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Rainer - von Gebärdensprache zur Lautsprache

Frau Bettina Schillings

Auf der Suche nach dem Thema Schwerhörigkeit im Internet bin ich auf Ihre Seite gestoßen. Ich finde Sie ganz toll gemacht und auch die Informationen sind hervorragend.

Ich selbst bin Mutter eines nach einer Meningits an Taubheit grenzend schwerhörigen Sohnes. Es ist mittlerweile 6 Jahre alt. Er geht in Aachen in der Gehörlosenkindergarten und kommt dieses Jahr dort in die Schule. Nach allem was ich so im Netz gelesen habe war ich schon geschockt zu erfahren, dass es gehörlose Kinder gibt, die ohne DGS aufwachsen müssen. Das kann ich nicht verstehen. Über die DGS (minimale Kenntnisse) sind wir an unseren Sohn "rangekommen". Wir haben aber das Glück, dass in unserem Kindergarten bzw. Schule alle Pädagogen zumindest LGB können und sie auch bei den Kindern einsetzen.

Dass unser Sohn heute lautsprachlich so gut ist, führen wir zum großen Teil auf die Gebärden zurück. Denn bei einem normal hörenden Kind werden doch auch Gebärden (natürliche) angewandt, wenn es noch nicht sprechen kann. Diese Diskussion kann ich nicht verstehen. Wenn ich mit einem Menschen in Kontakt treten möchte, geht das doch nur über Sprache. Egal ob Lautsprache, DGS, LGB oder englisch oder andere Sprachen. Man sollte Gegner von DGS mal in China abladen und dann sehen wie sie zurechtkommen ohne Gebärden.

 

Hier mein Bericht über uns:

Von Bettina Schillings, Inden

Mein Name ist Bettina Schillings, ich bin verheiratet und habe 4 Söhne im Alter von 19,18,11 und 6 Jahren. Der 11 jährige ist in seiner Sprachentwicklung zurückgeblieben und hat seinem Bruder den Weg zur Anerkennung einer Behinderung geebnet. Das eine Sprachentwicklungsverzögerung auch eine Behinderung sein kann, habe ich lange Zeit von mir gewiesen, bis ich den Briefkopf der Sprachenheilschule gelesen habe. Dies nur am Rande erwähnt.

Rainer (heute 6) wurde im Februar 1995 als gesundes Kind geboren. Durch Johannes (11 Jahre) etwas sensibilisiert habe ich auch diverse Hörteste mit Rainer als Baby gemacht und hatte keinen Zweifel, dass er nicht hören könnte. Er war wohl ein anstrengendes Baby (ist heute noch anstrengend) und entwickelte sich normal. Da ich schon mehrfache Mutter war hatte ich schon Vergleichmöglichkeiten und konnte nicht sagen, dass mit dem Kind etwas nicht stimmte. Am 15.5.1996 erkrankte Rainer an einer Pneumokokkenmeningits. Dies war der Höhepunkt in diesem Jahr. Er hatte im Januar eine schwere Brochitis, erkrankte an Rota-Viren, die einen 10 tätigen Aufenthalt im Krankenhaus nötig machte. Er machte die Windpocken zu Ostern durch und hatte noch eine starke Angina. Somit war sein Immunsystem wohl am Boden als die Pneumokkoken kamen.

Das Horrorjahr meines Lebens.

Er musste auf der Intensivstation im Kölner Kinderkrankenhaus 5 Tage im künstlichem Koma liegen. Es war furchtbar. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass sein Leben auf Messers Schneide gestanden hat.

Damals hatte ich nur Angst um sein Leben.

