner Geburt eine schwere Innenohrschwerhörigkeit. 1955 als ich geboren wurde war die Technik noch nicht allzu weit und es gab auch bei Kindern nicht die Vorsorgeuntersuchungen die es heute gibt. Meine Mutter bemerkte es erst mit 2 1/2 Jahren daß etwas nicht stimmte und ein Glück das wir unseren Hausarzt hatten. Viele Akustiker und Ärzte schütteln heute den Kopf, wenn ich meine Geschichte erzähle, weil es nicht in ihr Schema passt. Der Hausarzt riet meiner Mutter mich in den Kindergarten zu schicken damit ich mit Kindern zusammen bin und vielleicht etwas aufschnappen könnte. Ich kam also in den Kindergarten und hörte Geräusche und wenn ich nach Haus kam wollte ich meine Eltern auch sprechen sehen. Nach Monaten fing auch ich an Laute von mir zu geben. Es waren keine Wörter auch keine Sätze aber für meine Eltern ein Lichtblick. Sie ließen es dann auch erst mal dabei, aber ich zog mich immer zu Erwachsenen hin die aus der besonderen Situation heraus sich meiner auch immer gleich annahmen. Die Kindergärtnerin beschäftigte sich viel mit mir während die anderen Kinder spielten, so wurde sie meine Bezugsperson. Als ich 6 Jahre alt wurde kam die große Frage was nun.

Ich konnte nicht eingeschult werden, da außer Laute nichts möglich war. Wir suchten dann einen Ohrenarzt auf der mich untersuchte und mich nach Marburg in die Universitätsklinik schickte. Dort wurden dann die Rachenmandeln entnommen, weil die auf die Membrane drücken. Mein Gehör wurde um etwas besser, aber leider noch nicht schultauglich da keine Sprache vorhanden war. Ich kam dann nach Braunschweig in die Taubstummenanstalt. Es war ein Heim, wo ich von Montag bis Samstag blieb. Alle Kinder die dort waren, waren GL. und ich die einzige die Laute von sich gab. Um zu Kommunizieren lernte ich nun auch die GBS. Ein Lehrer dieser Schule sehr jung und ehrgeizig fand gefallen an mir und sah es als eine Herausforderung mir doch das Sprechen bei zubringen. Während die Klasse beschäftigt wurde, stand in der Ecke des Raumes ein großer Spiegel mit einem Stuhl davor. Ich saß bei ihm auf dem Schoß und wir schauten beide in den Spiegel, wo er mir dann die Bewegungen der Lippen demonstrierte. Wenn etwas nicht klappte nahm er meine Hand führte sie zu seinem Kehlkopf und ich musste es an meinem Kehlkopf wiederholen. Bei verschiedenen anderen Wörtern, hatte er einen Luftballon, den ich in meinen Händen hielt und er Wörter mit seinen Lippen vibrieren ließ, was ich dann nach machen musste. In 1 1/2 Monaten Sprach ich deutliche Sätze konnte das ABC und Grundrechnen. Ich habe eine gute Aussprache, die alle schweren Laute wie ST,DT,SCH etc. ohne Schwierigkeiten beinhaltet. Ich bekam mein erstes Training für mein erstes Hörgerät mit der Größe einer Zigarettenschachtel und ich war sehr eitel ich versuchte alles um es zu verbergen. Als alles so weit war, kam ich in eine Volksschule und konnte gleich integriert werden. Für mich war es schwierig, weil, ich mein Gerät unterm Pullover auf der Brust trug, beim toben musste ich aufpassen, dass keiner darauf schlug, das rascheln der Kleidung war störend, beim Sport sollte es keiner mitbekommen, wenn ich es abmachen musste. So machte ich es auf dem Schulweg damit meine Mutter es nicht bemerkt wieder ab. Ich habe mich aus Scham was weiß ich viele Jahre in der Schule durch geschummelt, dem Lehrer von den Lippen abgelesen und beim Diktat dem Lehrer ins Gesicht geschaut und auf seine Zustimmung gewartet, ob ich nun richtig geschrieben habe oder nicht. Ich habe sehr viel Verständnis erfahren. Nach meiner Schulzeit große Frage was lerne ich?

Ich wollte ins Hotel viele Menschen kennen lernen und lernte Hotelfachfrau. Jetzt bekam ich mein erstes Hörgerät hinterm Ohr. Jetzt konnte ich nicht mehr schummeln und es heimlich heraus nehmen, jetzt musste ich aufpassen und durchlief alle Abteilungen vom Zimmermädchen bis zum Empfang. Bald war mir klar ich wollte Reisen also fuhr ich 10 Jahre durch Deutschland um in mehreren Hotels zu arbeiten. Nach 10 Jahren Saisonarbeit wollte ich sesshaft werden und ging zurück nach Braunschweig. Ich beantragte einen Schwerbehindertenausweis und nutze meine Vorteile. Seit 31 Jahren habe ich beim Kauf der Hörgeräte dazu zahlen müssen, niemand hat mir gesagt das es einen Fond gibt der es mir ermöglicht diese Hörgeräte kostenlos zu erwerben. Ich dachte mir, wenn ich diese Geräte nicht bekomme würde ich ein Sozialfall sein. Das Versorgungsamt wollte 5 Kriterien erfüllt haben:

1. Arbeitsvertrag
2. Stellenbeschreibung
3. Arbeitsnachweis
4. Schwerbehindertenausweis
5. Kostenvoranschlag

Ich finde es sehr traurig, dass mir niemand etwas davon erzählt hat und ich es so spät erfahren habe.

Zu dem CI möchte ich nur folgendes sagen, seit ich mich darüber informiert habe, sah ich das Ausmaß und den Umfang dieser OP und ich finde es furchtbar, dass kleine Kinder schon einen Eingriff bekommen, ohne das große Erfolge zu verzeichnen sind. Diese Kinder oder Menschen stehen zwischen den gehörlosen und den hörenden die Gebärdensprache sollen sie nicht lernen und kommunizieren können sie aber auch nicht. Der GL. entwickelt viele seiner Sinne außerordentlich, wir fühlen und vor allem sehen wir und ich denke mal das bei einem CI sehr viel verloren geht.

Die Sendung mit der Maus hat viele Kinder motiviert ein Hörgerät zu tragen. Die Kinder sind erstaunlich, sie wollten die Geräte untereinander austauschen was ja gar nicht möglich ist, weil das Ohrenstück nicht passt, aber wenn die Wissenschaft noch etwas weiter geht, könnte man darüber nachdenken, ob ein Kind nicht selbst entscheiden möchte, ob es ein CI haben möchte den dann ist der Wille auch da. Ich weiß das Ärzte und Akustiker jetzt die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, aber Sinne sollen sich entwickeln können und die Gebärdensprache ist nichts, wofür man sich schämen muss, im Gegenteil sie ist eindrucksvoll und imposant.

Im Grunde geht es der Wissenschaft nur ums Profit und abgesehen davon sie wollen lernen forschen und doch sind diese OP`s sehr kostspielig. Lernen auf Kosten der Behinderten. Wenn die Menschen auch heute langsam unmerklich ihr Gehör verlieren und verlernt haben einige Geräusche zu hören, so wird der Akustiker schon dafür sorgen daß der Mensch wieder hören kann. Säuberlich über Computer wird das Gerät eingestellt. Mit neuem ungewohntem Hören werden die Menschen auf die Straße geschickt, und sie zucken zusammen als breche der Krieg über sie ein. Ich werde nie verstehen, warum die Akustiker die Geräte nicht erst mal etwas leiser einstellen zum hören damit man sich wieder an eine neue Geräuschswelt gewöhnen kann. Ich kenne zig Fälle, wo diese Geräte in die Schublade wandern. Ich bin seit Jahren dabei, jedes Gerät zu testen, bevor ich es kaufe. Akustiker profitieren von meinen Erfahrungen, ich sage ihnen welches Gerät für welche Situation geeignet ist. Klang ist nicht gleich Klang.

Abschließend möchte ich noch sagen, egal ob ich meine 100 % Hörfähigkeit erreicht habe, eine Maschine ist eine Maschine und wir werden auch mit den besten Hörgeräten nie so hören können wie ein Hörender, weil wir die Geräusche nicht wegfiltern können, sondern sie sind immer da, ob wir sie hören wollen oder nicht. Deshalb sage ich allen ich bin auch froh, wenn ich sie mal nicht tragen muss, keine störenden Geräusche, sondern jetzt vor dem PC sitzen, Ihnen schreiben, ohne durch das Geräusch einer Waschmaschine oder eines Autos auf der Straße genervt zu werden. Denn Hören ist auch anstrengend für uns. Ich hoffe einigen Eltern Mut gemacht zu haben und ich bin auch bereit meine Erfahrungen weiter zu geben.

So, liebe Frau Kestner, das wär es für heute.

Mit freundlichen Grüßen M.B.

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