Nach einer Woche wurden wir nach Düren in das Krankenhaus verlegt zur Nachbehandlung. Dort blieb ich mit ihm noch 2 Wochen. Es war heimatnah und meine Familie konnte uns besuchen kommen. Nach einer Woche dort äußerte ich meine Bedenken, dass mit den Ohren etwas nicht stimmt. Denn im Raum nebenan wurde umgebaut und gebohrt und Rainer saß auf dem Bett und Spielte ruhig weiter. Früher hatte er beim Bohren immer geschrieen. Diesmal nicht. Er schrie nur, wenn ich nicht zu sehen war. Ich nahm ihn mit zum duschen und auch auf die Toilette und sonst überall. Zuerst erklärten wir uns dieses Schreien mit dem Trauma und all den Medikamenten (teilweise war er auf Entzug durch das Dormicum für das künstl. Koma). Die Ärzte schauten in seine Ohren und meinten, das sehe doch gut aus, er habe nur etwas Schnupfen und sollte Nasenspray nehmen. Nach mehrmaligen Drängen erhielten wir einen Termin -in 4 Wochen bei einem Belege-Arzt um eine Innenohrvermessung machen zu lassen. Ich kam in die Praxis und wollte die Messung vornehmen lassen, aber keiner wusste Bescheid. Der HNO-Arzt untersuchte Rainer noch mal und meinte die Polypen müssten raus. Wir bekamen einen OP-Termin und einen neuen für die Innenohrvermessung. Beim nächsten Mal konnte diese Vermessung vorgenommen werden und eine Ärztin kam mit dem Befund ins Sprechzimmer, schaute ihn an und ging wieder raus. Da war ich skeptisch. Doch die Bemerkung von ihr hinterher hat mich dann doch zuerst beruhigt. Sie meinte, es sei soweit okay, aber das Kind wäre sehr unruhig gewesen und den nächsten Termin würden wir unter Beruhigungsmittel machen.

Mittlerweile waren die Sommerferien da und wir fuhren in Urlaub. Immer öfters hatte ich den Eindruck, dass Rainer nicht gut hört. Er schrie viel und schrill und diese Schreien erkannte ich wieder als das Schreien eines schwerhörigen Mädchen aus unserer Straße. Ich sagte noch zu meinem Mann, "Rainer schreit wie Dina".

Nach den Ferien stand die OP an und die Untersuchung. Die OP verlief glatt, doch bei der Untersuchung lief nichts, weil Rainer Durchfall hatte und die Beruhigung mit einem Zäpfchen erfolgen sollte. Auf den Gedanken dies mit einem Saft zu tun kam leider keiner, ich auch nicht, erst hinterher. Das Leben mit Rainer gestaltete sich immer schwieriger. Er wurde aggressiver und ich auch. Und immer wieder war der Verdacht, - da stimmt was nicht. Jeder andere meinte, - er hört doch.

Ich wurde völlig unsicher und konnte meinem Urteil nicht mehr trauen. Nachher dachte ich, "Willst du dein Kind unbedingt behindert reden?". In diese Zeit fiel die nächste U-Untersuchung und meine Kinderärztin schickte mich in die Phoniatrie ins Klinikum. Bis man dort einen Termin bekommt dauert es 6-8 Wochen im günstigsten Fall. Insgesamt hatten wir 5-6 Termine, bis der Verdacht entstand, dass vielleicht etwas nicht stimmen könnte. Im Mai 1997 wurde dann eine BERA in Vollnarkose gemacht und da stand es dann endlich fest.

Er ist hörgeschädigt!

Es hört sich unglaublich an, aber ich war erleichtert. Mir fiel eine Zentnerlast von der Seele . Denn daran konnten wir arbeiten. Und ich lag richtig. Dann ging eigentlich alles sehr schnell. Ich überlegte mir wie ich reagieren würde, wäre ich in Rainers Lage, und bemühte mich ihn immer anzutippen, wenn ich etwas von ihm wollte. Das hat die Lage zwischen ihm und mir etwas entschärft. Er bekam einen Platz in der Frühförderung und wir lernten auch andere Eltern kennen und natürlich auch die Kinder. Ein Teil der Eltern schloss sich zu einer Elterngruppe zusammen und wir treffen uns noch heute regelmäßig. Als die Kinder aus der Wechselgruppe (Vorkindergartengruppe mit Hörerziehung) in den Kindergarten kommen sollten, haben mein Mann und ich ganz genau überlegt, was für unser Kind gut sein könnte. In allen Überlegungen bei unseren Sorgenkindern stand für uns immer im Vordergrund das zu tun, was für unserer Kinder richtig sein könnte und nicht das, was das Umfeld dazu sagt. Mein Mann war zu dem Zeitpunkt Leiter der Zweigstelle der Sparkasse in unserem Dorf und es gehört schon Mut dazu zu sagen, -meine jüngsten Kinder gehen auf Sondereinrichtungen. Trotz der Fahrtzeit von 45 min einfache Fahrt entschlossen wir unseren Rainer in dem Gehörlosen/Schwerhörigenkindergarten anzumelden. Seine Sprache war minimal und er wäre trotz seines starken Willens im Regelkindergarten untergegangen. Ab August 1998 besuchte er den Kindergarten und war für 2 Monate mit einem CI-Mädchen allein in der Gruppe. Das hat viel gebracht. Dort hörten wir auch von LGB und DGS. Da die Sprache von Rainer minimal war, sah ich darin eine Chance, mit ihm in Kontakt zu treten. Ich rede sowieso immer viel mit den Händen und es erschien mir nur natürlich zu sein. Also belegten wir im HZG (Hörgeschädigtenzentrum) einen Kurs, der speziell auf Kinder angelegt war. Rainer lachte sich schlapp, als wir die ersten Gebärden benutzen, aber wir hatten einen Draht zu unserm Kind gefunden. Die Unterhaltung lief natürlich spärlich, aber sie war da.

Im Kindergarten wurde und wird die LBG angewendet, was wir nur unterstützen konnten. Es gab aber auch Eltern, die ihre Kinder aus dem Kindergarten genommen haben, eben weil gebärdet wurde. Das habe ich nie verstehen können. Meistens waren das Eltern von CI Kindern! Die Kinder sollten unbedingt die Lautsprache erlernen. Die meisten sind in den Regel- oder Integrativkindergärten gescheitert und zurückgekommen und fangen an zu gebärden.

Dass unser Sohn heute lautsprachlich so gut ist, führen wir zum großen Teil auf die Gebärden zurück. Denn bei einem normal hörenden Kind werden doch auch Gebärden (natürliche) angewandt, wenn es noch nicht sprechen kann. Diese Diskussion kann ich nicht verstehen. Keineswegs hat die Gebärdensprache die Lautsprache Rainers negativ beeinflusst, sondern im Gegenteil! Wenn ich mit einem Menschen in Kontakt treten möchte geht das doch nur über Sprache. Egal ob Lautsprache, DGS, LGB oder englisch oder andere Sprachen.

Ich sehe das so, Rainer hat die Chance zweisprachig aufzuwachsen und für welche er sich nachher entscheiden sollte ist seine Sache. Er ist mittlerweile in seiner Lautsprache so gut, dass Fremden nicht auffällt, dass er schwerhörig ist. Natürlich ist sein Wortschatz nicht alters entsprechend, aber vielleicht holt er das noch auf. Im Sommer geht er auf die Gehörlosenschule und dann sehen wir weiter. Vielleicht ist er in 2/3 Jahren soweit, dass er eine Regelschule besuchen kann, oder auch nicht. Abwarten! Unsere DGS-Lehrerin kommt auch 1x wöchentlich in den Kindergarten und unterrichtet die Kinder in DGS. Dies wird von den Eltern gesponsert. Seit Rainer in der Lautsprache so gut geworden ist, fallen die Gebärden bei uns zuhause mehr und mehr weg. Dies empfinde ich als natürlich, denn bei meinen anderen Kinder sind die natürliche Gebärden auch mit Fortschreiten der Sprache weggefallen. Hätte sich die Lautsprache bei Rainer nicht so entwickelt, würden die Gebärden bei uns dann zugenommen haben.

 

Der Hörverlust bei Rainer

Rainer hat einen Steilabfall, d.h. er hört tiefe Töne fast so gut wie ein "Normalhörender", aber bei 1000 Hz ist erst bei 80 Db der Anfang. Damit gilt er als an Taubheit grenzend schwerhörig.

Das Kuriose ist allerdings, dass er ja noch etwas hört und mit dem was da ankommt sich im häuslichen Umfeld sehr gut zurechtfindet auch ohne Hörgeräte. Dies hat natürlich die Diagnose erschwert und mir wird immer wieder die Frage gestellt, das es doch besser geworden ist. Darauf antworte ich " wenn ich meinen Finger weg habe, ist er weg. Und was im Ohr kaputt ist, ist kaputt und kommt nicht wieder. Rainer entwickelt sich gut und deshalb meinen alle, es wäre besser geworden." Im Moment bereitet das Leben mit Rainer keine großen Schwierigkeiten, bis auf das leidige Thema Hörgeräte. Ohne Hörgeräte ist er doch aufgeschmissen. Ich merke das schon an allen Ecken und Enden. Aber er möchte sie nicht gerne anziehen. Im Kindergarten ja , bei der Logopädin bestehe ich drauf, aber zuhause kommt er einigermaßen klar. Er meint auch, dass seine Ohren in Ordnung seien, weil er ja etwas hört.

Bettina Schillings

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